Am Tag nach dem Abhängen des umstrittenen Großbanners ·People's Justice· des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi, bleiben auf dem Friedrichsplatz das leere Gerüst sowie die Ständer für die ebenfalls entfernten Pappfiguren zurück.  | dpa

Antisemitismus-Eklat "Die documenta hängt am seidenen Faden"

Stand: 22.06.2022 19:04 Uhr

Nach dem Antisemitismus-Eklat auf der documenta fifteen werden Forderungen nach personellen Konsequenzen immer lauter - auch von Seiten des Zentralrats der Juden. Kanzler Scholz will der Ausstellung fernbleiben.

Die Kritik an der "documenta fifteen" reißt auch nach der Entfernung eines Kunstwerks mit antisemitischen Darstellungen nicht ab. Es müsse jetzt über personelle Konsequenzen nachgedacht werden, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster.

Es sei richtig, dass das Gemälde des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi abgehängt worden sei. Damit sei jedoch das Thema Antisemitismus und die Nähe der diesjährigen documenta zur Israel-Boykott- Bewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) nicht abgehakt. Der BDS wird unter anderem vom Bundestag als antisemitisch eingestuft.

"Es muss jetzt über personelle Konsequenzen nachgedacht werden", sagte Schuster. Nähere Angaben machte er dazu nicht. Deutschlands Ansehen in der Welt habe durch diesen Vorfall bereits Schaden genommen.

Umstrittenes Bild inzwischen entfernt

Bei der am Samstag eröffneten "documenta fifteen" war auf einem riesigen Wimmelbild der indonesischen Künstlergruppe "Taring Padi" auf dem zentralen Friedrichsplatz in Kassel ein Mann in Anzug und Krawatte mit haifischartigen Reißzähnen zu sehen, die Augen rot unterlaufen. An den Seiten hängen Schläfenlocken, das Jackenrevers ist gelb, die Signalfarbe der Juden im Mittelalter. Am Hut prangen die SS-Runen.

Auf einem anderen Detail wird unter einem Kanonenrohr eine Person in Uniform mit einer Schweinsnase gezeigt. Auf dem roten Halstuch ist der Davidstern zu sehen, auf dem Helm der Name des israelischen Geheimdienstes Mossad. Nach öffentlichen Protesten wurde das Bild "People's Justice" am Montagabend zunächst mit schwarzen Tüchern verhängt, am Dienstagabend dann auf Beschluss des documenta-Aufsichtsrates entfernt.

Der Kasseler Soziologie Heinz Bude bezeichnete die Vorgänge bei einer Veranstaltung der Universität Kassel als "die größte Beschädigung der Marke documenta seit ihrem Bestehen". Das sei ein Fazit, das man schon jetzt ziehen könne, sagte der Gründungsdirektor des documenta-Institutes.

Zeitung: Scholz bleibt Documenta fern

Die Antisemitismus-Vorwürfe haben Scholz nach einem Bericht der "Jüdischen Allgemeinen" veranlasst, auf einen Besuch der Kunstausstellung zu verzichten. Eine Regierungssprecherin sagte der Wochenzeitung, der SPD-Politiker habe "in den vergangenen 30 Jahren wohl keine Documenta versäumt", werde dieses Mal aber nicht nach Kassel reisen. Grund seien die judenfeindlichen Abbildungen auf dem mittlerweile abgehängten Wandgemälde von Taring Padi.

Bundesweit wurden am Mittwoch Rufe nach weiteren Konsequenzen lauter. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, bezeichnete die antisemitischen Vorfälle als so eklatant, dass jetzt nur eine breite öffentlich geführte Debatte unter Einbeziehung des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Kunst- und Kulturverbände die Ausstellung retten könne. "Die documenta fifteen hängt nur noch am seidenen Faden. Es ist jetzt die Aufgabe der Verantwortlichen für die Ausstellung, das Ruder herumzureißen", sagte Zimmermann.

Der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst, sagte dem Evangelischen Pressedienst, die Generaldirektorin der documenta, Schormann, müsse sich fragen lassen, ob sie an richtiger Stelle sei und womöglich über einen Rücktritt nachdenken. Die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Beate Hofmann, forderte eine Aufarbeitung. "Antisemitische Äußerungen dürfen nicht geduldet werden. Es ist wichtig, sie zu identifizieren und zu bekämpfen, weltweit", sagte sie.

Generaldirektorin entschuldigt sich

Hessens Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) sieht das Problem zum Teil in einem fehlenden verantwortlichen Kurator begründet. "Die Verantwortung für die gezeigte Kunst liegt in erster Linie bei der künstlerischen Leitung. Dass diese von der Findungskommission diesmal einem Kollektiv übertragen wurde, nicht einem einzelnen Kurator oder einer einzelnen Kuratorin, hat offenbar dazu geführt, dass die Sorgfalt und die Verantwortung des Kuratierens gelitten haben", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Dorn betonte, ihr sei auf mehrfache Nachfragen immer wieder versichert worden, es gebe keine Hinweise auf antisemitische Bildsprache auf der Ausstellung.

Generaldirektorin Schorman hatte sich zuvor entschuldigt. Auch ihr sei versichert worden, dass auf der documenta fifteen keine antisemitischen Inhalte zu sehen sein würden. "Dieses Versprechen haben wir leider nicht gehalten. Und das hätte nicht passieren dürfen", sagte sie dem ZDF und dem Hessischen Rundfunk. "Antisemitische Darstellungen dürfen in Deutschland, auch in einer weltweit ausgerichteten Kunstschau keinen Platz haben. Dies gilt ausdrücklich auch bei allem Verständnis für die Belange des Globalen Südens und die dort verwendete Bildsprache."

Kritik an pro-palästinensischen Propagandafilmen

Für weitere Kritik sorgten derweil pro-palästinensische Propagandafilme im Programm der Kasseler Kunstschau. Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, kritisierte, dass die documenta im Programm unkommentiert pro-palästinensische Propagandafilme aufführe. Diese Filme stünden in Verbindung mit der linksterroristischen und antisemitischen Gruppe Japanische Rote Armee, die Anfang der 70er-Jahre Anschläge in Israel mit vielen Toten verübt hatte.

"Wir haben es hier nicht nur mit der Verbreitung antisemitischer Klischees zu tun, sondern mit der Präsentation von Propagandafilmen aus einem anti-israelisch-terroristischen Kontext", sagte Claussen dem epd. Zuvor hatte die "Süddeutsche Zeitung" über die Filmvorführungen berichtet.

Die seit 1955 alle fünf Jahre in Kassel zu sehende documenta gilt als eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Die "documenta fifteen" dauert bis zum 25. September.