Ditib-Zentralmoschee in Köln | Bildquelle: dpa

Ditib-Vorstand gewählt Alles andere als ein Neuanfang

Stand: 09.01.2019 02:02 Uhr

Staatsferner, offener, liberaler - nach einer Reihe von Skandalen sollte die Neuwahl des Ditib-Vorstands einen Neustart bringen. Nun sieht es so aus, als ob beim Moscheeverband alles beim Alten bleibt.

Von Isabel Schayani und Elmas Topcu, WDR

Die letzten Jahre liefen für den Moscheeverband Ditib nicht gut: Da war der Spionagevorwurf gegen 19 Ditib-Imame, die Gülen-Anhänger ausspioniert haben sollen; in der Folge harsche Kritik von deutschen Regierungsvertretern; Veranstaltungen mit als Soldaten verkleideten Kindern in Ditib-Moscheen.

Und dann war da noch die Eröffnung der Zentralmoschee in Köln durch Präsident Erdogan, die kein politischer Erfolg war. Stets lautete der Vorwurf gegen den Verband, zu dem rund 900 Moscheen in Deutschland zählen, er werde von der türkischen Regierung gelenkt.

Diesen Vorwurf und die Diskussionen wollte der Moscheeverband entkräften - und zwar mit der Wahl eines neuen Vorstandes, die Anfang Januar stattfand. Man wolle die "seit nahezu drei Jahren andauernden Debatten entschärfen und einen Neuanfang starten", hoffte Ditib zum Jahresanfang. Doch nachdem die Ditib nun das Wahlergebnis bekannt gegeben hat, wirkt das mit diesem Personaltableau zweifelhaft.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei seiner Eröffnungsrede für die Ditib-Moschee in Köln. | Bildquelle: AFP
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei seiner Eröffnungsrede für die Ditib-Moschee in Köln.

Ein "Neuanfang" mit der Vorstandswahl?

Dabei schien alles bestens vorbereitet: Am 4. Januar dieses Jahres schlug der Beirat, zu dem auch der Präsident und der Vizepräsident der türkischen Religionsbehörde Diyanet gehören, 14 Kandidaten für den Vorstand vor. Sodann wählte die Mitgliederversammlung. Sie ist eine Mischung aus türkischen Diplomaten aus Europa, ohne Deutschland-Bezug und hiesigen Ditib-Funktionären.

Das Ergebnis dürfte die türkische Regierung zufrieden stellen: Drei der sieben Vorstandsmitglieder sind Vertreter beziehungsweise Beamte der türkischen Religionsbehörde in Ankara, vier sind Ditib-Funktionäre aus Deutschland.

Das Bundesinnenministerium erkennt in der Wahl dieser Personen keinen "Neuanfang": "Im Gegenteil: Mit dem Vorsitzenden und dem stellvertretenden Vorsitzenden leiten zwei aus der Türkei entsandte Beamte der staatlichen türkischen Religionsbehörde den DITIB-Vorstand", erklärte eine Sprecherin des Ministeriums. "Damit wird Ditib nach wie vor eng vom türkischen Staat gesteuert."

Bilderbuchkarriere eines Staatsdieners

Der neue Vorsitzende ist Kazim Türkmen, Jahrgang 1972, ein ranghoher türkischer Staatsbediensteter mit Bilderbuchkarriere. Vom Imam in Dinslaken arbeitete er sich zum Religionsattaché in Stuttgart hoch und war bereits von 2012 bis 2014 im Ditib-Vorstand, zuständig für Buchhaltung.

Das ist offenbar das Privileg der Regierungsvertreter an der Ditib-Spitze. Sie entscheiden über das Geld - und das gibt ihnen Macht. 2014 ging Türkmen zurück in die Religionsbehörde nach Ankara, wo er eine wichtige Position als Abteilungsleiter innehatte: Er war bis 2018 für die sogenannten Auslandstürken zuständig und damit auch für die Imame, die in den deutschen Moscheen der Ditib arbeiten und von Ankara bezahlt werden.

Türkmen, mittlerweile weiter aufgestiegen zum Botschaftsrat für religiöse Angelegenheiten, steuert nun den größten Moscheeverband.

Trotz Spionageskandals weiter im Vorstand

Der wiedergewählte stellvertretende Vorsitzende Ahmet Dilek war 2016 bei der Spionage-Affäre der zuständige Religionsattaché im Kölner Konsulat der Türkei. Die sechs Staatsdiener, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelte, waren ihm untergeordnet. Gegen ihn wurde nicht ermittelt, doch das Ausspionieren von möglichen Gülen-Sympathisanten durch Ditib-Imame und Mitarbeiter fiel in seine Zuständigkeit.

Der dritte Regierungsvertreter im Vorstand ist Abdurrahman Atasoy, er bekleidet das Amt des Generalsekretärs. Atasoy gilt als enger Vertrauter von Türkmen und Dilek. Auch er soll direkt von der Religionsbehörde bezahlt werden. Ditib gibt hierzu keine Auskunft. Mit diesen Funktionären, sagt ein dem Vorstand nahestehender Kenner, sei der Einfluss aus Ankara noch größer geworden, denn alle seien Gleichgesinnte.

Der neue Ditib-Vorstand mit Ahmet Dilek (4. von rechts), Kazim Türkmen (3. von rechts) und Abdurrahman Atasoy (links) | Bildquelle: DITIB Köln
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Der neue Ditib-Vorstand mit Ahmet Dilek (4. von rechts), Kazim Türkmen (3. von rechts) und Abdurrahman Atasoy (links)

"Permanente Gängelung"

Auch der Erlanger Rechts- und Islamwissenschaftler Mathias Rohe betrachtet die Entwicklungen kritisch. Viele aufgeschlossene, inlandsorientierte Mitarbeiter hätten sich "wegen der permanenten Gängelung durch obrigkeitliche türkeiorientierte Vorgaben zurückgezogen, so auch der gesamte Bundesjugendvorstand".

Bei der Ditib spiele sich ein Konflikt an der Spitze und an der Basis ab, meint die Göttinger Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus. Die Mitglieder, die "deutschlandorientiert und für ein offenes Miteinander" seien, würden sich abwenden oder von der Ditib rausgeworfen. Dabei sollte die deutsche Politik lieber Initiativen, die "nicht-türkei-gelenkte" Einrichtungen gegründet haben, unterstützen.

Landesregierungen überprüfen Zusammenarbeit

NRW und Hessen gelten als Vorreiter beim islamischen Religionsunterricht. Das hessische Kultusministerium prüft bis Ende Januar, ob eine weitere Zusammenarbeit mit dem Ditib-Landesverband vertretbar ist. Ein Sprecher des Kultusministeriums sagte: "Die konkrete Einflussnahme aus Ankara und Köln müssen wir ausschließen."

Auch das NRW-Schulministerium hat noch in dieser Woche ein Treffen mit dem Ditib-Vorstand vorgesehen. Das baden-württembergische Kultusministerium sieht ebenfalls die enge Verbindung als Gefahr für die Integration.

Trotzdem will das Bundesinnenministerium sowohl mit der Spitze als auch mit der Basis im "kritischen Dialog" bleiben. Vor Ort biete Ditib durch "religiöse und soziale Dienstleistungen" wichtige Beiträge für das muslimische Leben in Deutschland". Für jene Ditib-Mitglieder, die auf eine Öffnung hin zur deutschen Gesellschaft gehofft hatten, war das kein guter Start ins neue Jahr.

Über dieses Thema berichtete WDR Aktuelle Stunde am 07. Januar 2019 um 18:45 Uhr.

Korrespondentin

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Isabel Schayani, WDR

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