Ein Rollstuhlfahrer steht auf dem Bahnsteig im Frankfurter Hauptbahnhof. | Bildquelle: dpa

Diskriminierung im Alltag "Mitleid bringt uns nichts"

Stand: 09.06.2020 15:42 Uhr

Nicht nur Benachteiligung und offene Ablehnung können als diskriminierend empfunden werden. Im Alltag beginnt Diskriminierung für viele Betroffene schon früher - manchmal auch bei einem Kompliment. Drei Erfahrungsberichte.

Hautfarbe, Religion, Behinderung - wer aus der vermeintlichen Norm fällt, hat es in Deutschland oft schwerer. Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes sind im vergangenen Jahr erneut mehr Meldungen wegen Diskriminierung eingegangen als im Jahr davor. Doch nicht nur offene Ablehnung oder Benachteiligung wird von vielen als diskriminierend empfunden. Wo beginnt im Alltag Diskriminierung?

alt Judyta Smykowski | Bildquelle: Andi Weiland

Judyta Smykowski

Die Journalistin Judyta Smykowski, Jahrgang 1989, leitet das Projekt Leidmedien.de, das sich für klischeefreie Sprache und Bildsprache über Behinderung in den Medien und der Gesellschaft einsetzt. Außerdem verantwortet sie das Magazin Die Neue Norm. In ihren Artikeln schreibt sie auch über das Leben mit dem Rollstuhl.

Judyta Smykowski

"Natürlich können Worte diskriminierend wirken, Schimpfworte vor allem. Was im Leben von Menschen mit Behinderung aber oft auch eine große Rolle spielt, sind Mitleid und Bewunderung - das Unterschätztwerden und das ständige Hervorheben der vermeintlichen Unterschiede. Sätze wie 'Toll, wie du das meisterst' etwa - darauf antworte ich meistens: Nein, das ist ganz normal für mich. Oder auch der Satz 'Ich könnte das nicht'. Das meinen die Leute nicht böse. Aber das bringt nichts, weil einem ja nichts anderes übrig bleibt und man die Behinderung zumeist akzeptiert hat.

Das Problem ist, bei behinderten wie auch bei schwarzen Menschen: Sie sollen immer von ihren Diskriminierungen erzählen, um Einblicke zu gewähren. Daraufhin folgt aber meist nur wieder das Mitleid, und Mitleid bringt uns nichts. Mehr Maßnahmen für Barrierefreiheit würden uns etwas bringen. Man muss bei den Strukturen ansetzen.

Es ist in Deutschland zum Beispiel Glückssache, ob man mit Behinderung auf die Regelschule geht oder auf die Förderschule. Wenn man mit Behinderung auf eine Förderschule geht, dann landet man danach nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt, sondern in einer Werkstatt, wo man nur ein Taschengeld verdient. Menschen mit Behinderungen kommen in unseren Strukturen und auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum vor. Dadurch entstehen auch Unsicherheiten im Umgang mit ihnen.

Wenn es dann zu einer Begegnung kommt: Einfach das fragen, was man nicht-behinderte Menschen auch fragen würde. Und wenn man glaubt, jemand brauche Unterstützung: Erst fragen, ob man helfen soll, und wirklich eine Antwort abwarten. Es kommt auch vor, dass Menschen ein Nein nicht akzeptieren, weil sie sich besser fühlen wollen und sagen: eine gute Tat pro Tag. Das ist eine Art Übergriffigkeit, die wirklich nicht angenehm ist."

alt Pierre Sanoussi-Bliss | Bildquelle: picture alliance / rtn - radio t

Pierre Sanoussi-Bliss

Der Schauspieler und Regisseur Pierre Sanoussi-Bliss wurde 1962 in Ost-Berlin geboren und der breiten Öffentlichkeit ab 1997 als Axel Richter in der Fernsehserie "Der Alte" bekannt. Heute spielt er vor allem Theater.

Pierre Sanoussi-Bliss

"Ich laufe nicht durch die Gegend und fühle mich ständig diskriminiert. Aber es gibt so ein unbewusstes Verhalten der deutschen Leithautfarbe, die ja nun einmal weiß ist, wo sich Rassismus und Diskriminierung vermischen. Rassismus ist es, wenn mir der Hausdetektiv sofort folgt, wenn ich das Kaufhaus betrete. Als diskriminierend würde ich es dann empfinden, wenn er mich wirklich anhält und am Verlassen des Kaufhauses hindert, weil er den Kassenbon sehen möchte. Aber man tut ja nicht das eine in einen Topf und das andere in einen anderen. Natürlich fühle ich mich auch diskriminiert, wenn in einer voll besetzten U-Bahn der Platz neben mir frei bleibt, weil niemand sich neben mich setzen möchte.

Und in gewisser Weise ist es ja auch rassistisch, dass ich nun wieder zu diesem Thema gefragt werde. Ich bin kompetent beim Thema Kunst, bei der Tagespolitik, bei was weiß ich. Aber ich werde angerufen, wenn ein Schwarzer getötet wurde. Diskriminiert fühle ich mich dadurch nicht, aber es reduziert einen auf die Hautfarbe.

Wo sich kaum etwas geändert hat in den vergangenen Jahrzehnten, ist beim deutschen Fernsehen. Es ist wie mit Persil gewaschen - rein weiß, nur hin und wieder gibt es einen kleinen Flecken. Ich bin seit 35 Jahren in diesem Job und es tut sich nichts. Nur weil hier und da mal ein Schwarzer besetzt wird, ändert sich ja nichts. Wir kommen nur vor, wenn das Schwarzsein ein Thema oder Problem des Films ist, aber nicht als normaler Mitbürger als Teil dieser Gesellschaft.

Es ist erschreckend, dass wir nicht sichtbar sind. Wir kommen einfach nicht vor. Und das ist die eigentliche Diskriminierung: Uns unsichtbar zu halten. Wenn nun im deutschen Fernsehen die Kommissare irgendwo klingeln - warum macht nicht einfach mal ein Schwarzer die Tür auf, ohne dass auch gleich erzählt werden muss, warum der nun schwarz ist? Das Publikum macht sich darüber keine Gedanken, das schaut sich auf Netflix und Amazon Serien an, in denen es asiatisch, schwarz und weiß, bunt gemischt zur Sache geht. Die Zuschauer sind hierzulande weiter als die Redakteure und Filmemacher."

alt Alice Hasters | Bildquelle: H. Henkensiefen/pixxwerk.de

Alice Hasters

Alice Hasters wurde 1989 in Köln geboren. Sie arbeitet als freie Journalistin unter anderem für die Tagesschau und den RBB. Im September 2019 erschien ihr Buch: "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten"

Alice Hasters

"Diskriminierung beginnt nicht erst mit der Beleidigung oder Abwertung. Rassismus ist eine teilweise unbewusste, internalisierte Denkweise - der Grundgedanke, dass wir von Natur aus verschieden seien, dass bestimmten Menschengruppen bestimmte Eigenschaften vorliegen würden. Das kann sich auch in positiven Bemerkungen äußern, das können auch vermeintliche Komplimente sein. Wie etwa: Ich hätte Rhythmus im Blut, ich könne gut tanzen oder singen oder könne gut Basketball spielen - das sind alles Dinge, die mir aufgrund meines Schwarzseins unterstellt wurden.

Dann auch Biologistisches, wenn es etwa heißt, Kinder von schwarzen und weißen Eltern sind besonders süß oder schlau, weil der Genpool so weit auseinander liege. Hanebüchene Annahmen von irgendwelchen Evolutionen, wo letztlich doch wieder in Rassen gedacht wird. Aber auch Fragen wie, ob ich eigentlich einen Sonnenbrand bekommen könne oder ob ich mich wohler fühle bei Hitze. Durch diese Fragen verrät man, dass man meint, ich sei von Geburt aus anders und würde als Mensch grundlegend anders funktionieren.

Diese Dinge kommen häufig und völlig unbedacht. Viele Leute wollen das "Anderssein" thematisieren, weil es für sie sehr präsent ist, und es dann aber in einem Witz verpacken. Sie erwarten von mir, dass es für mich selbstverständlich ist, mich und meine Existenz zu erklären - und das wird von weißen Menschen zum Beispiel nie erwartet. Wenn ich dann sage, dass etwas rassistisch ist, wird das im seltensten Fall angenommen. Dann wird gesagt: Das ist nun aber übertrieben, und oft ist der Anspruch, dass ich mich für den Rassismusvorwurf entschuldigen soll. Die Leute haben ja schon verstanden, dass Rassismus etwas Schlechtes ist. Niemand will rassistisch sein.

Aber Rassismus ist eben auch größer als das individuelle Handeln. Rassismus ist schon da, bevor irgendjemand irgendetwas gesagt hat. Rassismus kann auch sein, dass ich aufgewachsen bin in einem Land, in dem ich mich nie repräsentiert gesehen habe. Dass nicht-weiße Menschen überproportional oft in prekären Verhältnissen leben. Wir werden rassistisch sozialisiert, kurz gesagt. Man kann also gar nicht fragen: Wann beginnt das? Es ist quasi schon da."

Rassismus: Betroffene schildern Alltagserfahrungen
21.03.2018

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. Juni 2020 um 17:45 Uhr.

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