Schulleiter Bodo Philipsen

Digitalpakt Der Schulleiter als Mängelverwalter

Stand: 30.06.2019 07:29 Uhr

Milliarden stehen durch den Digitalpakt bereit, um Schulen mit Pads und Rechnern aufzurüsten. Doch in vielen Schulen stapeln sich die Probleme. Die digitale Ausstattung ist allenfalls ein Randaspekt.

Von Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

Bodo Philipsen müsste sich eigentlich mit dem anstehenden mündlichen Abitur beschäftigen oder mit dem Elternbeirat, der sich für den Vormittag angekündigt hat. Aber dazu kommt er nicht, anderes geht vor: Zum einen muss er dringend ein Treffen mit dem Psychiater einer depressiven Schülerin vereinbaren. Zum anderen muss er sich mit dem Amt über das Ordnungsgeld gegen einen Dauerschwänzer austauschen. Auch so etwas gehört zu seinen Aufgaben als Schulleiter am Gymnasium im schwäbischen Sindelfingen.

Auf seinem Schreibtisch liegt die Einladung zur Verabschiedung von zehn Lehrerkollegen an seiner Schule. Keiner davon geht in vier Wochen in Pension, wenn die Sommerferien in Baden-Württemberg beginnen. Alle waren an seiner Schule nur befristet angestellt. Philipsen bekommt im nächsten Schuljahr zwölf neue Lehrer. Obwohl er es wollte - behalten durfte er keinen.

Jede zehnte Schulstunde fällt aus

Eine davon ist Kathrin Pankalla. Nach ihrem Referendariat gab es hier am Gymnasium in Sindelfingen für sie aber nur eine Halbjahresvertretung - ohne Perspektive. Das hatte sie sich anders vorgestellt. "Ich habe gerade an der Schule angefangen, versucht, mich auf Schüler und Kollegen einzulassen und musste mir gleichzeitig schon wieder einen neuen Job suchen", beschreibt sie ihren frustrierenden Start ins Lehrerleben.

Immerhin hat sie ihre Traumstelle gefunden, wird sogar an einem Gymnasium verbeamtet, nur nicht gleich ums Eck: Pankalla zieht dafür nach Hamburg. So flexibel sind nicht alle. Jedes Jahr bleiben alleine in Baden-Württemberg 2000 neu ausgebildete Gymnasiallehrer ohne Job. Gleichzeitig fällt hier in Sindelfingen jede zehnte Stunde aus. Und es gibt hier Klassen mit bis zu 34 Schülern.

85 Prozent Migrationshintergrund in Klasse 5

"Das ist deswegen so problematisch, weil unsere Schülerschaft immer schwieriger wird", erzählt Schulleiter Philipsen und kritisiert vor allem die ständigen Lehrerwechsel. "Immer mehr Schüler kommen aus Familienverhältnissen, die schwierig sind. Wir müssen immer mehr Erziehungsarbeit leisten." Kontinuität sei für die Jugendlichen dabei das A und O, ein jährlicher Wechsel der Bezugsperson Gift für den Lernerfolg.

Gästen zeigt er gerne die große Weltkarte im Treppenhaus. Auf allen fünf Kontinenten sind viele der Länder blau markiert. Aus diesen Ländern, mehr als 70, stammen Schüler, die auf sein Gymnasium gehen. In Klasse fünf haben 85 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Eine Herausforderung. "Es sind nicht nur die Deutschkenntnisse, sondern auch die kulturellen Kenntnisse", sagt Schulleiter Philipsen. "Die allerwenigsten Schüler haben eine demokratische Grundsozialisation." Rechtsstaat, Sozialstaat, Medienfreiheit - das würden die meisten aus ihren Herkunftsländern nur bedingt kennen. Zusätzliches Personal gebe es für seine Schule deswegen aber nicht.

Dabei will er gar nicht nur Jammern und auch nicht alles besserwissen als seine Kultusministerin vielleicht oder die Politiker in Berlin. Es gäbe auch viele schöne Dinge über seine Schule zu berichten: Wie gut die Schüler trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe zusammenhalten würden, zum Beispiel. Aber er nimmt als Schulleiter, der mit 65 Jahren sein Gymnasium in diesem Sommer verlassen wird, auch kein Blatt vor den Mund.

Besonders ärgert er sich über den Zustand des Schulgebäudes. Es ist in die Jahre gekommen, wie so viele andere Schulen deutschlandweit. Vor ein paar Tagen haben sie in der ersten Etage 43 Grad gemessen. Auf dem Gang, wo sie es im Winter nie wärmer als 16 Grad geheizt bekommen. "Die Schulen strahlen den Charme der 1960er-Jahre aus. Die Schüler sind aus Einkaufszentren anderes gewohnt", sagt Philipsen. "Da ist es sehr viel schöner." So lernen die Jugendlichen schnell, was in der Gesellschaft wertgeschätzt werde - nämlich Konsum und nicht Bildung, meint er.

Computer an Schulen - Digitalpakt | Bildquelle: dpa
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Keine Euphorie - obwohl es Geld für neue Rechner gibt. (Archivbild)

"Wie ein Mercedes, der nur in der Garage steht"

Ein Blick in einen PC-Raum zeigt, warum sich der Schulleiter zumindest über den Digitalpakt zwischen Bund und Ländern freut. Die Rechner sind völlig veraltet - nun kann es endlich Geld für Neue geben. Trotzdem ist er nicht gerade euphorisch. "Man sagt ja jetzt schon: Die fünf Milliarden Euro reichen nicht, weil in fünf Jahren die Geräte wieder abgeschrieben sind und durch Neue ersetzt werden müssten", sagt Philipsen. Und dann ist da noch die Sache mit der Wartung.

Ohne ausreichenden Support nutzt die beste Ausstattung nichts. Er hat dafür sein eigenes Bild: "Wenn die Geräte nicht ständig gewartet werden, sind sie wertlos, wie ein Mercedes, der nur in der Garage steht." Zwar gibt es vom Bund auch Geld für solche Dienstleistungen, aber erstens reiche es nicht und zweitens sei der Markt an Fachkräften dafür leergefegt, erzählt Philipsen.

Eigentlich ist Philipsen Schulleiter an einem Gymnasium in Sindelfingen. Aber nur eigentlich. Denn er ist wie viele seiner Kollegen, egal wo in Deutschland, längst zu einem Mängelverwalter geworden. Und das, obwohl doch immer wieder betont wird, wie wichtig Bildung für die Gesellschaft, für die Zukunft ist. "In jeder Richtung muss ich eigentlich immer schieben", beschreibt er seinen Alltag. "Ob beim Personal, bei den Sachmitteln oder dem Gebäude: Ich denke immer, ich mache ein Loch zu und reiße irgendwo anders ein Neues auf."

Über dieses Thema berichtete "Bericht aus Berlin" am 30. Juni 2019 um 18:30 Uhr.

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