Ein Schüler errechnet eine Gleichung mit einem iPad im Matheunterricht. | dpa

Digitalisierung an Schulen An Geld fehlt es nicht

Stand: 21.09.2020 04:54 Uhr

Heute treffen sich die Bildungsminister aus Bund und Ländern im Kanzleramt, um über Schulen in der Corona-Krise zu sprechen. Gerade die Digitalisierung kommt nicht voran. Warum eigentlich?

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

13. Klasse, Biologie Leistungskurs in der Max-Beckmann-Oberschule in Berlin-Reinickendorf. Jeweils drei oder vier Schüler teilen sich ein Tablet. Auf dem Stundenplan steht die DNA-Replikation.

Sandra Stalinski tagesschau.de

Wie genau das funktioniert, ist nicht ganz leicht zu verstehen. Biologielehrer Lucas Niemeyer greift deshalb auf ein Erklärvideo zurück. Allerdings ohne Text. Denn den müssen die Schüler selbst schreiben und anschließend einen Audiokommentar zum Video aufnehmen.

Was man sich früher anhand einzelner Schaubilder etwas mühsam zusammenreimen musste, wird im animierten Grafikvideo schnell anschaulich. Und ganz nebenbei lernen die Schüler auch noch, wie sie selbst ein Video vertonen können.

Biologielehrer Lucas Niemeyer arbeitet in seinem Leistungskurs mit Tablets

Mit guter Planung ist vieles machbar: Biologielehrer Lucas Niemeyer arbeitet in seinem Leistungskurs mit Tablets

40 Notebooks, 75 Tablets und zwei Computerräume

Digitale Inhalte wie diese verwendet Niemeyer gerade im Biologieunterricht der Oberstufe sehr häufig. Vieles lasse sich damit einfach besser erklären, sagt er. Zwar können nicht alle Klassen gleichzeitig die Geräte nutzen, mit guter Planung lässt sich aber vieles machen. Auf knapp 1000 Schüler kommen etwa 40 Notebooks, 75 Tablets, zwei mit mobilen Geräten ausgestattete Computerräume und zusätzlich eine größere Anzahl einzelner Geräte in jedem Klassenzimmer.

Damit dürfte die Max-Beckmann-Oberschule unter deutschen Schulen etwa im Mittelfeld liegen. Zwar gibt es staatlicherseits quasi keine Daten zur digitalen Ausstattung von Schulen, Vergleiche sind also schwierig. Doch Hinweise liefert eine WDR-Umfrage unter 396 Kommunen in Nordrhein-Westfalen. Demnach müssen sich in NRW im Schnitt 9,6 Schüler einen Desktop teilen. Auf ein Tablet kommen sogar 12,8 Personen. Am knappsten sind Laptops mit 30,2 Personen pro Gerät.

Während der Corona-Krise fehlte es an allem

Gerade im Corona-bedingten Lockdown hat sich gezeigt, dass Deutschlands Schulen beim Thema Digitalisierung reichlich Nachholbedarf haben. Weder gab es flächendeckend Geräte für digitalen Unterricht, noch ausgereifte Lernplattformen oder pädagogische Konzepte. Auch zu Hause haben viele Schüler keinen Zugriff auf ausreichenden Internetzugang und Geräte, mit denen sie sinnvoll am Homeschooling teilnehmen können.

An Geld mangelt es allerdings nicht. Vor knapp eineinhalb Jahren trat der DigitalPakt Schule in Kraft, bei dem der Bund den Ländern fünf Milliarden Euro Fördergelder zur Verfügung stellt, um die Digitalisierung voranzutreiben. Die Länder selbst legen noch einmal 500 Millionen Euro oben drauf. Wegen der Corona-Krise ist noch eine weitere Milliarde hinzugekommen: 500 Millionen Euro davon für mobile Endgeräte für das Homeschooling und 500 Millionen Euro für die Administration von schulischen Computersystemen.

Nur ein Bruchteil der Mittel abgerufen

Doch bislang ist von diesem Geld erst wenig in den Schulen angekommen. Zum Stichtag 30. Juni waren gerade mal 15,7 Millionen in die Länder geflossen. Nach eineinhalb Jahren Laufzeit des DigitalPakts nur ein winziger Bruchteil der Mittel. Immerhin sind 242 weitere Millionen bereits für Projektanträge bewilligt. Doch in einige Bundesländer ist noch nicht ein einziger Euro gegangen. Laut FDP-Parteivize Katja Suding eine "desaströse" Zwischenbilanz, die die "Ambitionslosigkeit von Bildungsministerin Karliczek" zeige.

Warum geht das alles so schleppend? Eine Teil-Schuld trägt offenbar die Corona-Pandemie. Denn wegen der notwendigen Sofort-Maßnahmen in den Schulen hätten Planungsprozesse für die Maßnahmen aus dem DigitalPakt Schule zurückgestellt werden müssen, heißt es aus dem Bildungsministerium. In gewisser Weise ein Paradox: Denn gerade in der Pandemie zeigte sich die Dringlichkeit der Digitalisierung an Schulen mehr denn je.

Anträge zu bürokratisch

Ein anderes Hindernis, das immer wieder genannt wird: Die Antragsmodalitäten für den Digitalpakt seien zu bürokratisch und kompliziert. Bevor Geld aus dem DigitalPakt fließen kann, müssen die Schulen beim Schulträger erstmal ein "Medienbildungskonzept" vorlegen, in dem dargelegt wird, was sie genau benötigen und mit dem Geld vorhaben. Eine legitime Anforderung: Denn es ergibt wenig Sinn, Schulen einfach mit Geräteparks auszustatten, für deren Nutzung es keine pädagogischen Konzepte gibt und für die womöglich noch nicht einmal die Wartung gesichert ist. Doch bis solche Konzepte geschrieben und bewilligt sind, vergeht Zeit.

Im Berliner Bezirk Reinickendorf scheint das jedoch nicht das Problem zu sein. Dort lagen schon bald 99 Prozent der Medienkonzepte vor, sagt Brita Tyedmers von der Schulaufsicht. In Berlin scheint das größte Hindernis der nicht vorhandene Breitbandanschluss.

Noch kein einziger Laptop aus DigitalPakt-Mitteln

Denn die Mittel aus dem DigitalPakt fließen in mehreren Phasen: Zuerst muss ein leistungsfähiger Server her. Dann muss die Strukturierte Vernetzung (LAN) und WLAN gewährleistet werden. Und erst dann fließen Mittel für interaktive Hardware wie Whiteboards beispielsweise und erst ganz zum Schluss für mobile Endgeräte wie Laptops und Tablets.

Das kann noch dauern, wie das Beispiel der Max-Beckmann-Oberschule zeigt. 408.000 Euro stehen der Schule aus dem DigitalPakt zu. Doch obwohl ihr Medienkonzept von Beginn an stand, ist dort noch kein einziger Laptop aus DigitalPakt-Mitteln angekommen. Allerdings war der DigitalPakt in erster Linie auch nicht für die Ausstattung mit Geräten gedacht. Maximal 25.000 Euro stehen dafür pro Schule zur Verfügung. Besonders viele Schüler lassen sich damit ohnehin nicht versorgen.

Sehr schnell bekam die Schule den notwendigen neuen Server. Als nächstes kam eine Firma, die die technische Ausstattung der Schule begutachtete, erzählt Schulleiter Matthias Holtmann. "Unsere Verkabelung ist zu alt, die muss komplett erneuert werden", sagt Holtmann. Zugute kommt der Schule, dass sie schon vor Jahren in Eigenregie in WLAN Access Points investiert hat, denn die können weitergenutzt werden. Doch derzeit bricht das Netz zusammen, wenn zu viele Klassen gleichzeitig darauf zugreifen. Die Verkabelung reicht einfach nicht für eine größere Datenmenge. Die Firma hat für die Vernetzung der Schule einen Kostenvoranschlag erstellt, der derzeit vom Bezirk geprüft wird.

Zu wenige Firmen für Netzausbau

Doch Berlin hat 900 Schulen. Und es gibt nur eine handvoll Firmen, die diese Dienstleistung anbieten. Zudem muss alles nach kompliziertem europäischem Vergaberecht ausgeschrieben werden. Auch deshalb hinkt Berlin beim Anschluss seiner Schulen an schnelles Internet deutlich hinterher.

Doch bevor die Anschlüsse mit entsprechender Vernetzung in den Schulen vorhanden sind, können aus dem DigitalPakt auch keine Geräte angeschafft werden. Das ist für Schulleiter Holtmann eine der Erklärungen dafür, dass der DigitalPakt so schleppend vorankommt. Er stellt sich darauf ein, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis die Max-Beckmann-Oberschule alle ihr zustehenden Mittel ausgeschöpft hat. Unterdessen ist er dabei, fleißig selber Geräte anzuschaffen. Schließlich kann er bei einem Teil der jährlichen Haushaltsmittel, selbst entscheiden, wofür er sie einsetzt.

Schüler im KLassenzimmer mit Tablets | dpa

Die Corona-Krise ist eine Chance für die Digitalisierung der Schulen - doch nicht immer geht es schnell genug. Bild: dpa

Corona-Sondermittel kommen schneller an

Dass in diesem Thema mehr Bewegung ist, als es auf den ersten Blick scheint, zeigen auch die zusätzlichen Gelder in der Corona-Krise: Aus Sondermitteln des Berliner Senats bekamen 24 bedürftige Schüler der Max-Beckmann-Oberschule beispielsweise Tablets für zu Hause. Die Verteilung weiterer Tablets ist geplant.

Auch die 500 Millionen Euro Sofortmittel des Bundes für Schülergeräte in der Corona-Krise scheinen schneller verteilt zu werden. Für fünf Bundesländer wurden bereits die kompletten Mittel aus dem Programm bewilligt, wie eine Umfrage der "Süddeutschen Zeitung" unter den Kultusministerien zeigt.

Zudem sind Berlin und viele andere Länder bereits in Vorleistung der der Finanzierung von IT-Infrastruktur gegangen. Die Statistik des DigitalPakts allein ist also nicht unbedingt aussagekräftig für den Status Quo.

Immerhin eins ist sicher: Die Corona-Krise sorgt für einen Schub bei der Digitalisierung der Schulen. Ob die Geschwindigkeit aber reichen wird, damit Deutschlands Schüler auch gut durch diese Krise kommen, ist offen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, der WDR habe eine Umfrage mit 4000 Schulen durchgeführt. Tatsächlich wurden 396 Kommunen befragt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. September 2020 um 07:28 Uhr.