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ARD-DeutschlandTrend April 2009 Existenzangst und Obamania

Stand: 02.04.2009 22:55 Uhr

Die meisten Deutschen haben noch keine Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu spüren bekommen, sorgen sich aber vor ihr. Das ist ein Ergebnis des ARD-DeutschlandTrends. Hoffnung setzen viele in die USA: Präsident Obama erzielt neue Traumwerte.

Von Jörg Schönenborn, WDR

Barack Obama
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80 Prozent der Befragten geben an, mit der Arbeit von Barack Obama zufrieden zu sein.

Der demoskopische Glanz des amerikanischen Präsidenten Barack Obama überstrahlt in dieser Gipfelwoche alles. Bei den Deutschen erzielt er Traumwerte, und es scheint keine Rolle zu spielen, dass der Start seiner Regierung in Washington alles andere als reibungsfrei verlaufen ist. 80 Prozent der Befragten sind zufrieden oder sehr zufrieden mit Obamas Arbeit.

Das ist umso erstaunlicher, als es ja gerade in Deutschland große Skepsis gibt gegenüber den amerikanischen Mega-Konjunkturprogrammen der Regierung Obama. Trotzdem sagen 72 Prozent der Befragten, Obama habe sie in den ersten Amtsmonaten positiv überrascht. 76 Prozent wünschen sich auch für Deutschland Politiker wie Obama, und 82 Prozent sagen: „Ich freue mich, dass Obama zum Besuch nach Deutschland kommt." Auch wenn uns Vergleichswerte vom letzten Bush-Besuch in Heiligendamm nicht vorliegen: Gefühlt dürfte die Stimmung damals eher umgekehrt gewesen sein. Nach Obama-Skeptikern muss man mit der Lupe suchen: Nur zwölf Prozent hätten mehr von ihm erwartet.

Gutes Klima im deutsch-amerikanischen Verhältnis

Die Obamania in Deutschland hält also unvermindert an und hat das Klima im deutsch-amerikanischen Verhältnis nachhaltig geändert. Seit Jahren fragen wir im DeutschlandTrend regelmäßig danach, wie die Deutschen das Verhältnis zu wichtigen Partnerländern einschätzen. Solange George W. Bush Präsident war, galt Amerika für die Mehrheit nicht als „ein Partner, dem man vertrauen kann“.

Die Werte schwankten über die Jahre zwischen 30 und 50 Prozent. Den ersten positiven Ausschlag gab es in der Woche, in der Obama gewählt wurde: Plötzlich sahen 67 Prozent die USA als vertrauenswürdigen Partner. Dieser Wert ist nun weiter geklettert auf stolze 78 Prozent. Damit sind die Amerikaner den Deutschen gefühlt nun näher als die Briten. Ganz oben allerdings steht seit Jahren unverändert Frankreich. Und die Werte für dieses Land schwanken minimal zwischen 85 und 90 Prozent. Aktuell sehen 87 Prozent der Deutschen Frankreich als vertrauenswürdigen Partner. Vor diesem Hintergrund ist die Symbolik des NATO-Gipfels im deutsch-französischen Grenzgebiet wahrhaft gut gewählt.

Deutsche in Sorge vor Folgen der Wirtschaftskrise

Trotz aller Begeisterung für den amerikanischen Präsidenten drückt die Deutschen weiter die Sorge vor den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Für große Verunsicherung sorgt dabei, dass die meisten Menschen die Krise weiterhin nur erwarten, aber selbst noch keine Auswirkungen zu spüren bekommen haben. 68 Prozent erklären im aktuellen DeutschlandTrend, von der Krise persönlich bisher noch nicht betroffen zu sein. 32 Prozent hingegen leiden bereits unter den Auswirkungen. Dazu passt, dass rund drei Viertel weiterhin davon ausgehen, dass der schlimmste Teil der Krise auf das Land erst noch zukommt. Während die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, im vergangenen Monat leicht zurückgegangen ist, wächst allerdings kontinuierlich die Sorge um die eigenen Ersparnisse. Mittlerweile haben 56 Prozent Angst, das eigene Geld nicht sicher genug angelegt zu haben.

"Staat soll sich bei Opel raushalten"

Ganz gewiss gilt die größte Sorge der Deutschen nicht der Zukunft der Opel-Werke. Im Gegenteil: Das Verständnis für das Drängen nach Staatshilfen lässt sogar nach. 76 Prozent sind der Ansicht, "dass Firmen, die schlecht gewirtschaftet haben, den Staat nun ausnutzen." Bei dieser Fragestellung wurde Opel nicht konkret genannt.

Ganz konkret haben wir auch in diesem Monat allerdings wieder wissen wollen, ob der Staat dem angeschlagenen Autohersteller Opel helfen soll oder ob er sich aus der Sache ganz heraushalten soll. Anfang März gab es bei dieser Frage Gleichstand, nun wünschen sich nur noch 43 Prozent der Befragten Hilfe für Opel - ganz egal, ob es um Bürgschaften oder um die Übernahme von Unternehmensanteilen geht. Eine Mehrheit von 51 Prozent ist jetzt der Ansicht, dass der Staat sich ganz heraushalten solle.

Spannend ist das vor allem vor dem Hintergrund, dass sowohl Außenminister Frank-Walter Steinmeier als auch Kanzlerin Angela Merkel den Eindruck erwecken, Opel als Bühne für den Wahlkampf nutzen zu wollen. Nach unseren Zahlen dürfte dieses Ansinnen für die SPD erfolgreicher sein. Denn nur unter den Anhängern von SPD und Linkspartei gibt es mehrheitlich Zustimmung für Opel-Hilfen. Die Anhänger von Union, FDP und Grünen lehnen sie mehrheitlich ab - eine punktuelle Jamaika-Koalition.

FDP erhält bei Sonntagsfrage 15 Prozent

Ohne klare Richtung bewegen sich gegenwärtig die Werte der Sonntagsfrage. Die Union arbeitet sich in kleinen Schritten aus dem Tief heraus und steht nach 32 Prozent im letzten Monat nun wieder bei 34 Prozent. Im Gegenzug verliert die FDP zwei Punkte und pendelt sich bei 15 Prozent ein. Der leichte Aufwärtstrend für die Sozialdemokraten brach im April ab. Sie fällt wieder einen Punkt auf 26 Prozent zurück. Linkspartei und Grüne liegen jeweils bei elf Prozent.

Guttenberg - unbekannt, aber beliebt

Was die persönliche Bewertung deutscher Spitzenpolitiker angeht, so erreicht keiner von ihnen den Traumwert von Obama. Vorne liegt auch in diesem Monat Außenminister Steinmeier mit 66 Prozent Zustimmung vor Kanzlerin Merkel mit 64 Prozent. Nach Finanzminister Peer Steinbrück (57 Prozent) und SPD-Chef Franz Müntefering (50 Prozent) hat sich der neue CSU-Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg immerhin auf 46 Prozent Zustimmung vorgearbeitet. Dies ist deshalb erstaunlich, da immer noch 30 Prozent der Befragten angeben, ihn gar nicht zu kennen oder beurteilen zu können.

Merkel und Steinmeier
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Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier: Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Bewertung der Arbeit,...

Merkel und Steinmeier
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...jedoch eindeutiger Vorsprung für Merkel bei der Einschätzung, wer von beiden ins Kanzleramt einziehen soll.

 

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Steinmeier und Merkel um die beste Job-Performance täuscht allerdings darüber hinweg, dass im direkten Vergleich der beiden Kandidaten Merkel weiterhin unangefochten vorne liegt. Wenn man sich für den Kanzler oder die Kanzlerin direkt entscheiden könnte, würden 51 Prozent der Deutschen Merkel wählen und nur 32 Prozent Steinmeier. Der Abstand von fast 20 Punkten blieb über die letzten Monate konstant.

Schlechter Wert für Union bei Wirtschaftskompetenz

Trotz guter Werte für die Kanzlerin und einem aufstrebenden Wirtschaftsminister können 34 Prozent in der Sonntagsfrage für die Union, ein knappes halbes Jahr vor der Bundestagswahl, kein zufriedenstellendes Ergebnis sein. Der Blick in die Kompetenzzuweisungen auf den einzelnen Politikfeldern macht deutlich, wo ein entscheidendes Problem von CDU und CSU liegt. Mit 43 Prozent messen der Union zwar weiterhin mehr Menschen Wirtschaftskompetenz zu als jeder anderen Partei. Die SPD kommt hier nur auf 16 Prozent. Allerdings ist dies einer der schlechtesten Werte für die Union auf dem Feld der Wirtschaftspolitik. In der vergangenen Legislaturperiode erreichte sie bis zu 63 Prozent, und auch vor der letzten Bundestagswahl waren es noch 51 Prozent.

Die SPD hat zwar umgekehrt auf ihrem Kernkompetenzfeld, der sozialen Gerechtigkeit, mit 37 Prozent Kompetenzzuweisung wieder Boden gewonnen. Dieser Wert ist besser als in fast der gesamten letzten Legislaturperiode, aber vor 2002 waren die Sozialdemokraten hier auch deutlich höhere Werte gewohnt.

84 Prozent halten die NATO für wichtig

Am Samstag treffen sich die Staats- und Regierungschefs der 28 NATO-Staaten in Straßburg, um beim Jubiläumsgipfel das 60-jährige Bestehen des Verteidigungsbündnisses zu feiern. Und das Bild der Deutschen über die NATO ist erstaunlich positiv in diesen Tagen. 84 Prozent halten die NATO für „wichtig, um den Frieden in Europa zu sichern“. Ganze elf Prozent halten die NATO für „überflüssig“ und sind der Ansicht, sie sollte aufgelöst werden.

Zentrales Thema in Straßburg wird der größte bisherige Einsatz des NATO-Bündnisses sein, der Kampf gegen die Taliban in Afghanistan und die Bemühungen für den Wiederaufbau des Landes. Wenn es um die Anstrengungen der NATO am Hindukusch geht, dann finden sie breite Unterstützung der Deutschen: 61 Prozent finden, dieser Einsatz sollte fortgeführt werden.

Weniger Zustimmung für Bundeswehr-Einsatz

Wenn es allerdings um die Anstrengungen der deutschen Soldaten innerhalb des NATO-Einsatzes geht, dann ergibt sich das gegenteilige Bild. Nur noch 32 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass sich die Bundeswehr weiterhin in Afghanistan engagieren sollte, zehn Prozentpunkte weniger als im letzten Jahr. Fast zwei Drittel (64 Prozent) sind inzwischen der Ansicht, die Bundeswehr sollte sich schnellstmöglich aus Afghanistan zurückziehen.

Dies ist einer der höchsten Werte, die wir in den letzten Jahren bei dieser Fragestellung gemessen haben. Und das ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, da sich die amerikanische Strategie der deutschen Mehrheitsmeinung stark annähert: Es geht nicht nur um den militärischen Kampf gegen die Taliban, sondern auch um den Aufbau ziviler Gesellschafts- und Regierungsstrukturen. Für die deutsche Politik ist es ein gewaltiges Problem, dass jetzt, wo die Partner in Afghanistan wirklich ernst machen wollen, die deutsche Bevölkerung weniger denn je hinter dem Einsatz der Bundeswehr steht.

Untersuchungsanlage DeutschlandTrend

Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren
Stichprobe: Repräsentative Zufallsauswahl / Randomstichprobe
Erhebungsverfahren: Computergestützte Telefoninterviews
Fallzahl: 1000 Befragte
Erhebungszeitraum: 30. bis 31. März 2009
Fehlertoleranz: 1,4 bis 3,1 Prozentpunkte
Sonntagsfrage: 1500 Befragte
Erhebungszeitraum: 30. März bis 1. April 2009
Fehlertoleranz: 1,4 bis 3,1 Prozentpunkte
NATO-Umfrage: 1000 Befragte
Erhebungszeitraum: 30. bis 31. März 2009
Fehlertoleranz: 1,4 bis 3,1 Prozentpunkte

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