Das Logo der WHO vor dem Hauptquartier in Genf. | REUTERS

WHO zu Corona-Pandemie Mitten im Sturm

Stand: 18.05.2020 08:24 Uhr

Die WHO beginnt heute mit ihrer virtuellen Jahreshauptversammlung. Dabei geht es um eine Resolution, die zum gemeinsamen Kampf gegen das Coronavirus aufruft. Doch um den Zusammenhalt ist es derzeit schlecht bestellt.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Deutschland und die Weltgesundheitsorganisation WHO: Man versteht sich - meistens jedenfalls: "Can you hear me now? Yes we can. Okay." Eine holprige Videokonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus in Coronazeiten.

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Die deutsche Forschungsministerin Anja Karlizcek gibt der WHO in der Pandemie gute Noten: "Die WHO hat in den letzten Wochen und Monaten einen richtig guten Job gemacht, und wir sind froh, dass die WHO eine wichtige Aufgabe erfüllt." Aber erfüllt sie die Aufgabe wirklich?

"Die WHO hat es vermasselt"

Gerade erst hat US-Präsident Donald Trump alle Beitragsgelder seines Landes an die WHO gestoppt und der Organisation öffentlich Unfähigkeit und China-Hörigkeit vorgeworfen - und gesagt: Corona? Die WHO hat es vermasselt: "Sie lagen falsch. Sie lagen so falsch. Wenn sie immer wieder daneben liegen, ist es nicht gut", ätzte Trump. Die Kanzlerin kommentiert so etwas dann gern extra nüchtern: "Die Einschätzung über die Leistungsfähigkeit der WHO unterscheidet sich."

Ulrich Lechte, FDP-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender im Unterausschuss Vereinte Nationen im Bundestag, verweist angesichts der US-Pöbeleien lakonisch auf den Zeitpunkt der Trump-Kritik an der WHO: "Das war zu dem Zeitpunkt, wo Trump klar wurde, dass er es in Amerika vergeigt hat und jetzt einen Sündenbock braucht."

Wichtig, aber zahnlos

Der Sündenbock WHO - seit Jahren chronisch unterfinanziert. Die Organisation hat ein operatives Budget von knapp zwei Milliarden Dollar pro Jahr - weniger als manchem Universitätsklinikum zur Verfügung steht. Bei der WHO aber muss es für die ganze Welt reichen. Obendrein ist die Organisation zwar wichtig, aber zahnlos. Nichts kann sie gegen den Willen einer Regierung durchsetzen. Sie ist weder die NATO noch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. "Die WHO kann nur so gut sein wie ihre Mitgliedstaaten. Sie hat kein Recht auf Informationen aus einzelnen Ländern, sondern ist drauf angewiesen, dass die Informationen freiwillig kommen", so Lechte.

China aber gab freiwillig in der Corona-Krise anfangs keine Informationen, berichtete er weiter. Ende Januar reiste dann WHO-Generalsekretär Tedros nach Peking, umschmeichelte die Führung. Trump nennt so etwas jetzt chinahörig. Lechte sagt, das nenne man wohl Diplomatie: "Er hat die Leistungen Chinas in der Corona-Bekämpfung gelobt. Hätte er das nicht getan, gehe ich davon aus, dass China keine WHO-Experten ins Land gelassen hätte."

Merkel steht hinter der WHO

Deutschland jedenfalls steht an der Seite der WHO. Gibt Geld und Rückendeckung - jetzt, da die Organisation, die unter anderem für die weltweiten Impfprogramme zuständig ist, von Trump unter Beschuss steht. Außenminister Heiko Maas, Deutschlands Chefdiplomat, macht undiplomatisch deutlich: "In so einer Phase die WHO in Frage zu stellen oder ihre Finanzierung zu kappen - das ist so, als würde man aus einem fliegenden Flugzeug den Piloten rauswerfen. Das ist alles andere als nachvollziehbar."

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus | dpa

Der Pilot der WHO: Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus Bild: dpa

Dass der Pilot der WHO, der Äthiopier Tedros, Schwächen hat, dass die Organisation - ob bei Ebola oder Corona - oft zu spät, zu zögerlich war: Auch in Deutschland leugnet das niemand, nicht einmal die Kanzlerin. Dort, wo es Schwächen gebe, müsse man diese natürlich analysieren. "Aber ich habe ein klares Bekenntnis zur WHO abgegeben", so Merkel.

Mehr Geld, mehr Rechte und mehr Durchschlagskraft, eine umfassende Reform der WHO: Auch der FDP-Abgeordnete Lechte sagt, keine Frage. Trotzdem: "Der WHO aber jetzt - in einer laufenden Pandemiebekämpfung - eine Reform aufzustülpen, wäre Irrsinn. Denn der zweitwichtigste Aspekt der WHO ist ihre Zuständigkeit für unsere Impfprogramme." Die WHO nämlich würde den Corona-Impfstoff - wenn es ihn dann gibt - weltweit verteilen. Das Vorbild wäre die Pockenimpfung: der wohl größte WHO-Erfolg ihrer 72-jährigen Geschichte.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. Mai 2020 um 07:08 Uhr.