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"Deutschland spricht" Viele Fragen an den Konvertiten

Stand: 24.09.2018 12:07 Uhr

Warum Kopftücher? Was ist mit dem Frauenbild muslimischer Männer? Bei "Deutschland spricht" hatte Petra Seifert-Ulrich viele Fragen an Martin Ayyub Halim Hoffmann. Einig wurden sie sich nicht - und doch waren sie begeistert.

Von Uschi Schmidt, BR

Der Wöhrder See, mitten in Nürnberg: Hier haben sich Petra Seifert-Ulrich und Martin Ayyub Halim Hoffmann per Mail zu einem "Deutschland spricht"-Treffen verabredet, sie planen einen Spaziergang. Sie ist etwas zu früh, hat sich festes Schuhwerk angezogen. Mit einem Sakko über dem Arm kommt er auf sie zu. "Ich wusste, ich bin overdressed", sagt er und lacht. Beide sehen sich zum ersten Mal. Die Begrüßung: etwas unsicher, aber sehr freundlich.

Seifert-Ulrich ist 52 Jahre alt und Witwe. Der Tod ihres Mannes habe sie aus der Bahn geworfen, sagt sie. Die gebürtige Nürnbergerin bringt sich und ihre beiden Kinder mit  Witwenrente, kleinen Zusatzeinkünften durch Prospektverteilen und dem Kindergeld durch. Die gelernte Bürokauffrau wollte in Teilzeit arbeiten, für ihre Kinder da sein, sagt sie. Das habe kein Arbeitgeber mittragen wollen.

Früher sei sie in der SPD gewesen, erzählt Seifert-Ulrich, und immer noch Anhängerin. Mit Hartz IV aber habe für sie die soziale Ungerechtigkeit begonnen. Seitdem gehe es den Menschen in Deutschland schlechter. Die sichtbare Armut sei für sie kaum auszuhalten.

Islamische Partei gegründet

Hoffmann ist bei Potsdam groß geworden. Nach der Wende zog er aus der ehemaligen DDR nach Oberbayern, war acht Jahre bei der Bundeswehr und konvertierte auf der Suche nach religiösem Halt 2014 zum Islam. Nach elf Umzügen lebt der 36-jährige seit diesem Jahr in Nürnberg und ist Koch in einem Seniorenstift. Jeden Tag spüre er auch, wie der Spardruck bei der Zubereitung der Seniorenmahlzeiten steige, sagt er.

Vor kurzem hat er die Islamisch-Demokratische Partei gegründet. Sie stelle die Islam-Zugehörigkeit mit einer pazifistisch-demokratisch-konservativen Ausrichtung in den Mittelpunkt. Für Hoffman sollte der Islam öffentlich gezeigt werden. In Konflikt komme er nicht etwa mit Rechtsradikalen, sagt er - sondern mit Muslimen, die eine Demokratie ablehnen. Seine politische Ausrichtung bezeichnet er als "sozial".

Petra Seifert-Ulrich
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Petra Seifert-Ulrich ist dagegen, die Religionszugehörigkeit im öffentlichen Raum zu zeigen.

Martin Ayyub Halim Hoffmann
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Martin Ayyub Halim Hoffmann sieht das anders.

"Ich erwarte ein schönes Gespräch"

Die beiden gehen sehr höflich miteinander um. "Ich erwarte eigentlich ein schönes Gespräch", lacht Hoffmann. "Wir streiten uns jetzt nicht." Seifert-Ulrich meint: "Man muss aufeinander zugehen. Ich hoffe, dass ich an Erfahrung reicher werde."

Eine Gemeinsamkeit: Beide müssen mit wenig Geld auskommen. Sie fühlt sich benachteiligt, weil sie sich kein Auto leisten kann. "Ich fahre Fahrrad, gehe zu Fuß, nehme die öffentlichen Verkehrsmittel – was mir dabei auffällt, ist: Ich werde dabei ziemlich schief angesehen." "Ich brauche kein Auto", entgegnet Hoffmann. Einen sozialen Nachteil sieht er nicht und keine Probleme durch die mangelnde Mobilität - spricht gar von seinem persönlichen Beitrag zum Umweltschutz.

Konfliktthema Islam

Was sie trennt: das Thema Islam. Wir und die - so sieht Petra das Leben mit Muslimen in Deutschland und, "dass sich jeder ein Stück zurückzieht". Sie erlebt eine Parallelgesellschaft. Konvertit Martin glaubt, Gesprächsangebote seitens der Muslime seien zu wenig bekannt. Eine islamische Gemeinde in Kiel etwa biete regelmäßig Gesprächskreise an, an jedem 3. Oktober sei bundesweit "Tag der Moschee" - gemeinsame Unternehmungen wie Picknicks, da gebe er Petra recht, seien doch eher selten, da bleibe man wohl lieber unter sich: "Ich weiß, was Du meinst."

Er wiederum traue sich nicht, seine Mutter im sächsischen Plauen zu besuchen. Seine Frau trage Kopftuch - freiwillig, aber aus Überzeugung. In Sachsen habe er Angst vor Pöbeleien oder Schlimmerem.

Sexuelle Übergriffe von Muslimen - vor allem neu Zugewanderten - machen dagegen Petra Angst: "Ich sehe, dass Männer, speziell mit muslimischem Hintergrund, Frauen anders behandeln. Oder?"

Der Islam verbiete einen entwertenden Umgang mit Frauen, entgegnet Hoffmann - viele Zugewanderte meinten aber jetzt, sich ausleben zu müssen. "Das geht nicht", sagt er: "Vielleicht liegt es daran, dass die eine ganz andere Mentalität haben. Das ist auf jeden Fall eine Baustelle, und man muss denen klar machen, das so etwas halt nicht funktioniert!" Notfalls müssten Imame mit diesen Männern reden. Er glaube aber: Die Deutschen schafften die Integration der Flüchtlinge.

Was ist mit dem Kopftuch?

Den Spaziergang müssen sie wegen des schlechten Wetters abbrechen. In einem Hotel reden sie weiter, im Wintergarten sind sie ganz für sich. Schnell ist klar, es gibt diesen Punkt, den sie nicht überwinden können: kulturelle und religiöse Unterschiede der Muslime - vor allem, wie sie sich in der Öffentlichkeit geben.

Petra erlebt das Kopftuch als sprichwörtlich rotes Tuch - wie die Mehrheit der Deutschen, meint sie. "Ich mach' mich wahrscheinlich unbeliebt, wenn ich das sage: Ich finde, Religion sollte Privatsache bleiben." Im öffentlichen Raum habe sie nichts zu suchen.

"Ich fühle mich gar nicht angegriffen, ich argumentiere einfach dagegen", entgegnet Martin lächelnd: Wichtig sei, was man im Kopf habe - und nicht, was man auf dem Kopf trägt. Er bereite auch Mahlzeiten mit Schweinefleisch und Alkohol zu, obwohl er Muslim sei, er müsse das ja nicht essen. Wieso könne eine Muslimin mit Kopfbedeckung nicht Richterin oder Lehrerin sein?

Trotz unterschiedlicher Ansichten setzen beide weiter aufs Gespräch - und das wünschen sich beide auch von der Politik in Konfliktsituationen. "Wenn ich einen Konflikt lösen will dann wirklich nur über Diplomatie! Sabbeln, sabbeln, sabbeln, bis der Mund trocken wird!", rät Martin.

 In zweieinhalb Stunden um die Welt

Nach zweieinhalb Stunden haben Seifert-Ulrich und Hoffmann über Zuwanderung, Fluchtursachen, die große Weltpolitik, und deren Auswirkungen in der Gesellschaft und vor ihrer Haustür gesprochen. Sie sind politisch einmal um den Globus gewandert, haben viele Gemeinsamkeiten in sozialen und ökologischen Fragen, sind sich komplett uneinig, wenn es um Religion in der Öffentlichkeit geht. Hier wird es emotional - doch die Fronten bleiben verhärtet.

Trotzdem kommen die verwitwete Prospektverteilerin und der muslimische Koch fröhlich in die Hotellobby. Sie könnten noch Tage damit zubringen, sich zu unterhalten. "War schön!", sagt Hoffmann, als sie sich zu Abschied die Hände schütteln. "War mir wirklich ein Vergnügen! Ich habe sehr viel mitnehmen können", sagt Seifert-Ulrich. "Danke schön, für mich auch", sagt Hoffmann.

Beide sagen am Ende: So ein Gespräch sei unbedingt weiterzuempfehlen.

"Deutschland Spricht" soll gesellschaftlichen Dialog fördern
K. Ditschke, ARD Berlin
24.09.2018 11:27 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 23. September 2018 um 23:15 Uhr.

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