Zwei Demonstranten diskutieren bei einer Demo in Stuttgart | Bildquelle: dpa

"Deutschland spricht" Warum diskutieren wir nicht mehr?

Stand: 17.08.2018 16:30 Uhr

Diskutieren, sachlich streiten, Argumente austauschen. Und das auch, wenn es heikel wird. Können wir das überhaupt? Eine Spurensuche für das Projekt "Deutschland spricht".

Von Kristin Becker, SWR

Trillerpfeifen und Trommeln: Sie sind ganz schön laut, die Gegner von "Stuttgart 21", dem Bahnprojekt, um das so viel gestritten und gerungen wurde. In den Hochzeiten gingen Tausende auf die Straße, um gegen den neuen Tiefbahnhof zu demonstrieren. Jetzt sind es nur noch um die 500 Menschen, die zur allwöchentlichen Montagsdemo auf dem Schlossplatz stehen. Der Streit um den Bahnhofsneubau ist eines dieser Themen, die spalten - selbst Freunde und Familien.

Freunde, die sich abwenden

Annelies Heber hat das selbst schmerzlich erfahren. Sie ist seit Jahren im Protest engagiert. Zum 70. Geburtstag eines guten Freundes sei sie erst ein- und dann wieder ausgeladen worden, berichtet sie, weil das Geburtstagskind nicht mit Menschen feiern wollte, die gegen den neuen Bahnhof sind. Der Kontakt sei abgebrochen. Auch andere Freunde wollten nicht mehr über das Thema reden.

Geschichten wie diese erzählen viele der Aktivisten auf der Demo gegen "Stuttgart 21". Und sie sagen auch, dass inzwischen kaum noch ein Befürworter wirklich mit ihnen diskutieren wolle. Zu tief die Gräben, zu unversöhnlich die Positionen, aber auch zu gleichgültig seien viele. "Ich bin tolerant", betont Heribert Ewers, ebenfalls S21-Gegner der ersten Stunde, "ich bin Argumenten zugänglich, aber es kommen keine auf mich zu."

Gespaltener Stadtteil

150 Kilometer weiter nordwestlich geht es nicht um Argumente für oder gegen einen neuen Bahnhof. Aber auch hier spürt man eine Spaltung: Mannheim, Stadtteil Schönau. Dort gibt es prozentual mehr Arbeitslose als anderswo in Mannheim, fast die Hälfte der Einwohner hat einen Migrationshintergrund. Traditionell war die Schönau eine Hochburg der Sozialdemokraten. Bei der Bundestagswahl hat die SPD im Vergleich zum Bundesdurchschnitt noch recht stark abgeschnitten. Die AfD aber auch. Bei der letzten Landtagswahl hat sie sogar das Direktmandat geholt.

An der Endhaltestelle der Straßenbahn wartet eine ältere Frau. Über Politik rede man in ihrem Umfeld nicht wirklich, sagt sie: "Ich wohne in einer Straße, in der die eine Hälfte türkisch ist, und die andere Hälfte deutsch. Eigentlich unterhält man sich nicht darüber." Markus Kerker will reden. Der 45-Jährige steht am Supermarkt um die Ecke. Er habe AfD gewählt, weil er sich benachteiligt fühle. Viele Flüchtlinge nutzten das System aus: "Menschen, die in ihrem Land bedroht werden, im Kriegsgebiet, die können gern kommen, aber wie viele Schmarotzer kommen rüber?"

Demon von Stuttgart-21-Gegnern | Bildquelle: Kristin Becker
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Trillerpfeifen und Trommeln: Sie sind ganz schön laut, die Gegner von "Stuttgart 21", dem Bahnprojekt, um das so viel gestritten und gerungen wurde.

Markus Kerker | Bildquelle: Kristin Becker
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Markus Kerker hat die AfD gewählt, weil er sich benachteiligt fühlt.

"Es hat keinen Sinn"

Ali Yilderim sitzt ein paar Meter entfernt und reagiert wütend: "Da kommt kein gutes Argument. Die wählen alle AfD. Angeblich wegen der Asylanten." In Wirklichkeit, glaubt Yilderim, gehe es aber gegen die Türken im Viertel. "Ich bin mit ihm aufgewachsen, wir haben zusammen Fußball gespielt, und jetzt wählen die Leute Parteien, die mich nicht wollen." Mit Kerker darüber diskutieren will er aber nicht.

Auch Christa Schwarz hat es quasi aufgegeben. Sie störe Fremdenfeindlichkeit, und da werde sie auch deutlich. "Aber die Leute reden ja über Politik höchstens insofern, als dass sie jemanden kränken oder beleidigen oder rummeckern. Direkt diskutieren wollen sie nicht. Es hat auch keinen Sinn zu diskutieren, meiner Meinung nach, weil die Leute die Argumente gar nicht hören wollen."

Der Mensch ist bequem

Es scheint den Menschen nicht leicht zu fallen, miteinander über kontroverse politische Themen zu sprechen. Neu ist das nicht, sagt der Sozialpsychologe German Neubaum. Der Mensch sei an sich bequem und bleibe lieber unter Gleichdenkenden. In einer Gesellschaft sei es jedoch wichtig, sich auch mit denen auseinanderzusetzen, die ganz anders ticken als man selbst. Das erfordere Neugier, Mühe und Frustrationstoleranz. Vor allem aber müsse man sich bewusst machen, dass man sich meistens mit Menschen umgebe, die einem ähnlich sind.

"Stuttgart 21", die Flüchtlingspolitik, der Diesel-Skandal: Themen gibt es viele. Nur jenseits von Pöbeleien offenbar kaum echte Streitgespräche. Das zeigt auch eine Testumfrage auf dem Wochenmarkt in Stuttgart: "Wann ist das zuletzt vorgekommen, dass Sie mit jemandem diskutiert haben, der eine ganz andere Meinung hat?" Die Antwort in neun von zehn Fällen: "Ich kann mich nicht erinnern."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. August 2018 um 22:15 Uhr.

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