Windkrafträder stehen neben rauchenden Schornsteinen eines Steinkohlekraftwerks. | picture alliance / imageBROKER

Thinktank "Agora Energiewende" Deutschland entfernt sich von Klimazielen

Stand: 06.01.2022 14:00 Uhr

Der Strom aus Windkraft bricht ein - und die Kohle feiert ein Comeback. Die Auswertung der Emissionen des Thinktanks "Agora Energiewende" zeigt: Deutschland entfernt sich zusehends von seinen Klimaschutzzielen.

Von Julie Kurz, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Sichtlich zufrieden verkündete vergangenes Jahr das Umweltministerium, dass die Klimaschutzziele 2020 eingehalten wurden. Nun wird klar, es war ein Strohfeuer - 2021 werden die Klimaschutzziele wieder gerissen. Das zumindest zeigen die Auswertungen des Thinktanks "Agora Energiewende", die dem ARD-Hauptstadtstudio exklusiv vorliegen. Demnach sind die Emissionen im vergangenen Jahr wieder deutlich gestiegen. 772 Millionen Tonnen CO2- Äquivalente wurden ausgestoßen, das sind 33 Millionen Tonnen - beziehungsweise 4,5 Prozent - mehr als im Vorjahr.

Julie Kurz ARD-Hauptstadtstudio

Der Anstieg 2021 ist im Zusammenhang mit dem deutlichen Rückgang der Emissionen im Vorjahr zu sehen. 2020 war das Jahr, in dem die Pandemie begann und gerade im ersten Lockdown war unter anderem die Mobilität deutlich gesunken.

Und so sieht "Agora Energiewende" auch die wirtschaftliche Teilerholung als Hauptreiber für die steigenden Emissionen 2021. Darüber hinaus seien aber auch der Rückgang der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien und ein stark gestiegener Brennstoffpreis für Erdgas für den CO2-Anstieg verantwortlich.

"Umsetzungslücke wächst weiter"

So zeigen die Daten von Agora, dass wegen der hohen Erdgaspreise die Kohle ein wahres Comeback feiert. Der Anteil von Kohle an der Stromerzeugung stieg um knapp ein Fünftel auf 27,8 Prozent - nach großen Verlusten im Jahr 2020. Das dürfte sich allerdings bei fallenden Gaspreisen wieder ändern. Simon Müller, Direktor bei "Agora Energiewende", beklagt ein Auseinanderklaffen in der Politik zwischen Zielsetzung und Umsetzung: "2021 ist das Jahr, in dem sich Deutschland die ambitioniertesten Klimaziele in der Geschichte der Bundesrepublik gesetzt hat. Andererseits wächst die Umsetzungslücke weiter."

Verkehr: Mehr CO2-Ausstoß als erlaubt

Die Emissionen erreichten zwar nicht das gleiche Niveau wie im Jahr 2019, dem Jahr vor Corona, aber gleichzeitig sind die Einschränkungen noch nicht vollständig überwunden. Trotz anhaltend eingeschränkter Mobilität - gerade im ersten Quartal 2021 - wurde im Verkehrssektor mehr CO2 ausgestoßen als laut Klimaschutzgesetz erlaubt ist. Auch im Gebäudebereich werden die sogenannten Sektorenziele laut Datenauswertung des Thinktanks verfehlt. Das war auch bereits im vergangen Jahr der Fall. Die erneute Zielverfehlung zeigt den dringenden Handlungsbedarf im Gebäudesektor, mahnt Müller.

Daten des Bundesumweltamtes im Frühjahr

Das Klimaministerium wollte die Auswertung von "Agora Energiewende" zunächst nicht kommentieren. Die offiziellen Daten des Bundesumweltamtes folgen im Frühjahr. In der Vergangenheit fielen sie allerdings ähnlich aus. Überrascht dürfte Ressortchef Robert Habeck ohnehin nicht sein, hatte der Minister kürzlich doch erst in einem Interview gesagt, er gehe davon aus, dass die Klimaschutzziele in den kommenden zwei Jahren verfehlt werden, weil man mit einem drastischen Rückstand anfange.

Wie drastisch der Rückstand ist, zeigen auch die Zahlen zur Nutzung der Erneuerbaren Energien. Laut Auswertung des Thinktanks verzeichnet die Stromproduktion aus Windkraftanlagen 2021 den größten Einbruch bislang. Der Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch lag nur bei 42,3 Prozent. Die Gründe seien weniger Starkwinde, eine insgesamt höhere Stromerzeugung und ein weiterhin schwacher Zubau.

Umweltverbände befürchten Schwächung grüner Investments

Im Koalitionsvertrag hatte die Ampelkoalition festgeschrieben, dass bis zum Jahr 2030 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren Energien kommen soll. Folglich muss sich für das 80-Prozent-Ziel der Erneuerbaren Anteil in neun Jahr fast verdoppeln. Was auch vor dem Hintergrund der schwelenden Taxonomie-Debatte zusätzlich ambitioniert wirkt. Befürchten doch Umweltverbände, dass mit einem grünen Label für Atomenergie und fossiles Gas die Glaubwürdigkeit in grüne Investments geschwächt werde könnte.

Mit der Vollendung des Atomausstiegs 2022 und dem laufenden Kohleausstieg in Deutschland müssten zügig genügend Flächen für Windkraft gesichert werden und die Photovoltaik entfesselt werden, fordert daher der Direktor von "Agora Energiewende". 2022 müsse das Jahr der Maßnahmen werden, damit Ziele und Umsetzung nicht immer weiter auseinanderklaffen.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 20. Dezember 2021 um 07:19 Uhr und MDR aktuell am 06. Januar 2022 um 13:22 Uhr.