Eine Mitarbeiterin eines Impfteams zieht eine Spritze mit dem Coronavirus-Vakzin auf. | dpa

Debatte über Impfstrategie Impfungen nach Anzahl der Kontakte?

Stand: 07.03.2021 09:52 Uhr

Impfvorrang für Menschen mit vielen Kontakten, Maßnahmen lockern aus medizinischen Gründen? Einige Experten-Empfehlungen stehen in deutlichem Gegensatz zum Regierungskurs im Kampf gegen die Corona-Pandemie.

Die Diskussion um die beschlossenen Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie ist in vollem Gange. Einige Experten meldeten sich am Wochenende in verschiedenen Medien dazu zu Wort.

Der Immunologe Michael Meyer-Hermann etwa empfiehlt, Menschen für Covid-19-Impfungen nach der Menge ihrer Kontakte zu priorisieren. Jene mit vielen Kontakten zuerst zu impfen "hätte eine viel größere Wirkung", als weiter nach Alter vorzugehen, sagte der Experte vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung dem Berliner "Tagesspiegel".

Dadurch dass zuerst die ältere Bevölkerung geimpft werde, sei zwar die Todesrate deutlich gesenkt worden. Aber damit impfe man auch genau die Gruppe mit den wenigsten Kontakten. Eine Auswirkung auf die Epidemie sei daher nicht zu erwarten.

Wegen der Ausbreitung der britischen Virusvariante B.1.1.7 hält Meyer-Herrmann die beschlossenen Lockerungen für gefährlich. Er erwartet, dass die Infektionszahlen "explosionsartig ansteigen werden" wie zuvor in Irland, England, Portugal und Tschechien. Aus Gesprächen mit Bundes- und Landesregierungen wisse er: "Man kann nicht sagen, dass die Politik nicht weiß, welche Folgen Maßnahmen haben werden."

Lockerungen medizinisch geboten?

Ärztepräsident Klaus Reinhardt sprach sich dagegen dafür aus, bei einer wachsenden Zahl von Geimpften und einem stabilen Rückgang an Neuinfektionen Corona-Einschränkungen schrittweise zurückzunehmen.

Es gehe dabei nicht nur um rechtsstaatliche Erwägungen. Die Rücknahme der Einschränkungen sei auch medizinisch dringend geboten, "um weitere negative psychische und somatische Kollateraleffekte der Eindämmungsmaßnahmen zu vermeiden", betonte Reinhardt gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Ende der Pandemie noch in diesem Jahr?

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, hält ein baldiges Ende der Pandemie für realistisch - wenn sich alle an die Regeln halten und sich das Impftempo deutlich beschleunigt. "Dann werden wir die Pandemie bis Ende September besiegt haben", sagte Marx der Funke-Mediengruppe. "Es ist sogar gut möglich, dass wir schon im Hochsommer soweit sind."

Er begründete das damit, dass Daten aus Israel nahelegen, dass Geimpfte andere nicht mehr infizieren. Man könne den "sicher geglaubten Sieg" über das Virus aber auch noch verspielen, sagte er - deshalb sollten nicht alle Einschränkungen beendet werden, etwa die Maskenpflicht an Orten, an denen sich viele begegnen.

Kretschmann: Impfreihenfolge lockern

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann schlug vor, die beschlossene Impfreihenfolge zumindest zu lockern: "Wir können uns keineswegs erlauben, Impfdosen stehen zu lassen", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

"Ich bin deshalb dafür, dass man zusätzlich zu den Impfzentren so schnell wie möglich in den Arztpraxen impft und dass das feste Impfschema dort dann wirklich nur noch eine Empfehlung ist, denn Ärzte sind es gewohnt, zu priorisieren, und sie sollten das in eigener Verantwortung machen."