Unterricht in einer Schulklasse | Bildquelle: dpa

Sprachkenntnisse von Grundschülern Was hilft tatsächlich?

Stand: 07.08.2019 18:31 Uhr

Linnemanns Forderung, Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen bei der Einschulung zurückzustellen, halten viele Bildungsexperten für hanebüchen. Selektion sei keine Lösung.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Die Debatte ist nicht neu. Seit Jahrzehnten werden Schüler ins deutsche Schulsystem integriert, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Längst gibt es Konzepte, Vorschläge und Forderungen, wie diese Herausforderung zu bewältigen sei.

Dass die Aussage des CDU-Politikers Carsten Linnemann zur Rückstellung von Grundschülern mit mangelnden Deutschkenntnissen dennoch derart hohe Wellen schlägt, hat wohl eher mit dem Sommerloch und mit einem populistischen Beigeschmack seiner Äußerungen zu tun - und den darauf üblicherweise folgenden Reflexen.

"Einschulung ist der richtige Weg"

Dass "ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht", auf einer "Grundschule noch nichts zu suchen" habe, wie es der CDU-Wirtschaftspolitiker in einem Interview konstatiert, halten nicht nur viele Bildungspolitiker, sondern auch Bildungsforscher für hanebüchen.

"Einschulung ist auf jeden Fall der richtige Weg", sagt Nora von Dewitz, Juniorprofessorin am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. Denn "wo, wenn nicht an der Schule, gibt es Fachkräfte, die dafür ausgebildet sind, den Kindern genau das beizubringen?" Sie genau von diesem Ort - wenn auch nur vorerst - fernzuhalten, sei kontraproduktiv. Zumal gerade in der Grundschule ja alle Kinder noch lesen und schreiben lernen müssten.

"Da gibt es noch sehr viel mehr Gemeinsamkeiten, als wenn ein 16-jähriger Zuwanderer ohne Sprachkenntnisse beispielsweise dem Geschichtsunterricht folgen soll", sagt die Forscherin im Gespräch mit tagesschau.de.

Ties Rabe, Senator für Schule und Berufsbildung Hamburg, zur Debatte über Einschulung bei schlechten Deutschkenntnissen
Morgenmagazin, 07.08.2019

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Multiprofessionelle Teams gefragt

Ängste von Eltern, dass ihre Kinder benachteiligt werden könnten, wenn es einen hohen Anteil von Mitschülern mit schlechten Deutschkenntnissen gebe, will die Bildungsforscherin nicht wegreden. Allerdings müssten solche Schulen im Hinblick auf ihren Bedarf besser ausgestattet werden.

"Multiprofessionelle Teams" heißt das Schlagwort. Das bedeutet, die schulische Integration von zugewanderten Kindern soll nicht allein den Lehrern aufgebürdet werden. Stattdessen brauche es mitunter ein ganzes Netzwerk an unterschiedlichen Fachkräften und Helfern, findet von Dewitz. Gerade an Brennpunktschulen, in denen ja nicht nur Deutschkenntnisse ein Problem sind, sondern auch sozioökonomische Probleme hinzukommen.

Es brauche also Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Sprach- und Kulturmittler, die bei Elterngesprächen dolmetschen und so die Eltern in die Bildungsarbeit mit einbeziehen können. Auch Migrantenvereine oder Ehrenamtler könnten beispielsweise als Lesepaten unterstützen.

Mehr Fokus auf Elementarbereich

Auch die Erziehungswissenschaftlerin Mona Massumi hält nichts von Linnemanns Vorschlag. Gerade auch im Hinblick auf "ein Schulsystem, das eigentlich auf dem Gedanken der Bildungsgerechtigkeit fußen sollte", wie sie im Deutschlandfunk sagt. Die Mitautorin der Studie "Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem" sieht hingegen Nachholbedarf bei der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher.

Gezielte Förderung der Mehrsprachigkeit

Gerade der Elementarbereich, also die Zeit zwischen drittem Geburtstag und Grundschuleintritt, sei in den vergangenen Jahren bei diesen Debatten etwas vernachlässigt worden. Zum Teil sei Sprachförderung zwar schon Bestandteil der Curricula, da müsse aber noch mehr geleistet werden. Massumi plädiert für eine gezielte Förderung der Mehrsprachigkeit der Kinder im Gegensatz zu Deutschgeboten an Kitas und Grundschulen. Denn wird auch die Muttersprache gefördert, profitierten die Kinder auch beim Spracherwerb im Deutschen.

"Wir müssen weg vom Blick auf die Defizite"

Dazu brauche es aber entsprechende Rahmenbedingungen: Die Gruppen dürften nicht zu groß sein und es brauche bestimmte Materialien wie mehrsprachige Bilderbücher, um situationsabhägig gezielte Sprachförderung betreiben zu können. Auch die Mercator-Forscherin von Dewitz sieht in der Förderung von Mehrsprachigkeit einen wichtigen Bestandteil. "Wir müssen weg von dem Blick auf die Defizite, sondern die Kinder auch in ihren Stärken fördern, die sie mitbringen."

Bei verpflichtenden Sprachtests im Kitaalter, wie sie in vielen Bundesländern bereits durchgeführt werden, sind beide Forscherinnen skeptisch. Denn die würden immer auch die Gefahr bergen, dass eine zu frühe Selektion der Kinder stattfinde, die dann ihre gesamte Bildungsbiografie vorbestimme.

Getrennte Gruppen nicht zielführend

Werden die Sprachtests allein dafür genutzt, um individuelle Bedarfe von Kindern festzustellen und dann gezielt zu fördern, sei nichts dagegen einzuwenden, sagt von Dewitz. Wenn sie aber zu getrennten Gruppen führe - egal ob in Kita oder Grundschule - sei das nicht im Sinne einer erfolgreichen Bildung.

Doch gerade die individuelle Förderung ist in der Praxis oft ein Problem. In Zeiten drastischen Personalmangels in Kitas und Grundschulen haben Erzieher und Lehrer ohnehin schon Mühe, die Mindeststandards zu erfüllen. Wenn die Politik nicht zuerst hier ansetzt, dürften auch ausgefeilte pädagogische Konzepte wenig nützen.

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin am 07. August 2019 um 08:40 Uhr.

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