Bundeswehrsoldaten tragen auf dem Flughafen in Masar-i-Scharif zu einem wartenden Hubschrauber eine Feldkiste (Archivbild vom 08.12.2015). | dpa

Außenpolitik nach Afghanistan Auf der Suche nach dem verlorenen Kurs

Stand: 27.08.2021 18:08 Uhr

Mit Ende des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr rückt die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik in den Fokus der Debatte. Die Opposition übt scharfe Kritik am Kurs der Bundesregierung.

Von Anita Fünffinger, ARD-Hauptstadtstudio

Ralph Brinkhaus ist nicht der einzige Politiker in diesen Tagen, der sich fragt, wie die künftige Außen- und Sicherheitspolitik eigentlich aussehen soll. Der Chef der Unions-Bundestagsfraktion sagte dem "Spiegel", er habe manchmal das Gefühl, dass die Deutschen sich für alles Unrecht in der Welt zuständig hielten. Was könne Deutschland wirklich leisten, fragt sich Brinkhaus symbolisch nach diesem fast 20-jährigen Afghanistan-Einsatz, nachdem die Taliban im Handumdrehen wieder die Macht übernommen haben.

Anita Fünffinger ARD-Hauptstadtstudio

Sein CDU-Kollege, Außenpolitik-Experte Johann Wadephul hat bereits eine Schlussfolgerung gezogen: "Wir müssen aus der amerikanischen Abhängigkeit herauskommen. Die ganze Situation ist dadurch gekommen, dass zwei amerikanische Präsidenten ein schnelles Ende angeordnet haben, und wir waren hilflos. Diese europäische Hilflosigkeit muss beendet werden." Es müsse eine Bereitschaft im europäischen Rahmen geben, "mehr zu machen" und auch eine entsprechende Ausstattung der Bundeswehr, so Wadephul.

Neue Terrorwelle in Afghanistan?

Die Bundeswehr ist nun abgezogen aus Afghanistan. Einzig in Usbekistan verbleibt noch ein MedEvac-Flugzeug zur Versorung von Verletzten. Nach dem Anschlag vom Donnerstag befürchtet nicht nur die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann eine neue Terrorwelle: "Die Situation vor Ort ist dramatisch. Unsere große Sorge ist, dass das, was wir versucht haben aufzubauen, kaputt gemacht wird - und dass Afghanistan wieder ein Ort des Terrors wird." Die im Land verbliebenen Helfer und Schutzbedürftigen seien den Taliban nun ausgeliefert.

Jürgen Trittin von den Grünen macht der Bundesregierung bei "Welt TV" schwere Vorwürfe: "Man hat die Taliban in eine Situation gebracht, wo sie uns jetzt erpressen können, Geiseln genommen haben." Damit diese Menschen freikommen, müsse man politische Schritte auf die Taliban zugehen.

Zukunft der Zurückgebliebenen unklar

Die Bundesregierung geht davon aus, dass sich noch etwa 300 Deutsche in Afghanistan befinden. Laut Verteidigungsministerium hat Deutschland bis jetzt 5347 Menschen außer Landes gebracht - darunter 500 Deutsche und 4000 Afghanen. Im Land seien noch rund 10.000 Afghanen von Deutschland registriert - entweder Ortskräfte oder sonstige Schutzbedürftige -, die ausreisen wollen.

Wie es für sie weitergeht, ist unklar. "Ich kann ihnen nur sagen, dass unser Gefühl der Verantwortung und der Sorge um diese Menschen nicht endet mit der Luftbrücke", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Sondern wir werden die verschiedenen Möglichkeiten, auch die Hilfe zur Ausreise, versuchen zu ergreifen."

"Versuchen zu ergreifen": Was das möglicherweise für die Menschen dort heißt, hat die Bevölkerung in Deutschland offensichtlich gut verstanden. Im jüngsten ZDF-Politbarometer sagen 57 Prozent der Befragten, Deutschland mache zu wenig für Ortskräfte in Afghanistan.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. August 2021 um 16:05 Uhr.