Andreas Gassen | dpa

Kassenarzt-Chef zur Delta-Variante "Endzeitszenarien unverantwortlich"

Stand: 01.07.2021 09:23 Uhr

Kassenarzt-Chef Gassen hält die Warnungen vor der Delta-Variante des Coronavirus für überzogen und warnt vor Panikmache. Geimpfte seien zuverlässig geschützt. Dennoch rechnet er mit steigenden Infektionszahlen.

Der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, hat angesichts der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus vor Panikmache gewarnt. "Ich halte die Debatte derzeit für in Teilen fast schon hysterisch", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Es ist unverantwortlich, immer wieder mit Endzeitszenarien zu operieren."

Zwar dürfte die Delta-Variante bereits Ende Juli hierzulande die dominierende Mutante werden, sagte Gassen. "Aber deshalb müssen wir nicht in Panik verfallen. Delta ist ansteckender, aber nach heutigen Erkenntnissen wohl nicht wesentlich gefährlicher als die bisherigen Varianten."

Auch das Robert Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass der Anteil der Delta-Variante an den Corona-Neuinfektionen bald auf über 50 Prozent steigen wird. Delta sei in knapp 37 Prozent der Proben nachgewiesen worden, teilt das Institut in seinem aktuellen Bericht zu Virusvarianten mit und bezog sich dabei auf den Stand der Kalenderwoche 24 (14. Juni bis 20. Juni). Im Vergleich zur Vorwoche liege der Anteil der Variante laut RKI damit mehr als doppelt so hoch. Allerdings wird nur ein Teil der positiven Corona-Proben auf Varianten hin untersucht.

Infektionszahlen könnten wieder steigen

Kassenarzt-Chef Gassen rechnet damit, dass die Infektionszahlen wieder hochgehen könnten. "Aber es gibt bisher keine fundierten Hinweise darauf, dass dadurch auch der Anteil der schweren Erkrankungen wieder steigt, zumal Geimpfte zuverlässig geschützt sind." Alarmismus sei völlig fehl am Platz. Dennoch müsse man weiterhin vorsichtig sein, auch in Bezug auf die Reiseregeln.

"Portugal mit seinen harten Lockdowns wird lange als Musterland der Corona-Bekämpfung dargestellt, für das Reisen wird mit großem Brimborium der digitale Impfpass eingeführt. Doch dann wird über Nacht der Urlaub in Portugal quasi unmöglich gemacht, weil alle Rückreisenden - ob geimpft oder nicht - in 14-tägige Quarantäne geschickt werden", kritisierte Gassen.

Er forderte, die Quarantäne für vollständig geimpfte Reiserückkehrer aus sogenannten Virusvariantengebieten zu streichen. "Wir wissen, dass vollständig Geimpfte auch gegen Delta hervorragend geschützt sind."

Lauterbach: Möglicherweise Auffrischungsimpfungen nötig

Das sieht SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach skeptischer. Er hält im Falle einer starken Ausbreitung der Delta-Variante Auffrischungsimpfungen für nötig. "Sobald Fälle beobachtet werden, bei denen es trotz zweifacher Impfung zu einer Ansteckung zum Beispiel mit der gefährlichen Delta-Variante und auch zu schweren Krankheitsverläufen kommt, wird man zur Booster-Impfung aufrufen", sagte Lauterbach der Düsseldorfer "Rheinischen Post".

Derzeit sei allerdings noch nicht sicher, ob sich die Delta-Variante "gegen die Impfungen durchsetzen" werde. "Deswegen kann man derzeit noch nicht zu den Auffrischungsimpfungen aufrufen. Dafür fehlt noch das Wissen", sagte der SPD-Politiker.

Nach Lauterbachs Darstellung könnte es durchaus sein, dass in sechs Monaten erste Auffrischungsimpfungen für diejenigen notwendig werden, die bereits zu Beginn dieses Jahres immunisiert wurden. "Deren Impfung liegt dann ja schon ein Jahr zurück. Und es betrifft vor allem die Älteren oder Vorerkrankten, also die Gruppe mit den höchsten Risiken", sagte der Gesundheitspolitiker.

Die dafür notwendigen Impfstoffkapazitäten seien verfügbar, fügte Lauterbach hinzu. "Die Impfstoffmenge sollte für die Auffrischungen in diesem Jahr auf jeden Fall ausreichen. Denn es sind allenfalls die Risikopatienten, deren Impfung schon lange zurückliegt, die noch in diesem Jahr eine Auffrischung brauchen. Zudem wird nur eine weitere Impfung notwendig sein", erläuterte Lauterbach.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Juli 2021 um 08:50 Uhr.

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Moderation 01.07.2021 • 15:00 Uhr

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