Eine Medizinstudentin zieht im Zentralen Impfzentrum in Tübingen den Impfstoff von Pfizer-BioNTech auf.  | dpa

Diskussion über Impfstoffknappheit Könnte die zweite Dosis verschoben werden?

Stand: 31.12.2020 14:40 Uhr

Die Zahl der Geimpften wächst nur langsam - noch steht nicht genügend Impfstoff zur Verfügung. Experten beraten, wie man möglichst schnell viele Menschen impfen kann. Eine Idee: Die zweite Dosis könnte später verabreicht werden.

Wenige Tage nach dem Start gehen die Diskussionen rund um die Impfkampagne in Deutschland weiter. So überlegen Wissenschaftler, ob man ähnlich wie in Großbritannien die nötige zweite Impfdosis später verabreichen kann, um möglichst viele Menschen mit den knappen Vorräten zu impfen.

"Da der Abstand zwischen beiden Impfungen mit großer Wahrscheinlichkeit in weiten Grenzen variabel sein kann und der Schutz auch nach einer Impfung schon sehr gut ist, ist es durchaus überlegenswert, bei Impfstoffmangel zunächst bevorzugt die erste Impfung zu verabreichen", sagte Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut. Allerdings stelle dies eine zusätzliche Herausforderung bei der Planung der zweiten Impfung dar, die letztlich erfolgen müsse.

Ähnlich hatte sich der Bonner Virologe Hendrik Streeck im RTL-"Nachtjournal" geäußert. Die Daten hätten gezeigt, dass bereits nach der ersten Impfung mehr als die Hälfte der Geimpften vor der schweren Erkrankung geschützt sei. Über ein solches Vorgehen müsse es aber erstmal eine Diskussion geben. "Einfach ist die Entscheidung nicht, aber es wäre eine Möglichkeit, schnell mehr Menschen zu impfen."

Zwölf statt drei Wochen

Großbritannien hatte am Mittwoch dem Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca und der Universität Oxford als zweitem Impfstoff nach dem Biontech/Pfizer-Präparat eine Notfallzulassung erteilt. Gleichzeitig empfahl der Ausschuss, für beide Impfstoffe vorerst möglichst vielen Menschen nur die erste Impfdosis zu verabreichen. Die zweite Dosis solle innerhalb von zwölf statt der ursprünglich vorgesehenen etwa zwei bis vier Wochen gespritzt werden.

Viele britische Experten begrüßten die Entscheidung als vernünftigen Ansatz, der Impfstoffknappheit zu begegnen. Sie wiesen aber auch darauf hin, dass die Wirksamkeit nach der ersten Dosis geringer ist und beobachtet werden müsse, ob sich die Strategie wirklich bewähre.

Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen, hält den britischen Ansatz grundsätzlich für sehr sinnvoll. "Wenn der Effekt der ersten Impfung mit der Zeit nicht schnell abnimmt, dann könnte die zweite Impfung auch noch später stattfinden, zum Beispiel erst nach sechs Monaten. Das wissen wir noch nicht. Bei anderen Impfstoffen wird das auch so gemacht."

Dicht an dicht stehen Menschen vor dem Corona-Impfzentrum in der Arena in Treptow, um sich impfen zu lassen.  | dpa

Vor vielen Impfzentren bildeten sich nach dem Impfstart lange Schlangen, wie hier in Berlin-Treptow. Bild: dpa

Schäuble gegen Impfpriviliegien

Bis Donnerstagmorgen wurden in Deutschland insgesamt 131.626 Impfungen an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet. Entsprechend den Empfehlungen sind das vor allem Pflegeheimbewohner, Menschen über 80 Jahre und medizinisches Personal. Im Vergleich zum Vortag stieg die Zahl der Geimpften um 51.465, wie aus den RKI-Angaben hervorgeht. Das ist nicht zwangsläufig die Zahl der tatsächlich an einem Tag Geimpften, weil darunter auch Nachmeldungen sein können.

Unterdessen hat sich auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble gegen eine Vorzugsbehandlung von Menschen ausgesprochen, die gegen das Coronavirus geimpft wurden. "Eine Vorzugsbehandlung für Geimpfte birgt die Gefahr der Spaltung der Gesellschaft", sagte der CDU-Politiker der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Es dürfe zwischen bereits Geimpfte und Nicht-Geimpfte "kein Keil" getrieben werden, sagte Schäuble. Das Tempo bei der Impfstoffentwicklung sei "absolut beeindruckend". Daher gebe es Hoffnung, dass es bei der Produktion noch schneller gehen werde als erwartet. Ähnlich hatten sich bereits Mitglieder der Bundesregierung wie Gesundheitsminister Jens Spahn oder Innenminister Horst Seehofer geäußert.

Merz sieht Grundrechte gefährdet

Der für den CDU-Vorsitz kandidierende Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz will Corona-Geimpften hingegen mehr Freiheitsrechte einräumen. "Grundrechte sind Individualrechte, aber keine kollektiven Rechte, die der Staat bei Bedarf allen entzieht und nur allen gleichzeitig zurückgewährt, wenn es die Lage wieder erlaubt", sagte Merz den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Man kann deshalb einer immer größer werdenden Bevölkerungsgruppe von Geimpften, Gesunden und Genesenen nicht pauschal die Grundrechte vorenthalten, weil eine immer kleinere Gruppe nach wie vor durch das Virus gefährdet ist."

Derzeit ist noch unklar, inwieweit eine Corona-Impfung mit dem bisher einzigen in Deutschland zugelassenen Biontech-Impfstoff nicht nur vor der Krankheit selbst, sondern auch andere Menschen vor einer Ansteckung schützt.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 31. Dezember 2020 um 16:05 Uhr.