Der rote Stern auf einer Turmspitze des Kreml leuchtet vor dem Vollmond | Bildquelle: dpa

Einstellungen zu Russland Eher geeint als gespalten

Stand: 02.10.2020 14:58 Uhr

Ostdeutsche haben ein besseres Verhältnis zu Russland als Westdeutsche, so eine gängige These. Eine Studie zeigt: Debatten über Putin sind oft Projektionsfläche - für Kritik an deutscher Politik.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

30 Jahre nach der Wiedervereinigung sind laut einer Studie Ost- und Westdeutsche in ihren Einstellungen zu Russland nicht mehr allzu weit voneinander entfernt. Heutzutage spielen demnach persönliche Kontakte in das Land eine Rolle. Der Wohnort sei mitunter wichtiger als die Herkunft aus der DDR oder der BRD. Auch die Einstellung zur deutschen Innenpolitik spiegele sich in den Einstellungen wider.

Das zeigt eine Untersuchung, die Gwendolyn Sasse als Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin in den vergangenen Monaten durchgeführt hat. Eingeflossen in die Ergebnisse ist eine landesweite Befragung. Zusätzlich wurden in Ost- und Westdeutschland zwölf Diskussionsgruppen zusammengestellt und zu ihrem Russland-Bild befragt.

14 Prozent haben persönliche Kontakte nach Russland

Ein Kriterium für Einstellungen ist demnach die persönliche Nähe zu Russland. Wer private oder berufliche Kontakte nach Russland pflegt, sieht zum Beispiel Russlands Präsident Wladimir Putin weniger als Bedrohung und eher als effektiven Präsidenten an.

Solche Verbindungen haben in ganz Deutschland etwa 14 Prozent, wobei der Anteil bei den in Ostdeutschland Geborenen mit 17 Prozent höher liegt als bei den Befragten aus Westdeutschland mit knapp elf Prozent.

Bezüglich des heutigen Wohnorts ergibt sich allerdings ein anderes Verhältnis: In Ostdeutschland haben elf Prozent Kontakte nach Russland und in Westdeutschland 14 Prozent. Eine Besonderheit ist in Berlin festzustellen: Dort hat ein Drittel der Bewohner persönliche Verbindungen nach Russland. Unter ihnen gibt es ein höheres Bewusstsein für Repressionen als anderswo in Deutschland.

Auch die ältere Generation unter den Befragten assoziiert Putins Namen stärker mit Repressionen als die jüngere Generation. Das ist nach Einschätzung von Sasse ein Hinweis darauf, dass jene mit persönlicher DDR-Erfahrung keine Illusionen über die Sowjetunion hatten und bis heute einen Blick für politische Kontrollmechanismen haben.

Wohnort bedeutender als Herkunft

Bei der Einschätzung Putins stellte sich zudem heraus, dass der heutige Wohnort in Ost- oder Westdeutschland eine etwas größere Rolle spielt als die Herkunft aus der DDR oder der BRD.

So nehmen knapp 60 Prozent der in Ostdeutschland Geborenen unter den Befragten Putin nicht als Bedrohung wahr. Dieser Wert liegt bei den in Ostdeutschland Wohnenden noch einmal um fünf Prozent höher. Die Frage allerdings, ob Putin ein effektiver Präsident ist, bejaht mit etwa 34 Prozent ein fast gleich hoher Anteil in beiden Gruppen.

Putin als Projektionsfläche für Kritik

Positive Russlandbilder wurden bei den Gesprächen in den Fokusgruppen sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland mit ähnlichen Argumenten verbunden. Dazu zählt Anerkennung für die Rolle der Sowjetunion bei der friedlichen Wiedervereinigung mit Deutschland vor 30 Jahren. Russland wird dabei oft mit der Sowjetunion gleichgesetzt.

Hinzu kommt Bewunderung für Putins Durchsetzungskraft im In- und Ausland, Zustimmung für seine "Volksnähe" und die Betonung "traditioneller Werte" und "Nationalstolz", wofür es nach Meinung von Gesprächsteilnehmern in Deutschland zu wenig Raum gebe.

Debatten über Russland und Putin böten in erster Linie eine Projektionsfläche und einen Filter für Kritik und Forderungen in Bezug auf die deutsche Politik, sagt Studienleiterin Sasse. "Diese Kritik ist lauter in Ostdeutschland, aber sie ist auch in Westdeutschland zu hören und nicht auf den rechten Rand des Parteienspektrums begrenzt."

Wenig Wissen über Sanktionen

Relativ hohe Unsicherheit zeigte sich in der Umfrage über die deutsch-russischen Beziehungen: 40 Prozent konnten oder wollten nicht sagen, ob diese zu eng sind oder verbessert werden sollten. Dabei wird in Ost- und Westdeutschland in vergleichbarer Weise Unwissen darüber eingestanden, wie Russland zu beurteilen ist. Dies wird oft verbunden mit Kritik an einer als zu einseitig wahrgenommenen Berichterstattung der Medien.

Sanktionen werden eher aus Prinzip als unpassendes Instrument abgelehnt, weil diese immer die Falschen träfen. Dabei fehlen aber oft genauere Kenntnisse, auf wen Sanktionen gerichtet sind. "Somit ist die Grenze zwischen bewusst pro-russischen Aussagen und dem diffusen Wunsch nach Stabilität und Sicherheit eine fließende. Die regelmäßig in Meinungsumfragen gestellten Fragen nach der Stärkung oder Lockerung von Sanktionen gegenüber Russland sind somit nur begrenzt aussagekräftig", urteilt Sasse auf Grundlage der Studienergebnisse.

Die Autorin war 2019 als Journalistin drei Monate zu Gast am ZOiS und trug mit Interviews zu einem weiteren Teil der Studie bei.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Oktober 2020 um 10:08 Uhr.

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