Der rote Stern auf einer Turmspitze des Kreml leuchtet vor dem Vollmond | Bildquelle: dpa

DDR und Sowjetunion Fernes Freundesland

Stand: 11.10.2019 09:05 Uhr

Wenn es um die Besonderheiten Ostdeutschlands geht, wird oft auf die Nähe zu Russland verwiesen, die aus DDR-Zeiten herrühre. Wie nahe war die Sowjetunion den DDR-Bürgern?

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Eine eigene Meinung zum Umgang mit Russland, eine besondere Sichtweise auf Osteuropa - damit begründete Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, nach einem Besuch bei Wladimir Putin im Juni 2019, die Forderung nach dem Ende der Russland-Sanktionen.

Wenn dieses besondere Verhältnis aus DDR-Zeiten herrührt, dann ist die Frage, wie nah die Sowjetunion den Bürgern eigentlich war. Auf den ersten Blick: sehr nah und mitten in der DDR. Bis zu 700.000 sowjetische Soldaten und ihre Angehörigen lebten nach neuen Erkenntnissen in der DDR.

Telefone | Bildquelle: <Silvia Stöber>
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Telefone ohne Wählscheiben aus der Garnison in Potsdam, zu sehen in einer Ausstellung über die Sowjetarmee in der DDR.

AG "Junge Propagandisten"

Was hinter den Kasernenmauern vor sich ging, blieb den DDR-Bürgern weitgehend verborgen. Kontakte der sowjetischen Militärangehörigen zur zivilen Bevölkerung waren die Ausnahme.

Dem offiziellen Austausch diente die "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft" (DSF). Es gab vielfältige Angebote aus Dia-Vorträgen, Gesprächsrunden, Musik-, Tanz- und Malerei-Zirkeln und nicht zuletzt auch immer eine AG "Junge Propagandisten".

Der Erfolg war jedoch überschaubar: Zwar hätten DSF-Mitglieder voller Enthusiasmus für Völkerverständigung und gegen antisowjetische Vorurteile gekämpft, berichten die Macher der aktuellen Ausstellung "Potsdam unter dem Roten Stern - Hinterlassenschaften der Besatzungsmacht 1945 bis 1990". Doch von kulturellen Darbietungen abgesehen seien die vielen Veranstaltungen mit Agitations- und Propagandainhalten wenig geeignet gewesen, das Verhältnis zur Sowjetunion zu verbessern.

Der rote Stern auf einer Turmspitze des Kreml leuchtet vor dem Vollmond | Bildquelle: dpa
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Die Sowjetunion war Verbündete und Besatzungsmacht.

Dein Freund, die Besatzungsmacht

An einen Tiefpunkt gelangte das Verhältnis beim Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953. Angesichts der Proteste und Streiks verhängte die sowjetische Besatzungsmacht in 167 von 217 Stadt- und Landkreisen den Ausnahmezustand. 15 Jahre später waren ebenfalls in der DDR stationierte Sowjetsoldaten an der Niederschlagung des Prager Frühlings in der benachbarten Tschechoslowakei beteiligt.

Volksaufstand 1953 in der DDR | Bildquelle: dpa
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Beim Volksaufstand 1953 griff die Sowjetunion als Besatzungsmacht durch.

Den Status der Besatzungsmacht überdecken sollten Begriffe wie "Waffenbrüder", "großer Bruder" oder "Freunde". Landläufig war jedoch von den "Russen" die Rede - dies nicht nur, weil Russisch die Sprache der Verständigung unter den "sozialistischen Brudervölkern" war.

Eine Rolle spielte auch die schiere Größe der "Russischen Föderativen Sozialistischen Sowjetrepublik" innerhalb der Sowjetunion sowie ihre Dominanz über die anderen Völker im Land. Dies wurde im Buch "Briefe an Freunde" für Schüler von 1963 so erklärt:

"Nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution hat das russische Volk die ehemals vom Zarismus unterdrückten Völker um sich gesammelt und ihnen bei der Entwicklung ihrer Kultur und beim Aufbau ihrer Wirtschaft uneigennützig geholfen. Auf der Grundlage der sozialistischen Gesellschaftsordnung entstand die große Freundschaft der freien, gleichberechtigten und brüderlich verbundenen Sowjetvölker."

Russisches Konfekt

In Erinnerung geblieben sind vielen Ostdeutschen Alltagsbegegnungen abseits der staatsdoktrinär verordneten Freundschaft. Da waren die Verkäuferinnen in den Läden am Eingang von Sowjetkasernen, die manchmal russisches Konfekt verkauften. Es gab einen regen Tauschhandel mit Sowjetsoldaten, oft am Rande der Siedlungen zwischen rostig braunen Containern, in denen das Hab und Gut der Familien der Sowjetoffiziere in die DDR gebracht worden war. Oder man kam am Rande der Kasernen zum Lagerfeuer zusammen.

Statue eines Sowjetsoldaten auf dem Gelände der Gedenkstätte Seelower Höhen in Brandenburg | Bildquelle: dpa
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Denkmal für die gefallenen Sowjetsoldaten im Zweiten Weltkrieg. Über ihr Leben in den Kasernen in der DDR war wenig bekannt.

Die Sowjetunion selbst war fern, ferner als Polen, Ungarn oder die Tschechoslowakei, wo man mit den Eltern den Urlaub verbrachte. Traditionsgemäß wurden die Abschlussfahrten der zehnten und zwölften Klassen nach Leningrad und Moskau organisiert. Mehrere Tausende junge DDR-Bürger waren am Bau der Gaspipeline "Druschba - Freundschaft" durch die Ukraine beteiligt. Ausgewählte durften in der Sowjetunion studieren.

Unerkannt durch Freundesland

Wer das Land ganz auf eigene Faust erkunden wollte, brauchte Mut zum Gesetzesverstoß, denn die Regeln für die Einreise und das Reisen im Land waren streng und kaum einzuhalten. DDR-Studenten borgten sich die Pässe ihrer Kommilitonen aus der Sowjetunion. Abenteuerlustige nutzten ein Transitvisum, um "unerkannt durch Freundesland" zu reisen, manche gelangten damit bis nach China.

Ein Gebirgsfluss in Tadschikistan | Bildquelle: dpa
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Die Weiten Zentralasiens lockten so manche abenteuerlustige DDR-Bürger in die Sowjetunion.

Was Jugendliche in der DDR und der Sowjetunion teilten, war die Sehnsucht nach Mode und Musik aus dem Westen. Hier wie dort waren Jeans, Schnittmuster, Poster, Songtexte sowie Aufnahmen auf Kassetten und Tonbändern heiß begehrt. Der Einfluss westlicher Musiker auf die Szenen in beiden Ländern war groß. Sowjetische Bands dagegen waren in der DDR wenig beliebt.

Von der Sowjetunion siegen lernen

In den 1980er-Jahren ging ein anderer Impuls von der Sowjetunion aus. Der Propaganda-Spruch "Von der Sowjetunion lernen - heißt siegen lernen" erhielt ganz neue Aussagekraft, als Michail Gorbatschow Bewegung in das verknöcherte sozialistische System brachte, an dem die DDR-Führung hingegen bis in den Herbst 1989 festhielt. Anders als 1953 und 1968 kam die Sowjetarmee der DDR-Führung nicht mehr zu Hilfe, als mehr und mehr Menschen zum Protest auf die Straßen gingen.

40. Jahrestag der DDR
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Am 7. Oktober feierte die DDR ihr 40-jähriges Bestehen. Bei der Feier mahnte der sowjetische Staatschef Gorbatschow, sich der Erneuerung nicht in den Weg zu stellen. | Bildquelle: picture-alliance / dpa

Nicht nur die DDR-Führung erlebte jene Tage um den Mauerfall als höchst beunruhigend. Auch einem KGB-Agenten in Dresden erging es so. Jahre später beschrieb er in einem Interview eine heikle Situation: Während er mit der Vernichtung hochsensibler Akten von KGB-Informanten beschäftigt war, versammelten sich vor dem KGB-Gebäude, offiziell ein Kulturhaus, Demonstranten auf der Suche nach Stasi-Agenten. Sein geradezu perfektes Deutsch hielten sie für verdächtig.

Wären die Demonstranten in das Gebäude gestürmt, hätte er mit seinen bewaffneten Kameraden nicht vor Gewalt zurückgeschreckt. Am Ende rettete sich der damals 37-Jährige mit einer Lüge: Er überzeugte die Demonstranten, dass er Übersetzer sei. Es war Wladimir Putin, der so über seine Zeit in der DDR berichtete.

Zehn Jahre später gelangte er an die Spitze der russischen Führung. Die damaligen Erlebnisse in der DDR beeinflussen sein Handeln bis heute. Doch viele Ostdeutsche stören sich nicht an seinem autoritären Führungsstil und dem Anspruch der Führung in Moskau, eine privilegierte Einflusszone weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus zu beanspruchen.

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