Wanderer gehen zur Bad Kissinger Hütte des Deutschen Alpenvereins (DAV). | Bildquelle: dpa

150 Jahre Deutscher Alpenverein Berge an der Belastungsgrenze

Stand: 25.10.2019 01:06 Uhr

Vor 150 Jahren wurde der Deutsche Alpenverein gegründet, um mehr Menschen in die Berge zu bringen. Es war der Beginn einer Bewegung, mit deren Auswüchsen er heute auch kämpft.

Von Sebastian Nachbar, BR

Es war der Beginn einer großen Bewegung: Am 9. Mai 1869 gründeten Männer in der "Blauen Traube" in der Münchner Dienerstraße den Deutschen Alpenverein (DAV). Heute, 150 Jahre später, versammelt man sich in der Kleinen Olympiahalle. Nicht nur, weil das Hotel längst Vergangenheit ist, sondern auch, weil es schlichtweg zu klein wäre: Der DAV ist einer der größten Verbände Deutschlands, die touristische Entwicklung der Alpen hat er entscheidend mitgeprägt.

Das Ziel der Gründungsrunde von 1869 war von Anfang an klar: Bergfreunde aus Deutschland in die Alpen zu bringen und die touristische Entwicklung in den Bergen zu fördern. Und das heißt: Hütten bauen.

Alpensehnsucht als Konjunkturprogramm

Die Initiative der Gründer, die damals Ausdruck einer großen gesellschaftlichen Alpensehnsucht ist, kommt für die armen Bergregionen daher wie ein Konjunkturprogramm. Mitten im Hochgebirge entstehen Baustellen, die vergleichbar sind mit heutigen Großprojekten.

Nachdem eine Sektion einen passenden Platz gefunden und erworben hat, müssen Wege angelegt und ausgebaut werden. Sämtliches Material muss von Hand und mit Tieren herangeschafft werden, man braucht Arbeitskräfte. Als die Hütten öffnen, kommen Bürger aus der Stadt angereist, um ihre Freizeit im Gebirge zu verbringen. Für Touren auf große Berge wie Großglockner, Großvenediger oder Ortler sind sie auf Bergführer angewiesen. So entsteht in Kals am Großglockner der erste Bergführerverein der Ostalpen.

7,5 Millionen Übernachtungen jährlich

Bald gibt es die ersten Diskussionen, wie komfortabel oder spartanisch eine Berghütte zu sein hat. Daunendecken oder kratzige Wolldecken, Massenlager oder Einzelzimmer, Mehrgängemenü oder Einheitskost - Debatten, die sich im 21. Jahrhundert durchaus wiederholen.

Heute hat der Deutsche Alpenverein rund 1,3 Millionen Mitglieder und bezeichnet sich gern als "größter Bergsportverband der Welt". Die Alpen haben sich von einem "wilden, unkultivierten Bärenland", wie DAV-Mitbegründer Franz Senn schrieb, zum größten Freizeitpark Europas mit jährlich 7,5 Millionen Übernachtungen entwickelt.

Widerstand gegen Gletscherskigebiet

Und der Besucherdruck wächst weiter. Gerade in den alpinen Boom-Regionen von Bayern, Österreich und Südtirol sind die Folgen gravierend: Staus auf den Straßen, überfüllte Hütten und zersiedelte Landschaft.

In Tirol, wo man verstärkt auf den Skitourismus setzt, sollen etwa die Skigebiete Pitztaler Gletscher und Sölden durch den Bau neuer Seilbahnen verbunden werden. Ein gigantisches Gletscherskigebiet ist geplant. Der DAV will das Großprojekt gemeinsam mit dem Österreichischen Alpenverein verhindern - zum einen aus Naturschutzgründen, zum anderen aber auch, um die Gipfel rund um die Braunschweiger Hütte für Bergsteiger und Skitourengeher attraktiv zu halten.

Après-Ski-Wahnsinn und Jodel-Events

Viele der einst armen Bergbauern haben sich dank der Wintersport-Industrie seit den 1960er-Jahren in vermögende Hoteliers verwandelt. Dort gibt man die meiste Zeit im Jahr alles für das Wohl der Gäste. Für den Tiroler Fotografen und Tourismuskritiker Lois Hechenblaikner betreibt die Tourismusbranche mit ihrem pseudo-alpinen Kitsch sogar den Ausverkauf der eigenen Identität. Knallhart dokumentiert er in seinen Bildern Après-Ski-Wahnsinn und volkstümliche Jodel-Events, zu denen jährlich Tausende Besucher pilgern.

Eine ähnlich große Anziehungskraft entwickeln mittlerweile fotogene Hotspots in alpiner Kulisse wie etwa der Schrecksee in den Allgäuer Alpen oder der Königsbachfall oberhalb des Königssees. Schon ein paar reichweitenstarke Fotos bei Instagram können dort an manchen Tagen einen Massenansturm auslösen, der vor Ort kaum zu bewältigen ist. Die Folgen sind Verschmutzung durch Müll, zerstörte Vegetation und mehr Bergunfälle.

Dazu überqueren im Sommer immer mehr Fernwanderer die Alpen. Auf der wohl bekanntesten Route, dem Europäischen Fernwanderweg E5, sind zwischen Oberstdorf und Meran zur Hochsaison schätzungsweise mehr als 1000 Leute unterwegs - pro Tag. Die Hütten sind teilweise so überfüllt, dass Leute im Gastraum schlafen müssen.

150 Jahre Alpenverein: E-Bikes verstopfen die Wanderwege
tagesthemen 22:17 Uhr, 10.05.2019, Siegrid von Fintel, BR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Ansprüche der Gäste steigen

Dabei steigen die Ansprüche der Gäste auf DAV-Hütten, es wird nach WLAN, kleineren Zimmern und warmen Duschen verlangt. Auch deshalb wurden in den vergangenen Jahren einige Alpenvereinshütten renoviert oder abgerissen und neu gebaut, wie zum Beispiel die Höllentalangerhütte an der Zugspitze oder das Waltenberger Haus am Allgäuer Hauptkamm.

Und als wäre der Ansturm auf die Alpen nicht schon groß genug, drückt neuerdings mit den E-Bikern eine neue Besuchergruppe ins Gebirge. Dank Elektrounterstützung können jetzt auch weniger trainierte Radfahrer steile Anstiege bewältigen. Gerade die vielen sanfteren Vorberge in Bayern eignen sich bestens dafür, da der Freistaat hier als größter Waldbesitzer ein dichtes Netz gut ausgebauter Forststraßen unterhält.

Das alles plus das Mega-Thema Klimawandel, der in den Alpen mit Problemen wie abschmelzenden Gletschern oder auftauendem Permafrost viel früher präsent ist als im Flachland - das ist die Gemengelage, vor der sich die rund 750 Delegierten an diesem Wochenende in München versammeln. Darum will der Deutsche Alpenverein sich nicht nur selbst feiern, sondern auch diskutieren und entscheiden. Dabei dürfte eines klar sein: Noch mehr Menschen können die Alpen bald nicht mehr verkraften.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. Mai 2019 um 22:15 Uhr.

Darstellung: