Hände tippen auf einer Laptop-Tastatur

Interview mit IT-Experten "Die Gefahr eines Cyberkriegs ist real"

Stand: 14.02.2019 04:52 Uhr

Die Münchner Sicherheitskonferenz beschäftigt sich ab Donnerstag auch mit Cybersicherheit. Israel gilt in diesem Bereich als Vorreiter. IT-Sicherheitsexperte Gaycken erklärt, was Deutschland versäumt hat.

tagesschau.de: Herr Gaycken, drohen uns in Zukunft Cyberkriege - oder verbreiten Medien und Experten unnötig Angst?

Sandro Gaycken: Die Gefahr ist real. In dem Feld werden bereits massiv Spionage und Sabotage betrieben, auch das Militär hat längst das Thema Cyberangriffe für sich entdeckt. Jedes Gerät auf dem Schlachtfeld ist hackbar und auch jedes Gerät jenseits des Schlachtfelds, das strategische Wirkung haben kann, lässt sich angreifen. Ein Cyberangriff ist ein sehr mächtiges militärisches Wirkmittel.

tagesschau.de: Welche Szenarien sind denn realistisch?

Gaycken: Man kann mit Cybermitteln heute einen kompletten Krieg führen. Es gibt klare Abschreckungsszenarien, indem Angreifer etwa die Wirtschaft eines Landes einfrieren. Dabei könnten etwa Großkonzerne, die Börse oder zentrale Wirtschaftsmechanismen wie das Netzwerk SWIFT angegriffen werden. Es gibt taktische Szenarien, bei denen gezielt Informationen massenhaft oder in bestimmten Bereichen manipuliert werden. Und es ist eine einfache taktische elektronische Kampfführung möglich, bei der etwa ein Radar, ein Kampfschiff oder ein Panzer gehackt wird.

alt Karte Israel

Israels "Cybersicherheits-Ökosystem"

Israel gilt als Vorreiter im Bereich Cybersicherheit. In Beerscheba ist den vergangenen Jahren ein Gründerzentrum entstanden. Dort haben sich zahlreiche Startups angesiedelt. Der Schweizer Wissenschaftler Fabien Merz, der an der ETH Zürich forscht, beschreibt ein Cybersicherheits-Ökosystem aus Militär, Unternehmen und Universitäten. Dabei würden Jugendliche bereits früh für das Thema sensibilisiert, in dem etwa bereits ab der Sekundarstufe Vorkurse in Cybersicherheit angeboten werden. Wehrpflichtige, die in der "Einheit 8200" des militärischen Nachrichtendienstes eingesetzt werden, wechselten später oft wiederum zu den Cybersicherheits-Unternehmen. Ein Austausch zwischen privatem und militärischem Sektor findet regelmäßig statt, so Merz.

tagesschau.de: Israel gilt im Bereich der Cybersicherheit seit Jahren als führend. Was macht das Land besser?

Gaycken: In der Konfliktregion ist Cybersicherheit essenziell. Dementsprechend erfolgen Sicherheitsmaßnahmen unbürokratischer und sind politisch weniger stark umstritten. Israel hat deshalb eine sehr lange Erfahrung in dem Bereich. Im israelischen Militär gibt es zum Beispiel eine der besten Hacker-Ausbildungen der Welt. Zudem bietet der Staat interessante Anreizmodelle für Leute, die nach der Wehrpflicht ein Startup im Bereich Cybersicherheit gründen wollen. Was allerdings überbewertet wird, ist die Breite der Maßnahmen. Israel ist ein kleines Land mit sehr spezifischen Fähigkeiten in der Offensive. Ihre Expertise haben sie vor allem im Betreiben klassischer Verfahren, um etwa Radaranlagen anzugreifen oder mobile Geräte zu hacken, damit Terroristen ausgespäht werden können. Das passt aber nicht unbedingt zu dem Cyberwar-Szenario in Deutschland.

IT-Experte Sandro Gaycken | Bildquelle: Privat
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IT-Experte Sandro Gaycken: "Mit so einer Haltung kann man keine Industrie aufbauen."

tagesschau.de: Was braucht denn Deutschland?

Gaycken: Deutschland benötigt vor allem Sicherheit für die Maschinen, die hier gebaut werden: also für Autos, Flugzeuge, Kraftwerke und Produktionsstraßen, die massiv informatisiert sind, aber noch keine Sicherheitskonzepte haben. Was in den vergangen Jahren an Sicherheitsmaßnahmen eingebaut wurde, steht auf einem sehr wackeligen Fundament. Das ist nur mit sehr viel Hoffnung sicher. Wir haben spät gesehen, dass sich die israelischen Securitykonzepte nicht übertragen lassen und nicht zu unserer Maschinenwelt passen. Deutschland realisiert erst jetzt, dass es selbst Sicherheitskonzepte entwickeln muss, da sich die auf dem Markt erhältlichen Systeme nicht überall einsetzen lassen. Das ist ein Problem.

tagesschau.de: Welche Sicherheitssysteme benötigt denn Deutschland?

Gaycken: Firewalls, Intrusion Detection oder andere Erkennungs- und Filtersysteme etwa - Klassiker am Markt - sind in der Maschinenwelt nur sehr begrenzt nutzbringend. Architekturbasierte Maßnahmen dagegen wie Mikrokerne, sehr kleine und deutlich weniger angreifbare Betriebssysteme, bringen deutlich größere Sicherheitsgewinne.

tagesschau.de: Die Entwicklung wurde also verschlafen?

Gaycken: Es fehlte lange Zeit an Expertise und es hat schließlich zu lange gedauert, die aufzubauen. Zu häufig war man den Versprechen der Lobbiysten verfallen, die auf existierende Lösungen setzten. Dazu kommt, dass die Behörden für jeden noch so kleinen Fehltritt im Bereich der Cybersicherheit von den Medien kritisiert werden. Das führt natürlich dazu, dass sie sehr ängstlich agieren und wenig risikobereit sind. Mit so einer Haltung kann man keine Industrie aufbauen.

tagesschau.de: Die Bundesregierung siedelt eine "Agentur für Innovation in der Cybersicherheit" in Leipzig-Halle an. Innenminister Horst Seehofer verspricht, dass Deutschland damit in Zukunft eine Spitzenposition im Bereich der Cybersicherheit übernehmen wird. Wie realistisch ist das?

Gaycken: Da bin ich sehr skeptisch. Die Projekt ist eine kluge Idee - vor allem die Rechtsform der GmbH ist sinnvoll, da sie die Vergabe von Aufträgen erleichtert. Doch bisher klagt die Sicherheitsindustrie immer noch, dass zu wenig Geld für diesen Bereich in die Hand genommen wird und deshalb zu wenig passiert. Das System ist sehr bürokratisch. Darauf haben Startups meist keinen Bock. Wir benötigen deutlich mehr Flexibilität.

Das Gespräch führte Dietmar Telser, tagesschau.de

Dr. Sandro Gaycken ist Gründer und Leiter des Digital Society Institute an der privaten Hochschule European School of Management and Technology in Berlin.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Januar 2019 um 06:50 Uhr in der Sendung "Interview". Am 14. Februar 2019 berichtete NDR Info um 11:41 Uhr in der Wirtschaft.

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