Bundeswehrsoldaten am Computer

Cyber-Truppe der Bundeswehr Mit Nerds in den Krieg

Stand: 24.08.2017 11:24 Uhr

Dass Kriege nicht mehr allein im Schützengraben entschieden werden, hat auch die Bundeswehr begriffen. Deshalb will Verteidigungsministerin von der Leyen eine eigene Cyber-Truppe. Mit Laptop statt Klappspaten soll die "Nerd-Offensive" gelingen.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Es sind nicht die Kämpfertypen, die Ursula von der Leyen gerade händeringend sucht. Die Ministerin brauche "eher Nerds als Sportskanonen", heißt es aus ihrem Ressort. Denn für den Kampf gegen Computerviren und Hackerangriffe fehlt den Streitkräften das geeignete Personal.

Wohl auch deshalb wertet von der Leyen das virtuelle Schlachtfeld jetzt deutlich auf. Neben den bisherigen Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine und den militärischen Organisationsbereichen Sanität und Streitkräftebasis wird nun ein neuer Bereich namens "Cyber-Informationsraum" aufgestellt. Der soll - wie auch die anderen Bereiche - von einem Drei-Sterne-General als Inspekteur geführt werden.

Das macht deutlich, für wie bedeutend die Ministerin die Fähigkeiten der Bundeswehr im Cyber-Bereich hält. "Wir leben in einer Gesellschaft, die in hohem Maße digitalisiert ist - weltweit vernetzt", betont von der Leyen eine Binsenweisheit. Allerdings mache diese Vernetzung Deutschland potenziell verwundbar und auch die Bundeswehr sei für mögliche Angreifer ein "Hochwertziel". Deshalb wolle man sich in diesem Bereich besser und professioneller aufstellen.

Katrin Suder | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Sie ist die treibende Kraft hinter der Cyber-Offensive: Staatssekretärin Katrin Suder ...

Ursula von der Leyen
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... hat im Auftrag von Verteidigungsministerin von der Leyen den Truppen-Umbau angeschoben.

Konzept einer Ex-Unternehmensberaterin

Die tiefgreifenden Maßnahmen tragen die Handschrift von Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder. Sie kommt von der Unternehmensberatung McKinsey und hat mit vielen IT-Unternehmen gearbeitet. In der Vergangenheit hatte Suder immer wieder durchblicken lassen, für wie hinterwäldlerisch sie die Strukturen der Streitkräfte im IT-Bereich hält. Und so räumt auch von der Leyen ein, dass es zwar bereits eine Cyber-Expertise in der Bundeswehr gebe, aber die sei zersplittert und werde nun endlich gebündelt.

Tatsächlich ist Deutschland reichlich spät dran. Andere Nationen haben bereits vor Jahren die Bedeutung von Gefahren durch Angriffe mit Maus und Tastatur erkannt und entsprechende Kommandos aufgestellt. In Deutschland wird der neue Bereich rund 14.000 Dienstposten haben, 13.500 davon muss die Streitkräftebasis abgeben - jener militärische Organisationsbereich, der von der Logisitik bis zur Militärpolizei alle mögliche Dienstleistungsaufgaben für den Rest der Armee übernimmt.

Der Aufbau der neuen Cybertruppe, die eng mit dem Bundesinnenministerium zusammenarbeiten soll, wird 2021 abgeschlossen sein. Eines der größten Probleme für die Bundeswehr dürfte dabei die Anwerbung von geeignetem Personal sein. Die Streitkräfte können finanziell nicht mit der freien Wirtschaft mithalten, räumt man auch im Ministerium ein. Deshalb müsse man mit den Aufgaben und Rahmenbedingungen locken. So soll ein eigener Werdegang für die Computer-Krieger aufgebaut werden. Anders formuliert: Die Computerexperten sollen die Möglichkeit zur Karriere in ihrem Fachgebiet bekommen.

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Rund 70 IT-Experten sollen pro Jahr von der Bundeswehruni in München ausgebildet werden.

Eigener Studiengang geplant

Bislang setzte die Bundeswehr darauf, ihre Soldaten möglichst zu Allzweck-Kämpfern auszubilden - etwa gemäß dem Motto "Es gibt nichts, was ein deutscher Soldat nicht kann" aus der Hollywood-Komödie "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten". Doch dass ein Programmierer womöglich wenig Lust hat, auch am Klappspaten Höchstleistungen zu vollbringen, hat sich wohl inzwischen auch im Verteidigungsministerium rumgesprochen. Weil der Verzicht auf Schützengräben-buddeln und Gewehr-zerlegen allein aber wohl nicht reichen wird, um das nötige Fachpersonal für den Dienst in der Truppe zu begeistern, will von der Leyen einen eigenen Studiengang "Cyber Studies" an der Universität der Bundeswehr in München einführen.

Angestrebt ist, jedes Jahr rund 70 Absolventen von dort zu bekommen. Vernetzt werden soll der Studiengang außerdem mit der Industrie und natürlich wolle man auch eigene Forschung betreiben. Allerdings, das war dem Ministerium heute besonders wichtig, gehe es vor allem um defensive Fähigkeiten, die die Bundeswehr erlangen wolle. Fragt man nach der Entwicklung von offensiven Cyberwaffen, geben sich die Gesprächspartner auffällig schmallippig. Alles werde nur im Rahmen von Recht und Gesetz stattfinden, jeder Einsatz der Computer-Krieger mit Wirkung im oder ins Ausland müsse mandatiert werden.

Zweifel bei Opposition und SPD

Alexander Neu, für die Linkspartei im Verteidigungsausschuss, hat da seine Zweifel. Sich auf die Abwehr von Cyberangriffen einzustellen, hält er zwar für vernünftig, doch oft sei es kaum sinnvoll zu unterscheiden, wo das Training zur Abwehr eines Angriffs aufhöre und die Vorbereitung von eigenen Computer-Attacken beginne.

Auch der Koalitionspartner SPD, der heute ein eigenes Cyber-Konzept vorstellte, hat noch viele Fragen, etwa bezüglich der völkerrechtlichen Behandlung von militärischen Aktivitäten im virtuellen Raum. Auch sei angesichts der geplanten Verzahnung mit Innenministerium und Bundesnachrichtendienst die Überwachung durch das Parlament noch nicht hinreichend geklärt, mahnt der netzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lars Klingbeil.

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