Eine Arbeiter in der Impfstoffproduktionsanlage von BioNTech in Marburg.  | dpa

Vakzin-Forschung Kommt bald der Wunderimpfstoff?

Stand: 28.04.2022 04:05 Uhr

Die Entwicklung von Corona-Impfstoffen ist weiter voll im Gange. Es wird an effektiveren und spezialisierteren Impfstoffen geforscht, an unterschiedlichen Typen und an verschiedenen Darreichungsformen. Ein Überblick.

Von Daniela Diehl, SWR

Fünf Impfstoffe sind in der EU bereits zugelassen, weltweit sind es 36. Ein Großteil davon allerdings nur in einzelnen oder ganz wenigen Ländern. Dazu gehören etwa Impfstoffe aus Kuba, dem Iran, Kasachstan und China. Weitere Zulassungsanträge sind in Arbeit oder zumindest angekündigt.

Und natürlich wird weiter geforscht, laut WHO an zuletzt 349 Entwicklungsprojekten für Corona-Impfstoffe.

Alle Impfstoffe, die aktuell zugelassen sind, beruhen auf dem ursprünglichen Virusstamm, der in Wuhan entdeckt wurde. Das reicht allerdings nicht aus, wie Omikron gezeigt hat. Zwar schützen Impfungen weiterhin vor schweren Verläufen, aber mit seinen etwa 50 genetischen Veränderungen gegenüber dem Ursprungsvirus konnte Omikron sich rasant ausbreiten - trotz Impfungen.

Impfstoffe der zweiten Generation

Deshalb soll es jetzt neue Vakzine geben, die als Impfstoffe der zweiten Generation bezeichnet werden. Diese lassen sich grob in drei Kategorien teilen: in Impfstoffe, die auch einen guten Schutz vor neuen Varianten bieten, in solche, die speziell für Menschen mit geschwächtem Immunsystem entwickelt werden und solche, die für eine starke Immunabwehr direkt in den Atemwegen sorgen, um Geimpfte noch besser schützen und damit niemand mehr (ohne selbst krank zu werden) das Virus "beherbergen" und andere anstecken kann.

Unter die Kategorie eins fallen die neuen Vakzine, an denen unter anderem die Hersteller BioNTech/Pfizer und Moderna forschen. Ihre Impfstoffe der 2. Generation könnten noch im Herbst dieses Jahres als erste auf den europäischen Markt kommen. Gedacht sind sie als Auffrischungsimpfungen, die unter anderem effektiver vor Omikron schützen.

Beide testen hierfür speziell auf Omikron zugeschnittene Impfstoffe. Gleichzeitig wird aber auch noch an sogenannten bivalenten Impfstoffen geforscht. Das ist zum Beispiel eine Mischung aus dem ursprünglichen Vakzin und der Omikron-Anpassung, die - wenn der Plan aufgeht - gleich gegen mehrere Varianten schützt.

Impflücken sollen geschlossen werden

An Impfstoffen speziell für immunschwache Menschen forscht unter anderem die Uniklinik Tübingen. "Das ist eine ganz wichtige Lücke, wo man Menschen bislang nicht schützen kann, da könnte es Fortschritte geben", sagt Rolf Hömke, Sprecher vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Da Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist, schlechter Antikörper produzieren, konzentriert man sich hier auf die zweite Bekämpfungsart von Krankheitserregern, die T-Zellen. Diese können erkennen, wenn eine Zelle befallen ist, und vernichten diese.

In ihrer klinischen Phase-1/2-Studie testete das Team den Impfstoff an 14 Personen. 13 Personen in dieser Studie hatten 28 Tage nach der Impfung eine messbare T-Zell-Reaktion. Studienleiterin Professorin Juliane Walz sagt: "Die ersten Daten der Phase II Studie sind hocherfreulich und geben uns Hoffnung mit CoVac-1 einen entscheidenden Beitrag leisten zu können, um Hochrisikogruppen zukünftig vor einem schweren Verlauf von Covid-19 zu schützen."  Für den erfolgreichen Abschluss der Studie suchen die Forscher aktuell noch Patienten mit angeborenem oder erworbenem B-Zell-Defekt.

Inhalieren statt piksen

In der dritten Kategorie der neuen Impfstoffe geht es darum, symptomlose Übertragungen zu verhindern und Geimpfte noch besser zu schützen - indem man speziell das Immunsystem der oberen Atemwege trainiert, um Coronaviren schon hier besser zu blockieren. Mit Nasenspray, Nasentropfen oder einer Inhalation als Impfung statt einer Spritze.  

In Deutschland forscht daran unter anderem die Freie Universität Berlin in Kooperation mit der Universität Bern. Hier wurden mehrere Sprays und Tropfen in präklinischen Studien an Hamstern getestet. Die Impfstoffkandidaten sollen robuste neutralisierende Antikörper produziert und die Vermehrung des Virus sowie Anzeichen einer Covid-19-Infektion verhindert haben.

Prinzipiell sei es ein eleganter Ansatz, da zu impfen, wo es am dringendsten gebraucht wird, sagt vfa-Sprecher Hömke. Allerdings gebe es zwei Schwierigkeiten. Zum einen produziere jeder Mensch unterschiedlich viel Nasenschleim, die Impfung könnte im Schleim hängen bleiben, das Problem müsse man lösen. Zum anderen sei "die Nase sehr dicht am Gehirn, da muss man sich genau überlegen, welche Inhaltsstoffe für Sprays oder Tropfen geeignet sind".

Einer für alle?

Weltweit wird auch an einem Universalimpfstoff geforscht, der nicht nur vor bereits bekannte Coronaviren, sondern auch vor möglichen neuen Varianten schützen soll. Dafür suchen Forschende unter anderem nach unveränderlichen Stellen in Bauteilen des Virus. "Das ist wie bei Flaschenöffnern, diese können alle möglichen Designs haben, aber es gibt immer die Stelle, die Flaschen öffnet. Diese Stelle ist immer ähnlich, und daher die interessanteste", erklärt Hömke. Allerdings müsse man noch beachten, dass nicht jede Stelle an einem Virusbauteil immunogen sei, also geeignet, eine Immunantwort hervorzurufen. Auch für die Grippe wird schon lange an einer Universalimpfung geforscht, der Durchbruch ist aber noch nicht gelungen.

Hömke ist bei Covid-19 trotzdem optimistisch, weltweit würde an über 300 Projekten geforscht - "das habe ich noch nie erlebt, wenn es hochkommt, gab es mal 25 Impfstoffprojekte zur selben Krankheit weltweit, und oft nur drei bis fünf". Die Chancen für einen Universalimpfstoff seien noch nie so gut gewesen.

Verträge mit dem Bund

Ob aus all diesen Ansätzen konkrete Impfstoffe werden, wird man erst in naher Zukunft wissen. Lieferengpässe aber soll es nicht mehr geben. Deshalb hat die Bundesregierung mit fünf Unternehmen beziehungsweise Konsortien Vorsorgeverträge zur Bereitstellung von Corona-Impfstoffen für die Zeit bis 2029 abgeschlossen, für 2,86 Milliarden. Die Vertragspartner sind BioNTech, Celonic, IDT Biologika sowie Bietergemeinschaften aus den Unternehmen Wacker/Corden Pharma und CureVac/GSK.

Konkret zahlt der Bund ein jährliches "Bereitschaftsentgelt" dafür, dass die Unternehmen eine bestimmte Produktionskapazität bereithalten und bei Bedarf zeitnah pro Unternehmen 80 Millionen Impfstoffdosen im Jahr produzieren. Wer tatsächlich zum Zug kommt, ist heute noch nicht absehbar.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Forschung Aktuell" am 21. April 2022 um 16:35 Uhr.