Markus Söder lächeln. | Bildquelle: dpa

Markus Söder Auf Samtpfoten an die CSU-Spitze?

Stand: 18.01.2019 06:42 Uhr

Morgen will sich Markus Söder an die CSU-Spitze wählen lassen - um die Partei als neuer Chef zu alter Stärke zurückzuführen. Und das offenbar mit neuer Milde statt auf die harte Tour.

Von Vera Cornette, BR

Demut - ein Wort, das man mit dem bayerischen Ministerpräsidenten und designiertem CSU-Chef Markus Söder wohl nicht so schnell in Verbindung gebracht hatte. Bis zu jenem Sonntagabend im Oktober, als die CSU ihre krachende Wahlniederlage mit ansehen musste: Der schwarze Balken auf den Monitoren im Fraktionssaal schob sich bei den ersten Hochrechnungen nur auf 35,6 Prozent. Das Endergebnis lag schließlich bei 37,2 Prozent, das zweitschlechteste Ergebnis in der Geschichte der CSU. Söder wolle es "mit Demut" annehmen.

Doch die selbstverordnete Demut schien schnell verflogen: Die CSU und die Freien Wähler bildeten im Eiltempo eine neue Regierung. Konsequenter Schuldenabbau, Grenzpolizei und das Polizeiaufgabengesetz: Viele Punkte des alten CSU-Kurses fanden sich im Koalitionsvertrag wieder.

Regierungsbildung ohne Gebrüll

Aber wer nun mit einem einfachen "Weiter so" und dem Gebrüll rechnete, wie man es vor der Landtagswahl durchaus von Söder gewöhnt war, der konnte einen anderen Söder erleben: 23 Tage nach der Landtagswahl überkam ihn die Demut wieder - an jenem Dienstagvormittag Anfang November stand die Wahl des Ministerpräsidenten auf der Tagesordnung des bayerischen Landtags.

Den Reden der Fraktionsvorsitzenden hörte Söder zu, vom Platz eines normalen Abgeordneten aus. Seine eigenen Worte wählte er mit Bedacht: Keiner habe die Wahrheit gepachtet. Und: "Das Ringen um das Beste macht den Parlamentarismus stark." Einander besser zuhören, als draufloszupoltern, das schien Söders neues Credo. Stil und Anstand seien wichtig. Und das aus dem Mund des Mannes, der noch im Sommer mit dem Wort "Asyltourismus" für Empörung bis zum Bundespräsidenten gesorgt und kurz danach erklärt hatte, die Formulierung nicht mehr zu verwenden.

Söder, der Unpopuläre

Zuhörend, auf die Opposition zugehend, und landesväterlich: Der politische Gegner verbuchte das als Taktik. Doch Söder scheint es ernst zu sein: Im August, mitten im Wahlkampf, erschien eine Infratest-Umfrage. "Söder ist Deutschlands unbeliebtester Ministerpräsident", titelte "FAZ online".

Eine Analyse, die er sich zu Herzen genommen hat. Nicht nur der Wandel seines persönlichen Stils, den er nach der Wiederwahl zum Ministerpräsidenten immer mehr verinnerlichte. Auch inhaltlich und strategisch erneuerte Söder die CSU. Beispiel Umweltpolitik und Ökologie: "Bayern kann grüner werden auch ohne die Grünen", sagte Söder bei der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages.

Den Klimaschutz will er in die Verfassung schreiben lassen, über die notwendige Verfassungsänderung plant er, gleichzeitig mit der Europawahl abstimmen zu lassen. Damit kommt der Ministerpräsident Forderungen von Umweltverbänden und Opposition entgegen. Und es könnte noch mehr sein - eine Charmeoffensive, ein Bemühen um Wählerinnen und Wähler, die Klimaschutz bisher bei der CSU vermisst haben.

Frauen - vom Lückenfüller zum Rettungsanker

Bisher wohl von einigen wenig vermisst: politisch aktive Frauen bei der CSU. Noch beim Parteitag Mitte September füllte eine Gesprächsrunde unter anderem mit der damaligen Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Ilse Aigner und Kerstin Schreyer die Lücke zwischen den Männern: Zuvor redeten Generalsekretär Markus Blume und CSU-Chef Horst Seehofer, nach den Frauen dann Söder, der Spitzenkandidat.

Jetzt, drei Monate nach der Landtagswahl und einige Wahlanalysen später, ist das Mantra von Söder und Blume: Die CSU muss jünger und weiblicher werden. Gelingt es der CSU nicht, besser bei jüngeren Zielgruppen - und Frauen - anzukommen, können Wahlergebnisse von "40 plus x" nicht nur in weiter Ferne rücken, sondern ferne Erinnerung werden.

Und der designierte CSU-Chef scheint genau das zu wissen: Nur in diesem Moment, mit der Wahlschlappe im Rücken, lässt sich ein solcher Reformprozess anstoßen. Dennoch dürfte es Widerstände geben: Drei Viertel der CSU-Mitglieder sind Männer. Und nicht wenige hoffen, bei der Kommunalwahl 2020 Bürgermeister- oder Landratskandidat zu werden.

Harmonie auf ganzer Linie?

Söders anderer Plan - den Streit mit der Schwesterpartei zu begraben und sich in Harmonie zu üben - scheint zu funktionieren. Schon bei der Klausur der CSU-Landesgruppe im Bundestag Anfang Januar in Seeon, und auch bei der Klausur der CSU-Fraktion, die am Donnerstag im oberfränkischen Kloster Banz endete, gab es Besuche und viele freundliche Worte von der neuen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und vom Fraktionschef der CDU/CSU im Bundestag Ralph Brinkhaus.

Ob die CSU seinem Kurs folgt, das dürfte sich auch am Wahlergebnis beim Sonderparteitag am Samstag zeigen, wenn sich Söder zum neuen Parteichef wählen lassen will. Bei der Landtagsfraktion in Banz sind jedenfalls alle bemüht, keinen gegenteiligen Gedanken aufkommen zu lassen.

Dem sanften Söder scheint es mit seinem Stil ernst zu sein. Bei der Frage, mit welchen Gefühlen er auf die Wahl am Samstag blicke, kommt sie wieder auf, die Demut: "CSU-Chef zu werden, das ist eine große Ehre."

Nicht weniger groß: Die Herausforderung, sich als Parteichef, Ministerpräsident, Mensch neu zu erfinden - und den neuen Stil durchzuhalten. Davon hängt wohl ab, ob die CSU die 40 Prozent knackt oder nicht. Der erste Stimmungstest beim Wähler steht gleich im Mai an - bei der Europawahl.

Infografik: Amtszeiten CSU-Vorsitzende
galerie

Die Amtszeiten der CSU-Vorsitzenden seit 1949

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Januar 2019 um 19:15 Uhr.

Korrespondentin

Vera Cornette | Bildquelle: BR Logo BR

Vera Cornette, BR

@veracornette bei Twitter
Darstellung: