Menschen im Juni auf dem Schulterblatt in Hamburg | Bildquelle: dpa

Corona in Deutschland Kopflos in eine zweite Welle?

Stand: 29.07.2020 09:21 Uhr

Sommer, Sonne, Sorglosigkeit: Die Infektionszahlen in Deutschland steigen wieder – und Wissenschaftler warnen, dass die Lage schnell ernst werden könnte. Nun besteht Handlungsbedarf.

Von Janne Kieselbach, tagesschau.de

In dieser Woche steigen in Deutschland die Temperaturen, die Sommerferien laufen und ein bisschen fühlt es sich so an, als sei der Krisenmodus beendet: Einkaufsmeilen sind proppevoll, Badeseen gut besucht und in den Szenevierteln von Großstädten wie Hamburg oder Berlin wird wieder auf den Straßen gefeiert und in Bars getrunken.

Die um sich greifende Sorglosigkeit bereitet Wissenschaftlern und auch vielen Politikern große Sorgen. Denn während Deutschland sommerliche Lockerungsübungen macht, steigen die Neuinfektionen mit dem neuartigen Coronavirus wieder an. "Wir sind mitten in einer sich rasant entwickelnden Pandemie", sagte der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Dienstag und betonte, es könne sich um den Beginn einer zweiten Welle handeln.

Infektionsgeschehen auch überregional wieder stärker

Nach den aktuellen Daten des RKI ist die Zahl der Corona-Fälle in Deutschland zuletzt an einem Tag um 684 gestiegen. Insgesamt liegt sie bei 206.926. Infektionen würden von Familienfeiern, aus Arbeitsstätten aber auch aus Altenheimen gemeldet, so Wieler. Auch wenn der Begriff der zweiten Welle nicht von allen Experten für passend und präzise empfunden wird, so besteht doch Einigkeit darüber, dass sich das Infektionsgeschehen derzeit erneut in eine gefährliche Richtung entwickelt.

Besonders beunruhigend ist aus Sicht der Wissenschaftler, dass die Pandemie auch überregional wieder an Fahrt gewinnt. "Die Ausbreitung in der Fläche und viele einzelne Herde: Das unterscheidet die jetzige Situation von den Ausbrüchen in der Vergangenheit, wo wir eben Gütersloh oder Frankfurt hatten, also sehr homogene Gruppen", sagte der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit in den tagesthemen. Auch die Reiserückkehrer stellten eine neue Herausforderung dar: "Das sind viele Baustellen, wo die Politik, aber auch die Wissenschaft reagieren muss."

Virologe Jonas Schmidt-Chanasit über die erneut steigenden Infektionszahlen
tagesthemen 22:15 Uhr, 28.07.2020

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Grüne kritisieren "hektisches Fahren auf Sicht"

Während alle Menschen mit dem Einhalten von Abstands- und Hygieneregeln sowie dem Tragen von Masken ihren Beitrag dazu leisten können, Infektionen zu verhindern, bedarf es auch übergeordneter politischer Prävention. Und genau diese vermisst die Opposition zunehmend. "Das hektische Fahren auf Sicht bereitet mir große Sorgen", sagte die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Katrin Göring-Eckardt dem "Spiegel". "Stattdessen brauchen wir ein vorausschauendes und einheitliches Vorgehen von Bund und Ländern." Konkret forderten die Grünen zwischen Bund und Ländern vereinbarte Pandemieschutzpläne, ein verbindliches Konzept für bundesweite Corona-Tests, Transparenz und verbindliche Meldekriterien für Infektionszahlen.

Außerdem warf Göring-Eckardt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) persönlich Versäumnisse vor. Sie fragte, ob Spahn und die Bundesländer eigentlich nichts aus den Ereignissen im österreichischen Ischgl im Februar gelernt hätten, wo auf Partys viele Menschen angesteckt wurden. Urlaubsrückkehrer dürften nicht erneut unbemerkt Corona-Infektionen mitbringen. "Dafür hätten Bund und Länder rechtzeitig vorsorgen müssen."

Urlaubsrückkehrer als Risiko

Tatsächlich kündigte Spahn erst am Montag eine Testpflicht für Einreisende aus Risikogebieten an. Sie soll voraussichtlich in der kommenden Woche in Kraft treten. Am Frankfurter Flughafen ist bereits ein Corona-Testzentrum eröffnet worden, am Flughafen Berlin-Tegel werden ab diesem Mittwoch Tests für Passagiere aus den offiziellen Problemregionen angeboten. Bei Deutschen beliebte Urlaubsgebiete wie die spanische Costa Brava oder die Metropole Barcelona wurden allerdings trotz stark steigender Fallzahlen von der Bundesregierung noch nicht zu Risikogebieten erklärt - während Großbritannien und Norwegen sogar eine Quarantäne-Regelung für Spanien-Rückkehrer eingeführt haben.

Eine Lösung könnte sein, auch Urlaubern, die aus Nicht-Risikogebieten einreisen, die Möglichkeit zu freiwilligen Tests direkt an Grenzübergängen, Flughäfen oder Bahnhöfen zu geben. Von vielen Politikern wird eine solche Ausweitung des Testangebots bereits gefordert. Denn allen Beteiligten ist klar, dass Menschen, die aus dem Urlaub in ihre Betriebe oder Schulen zurückkehren, ein erhebliches Risiko mit sich bringen - und zwar nicht nur für die Gesundheit ihrer Mitmenschen, sondern auch für die Wirtschaft. Ein erneutes Herunterfahren des gesellschaftlichen Lebens würde Milliarden kosten und könnte zahlreiche Unternehmen in die Insolvenz treiben.

Altmaier von Fallzahlen beunruhigt

"Wir waren wirtschaftlich in den letzten Wochen besser als viele erwartet haben", sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier der Nachrichtenagentur dpa. "Der Aufschwung deutet sich bereits an und wird in der zweiten Jahreshälfte an Tempo gewinnen. Aber alles steht unter dem Vorbehalt der Gesundheit der Menschen. Und deshalb müssen uns die Fallzahlen beunruhigen." Altmaier zeigte sich überzeugt, dass durch entschlossenes Handeln und eine Zusammenarbeit von Bundesländern, Gesundheitsbehörden, Ärzten und Krankenhäusern nicht nur medizinische Erfolge erzielt, sondern auch eine große Insolvenzwelle verhindert werden könne.

Ein solches entschlossenes Handeln wünschen sich derzeit auch viele Lehrer und Eltern von der Politik. Denn wenn am kommenden Montag Mecklenburg-Vorpommern als erstes Bundesland die Sommerferien beendet, beginnt ein Schuljahr, für das die Kultusminister einen Regelbetrieb zur Vorgabe gemacht haben. Der Deutsche Lehrerverband befürchtet ein "großes Durcheinander". Ein regelmäßiges Lüften der Klassenräume, wie es die Kultusminister vorsehen, sei illusorisch und viele Lehrer gehörten obendrein zur Risikogruppe - sie drohten für den Präsenzunterricht auszufallen.

Virologe fordert Stärkung der Gesundheitsämter

Virologe Schmidt-Chanasit mahnt denn auch in den tagesthemen angesichts von Lockerungen und Nachlässigkeiten allgemein zur Vorsicht und fordert eine weiter verbesserte Präventionsarbeit: "Die Situation ist noch beherrschbar, aber das kann auch sehr schnell aus dem Ruder laufen." Für ihn seien neben dem Einhalten von Abstands- und Hygieneregeln noch mehr Tests und eine Stärkung der Gesundheitsämter die wichtigsten Maßnahmen. Nur so könne das Infektionsgeschehen niedrig gehalten werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. Juli 2020 um 11:00 Uhr.

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