Eine Mitarbeiterin des Robert Koch-Instituts entnimmt bei einem Freiwilligen in Kupferzell eine Probe. | RONALD WITTEK/EPA-EFE/Shuttersto

Studie des Robert Koch-Instituts Hohe Corona-Dunkelziffer in Kupferzell

Stand: 14.08.2020 11:00 Uhr

Eine Studie des Robert Koch-Instituts hat für Kupferzell in Baden-Württemberg 3,9-mal mehr Infektionen nachgewiesen als bisher bekannt. Bei 16 von 50 Infizierten sind keine Antikörper nachweisbar.

Von Sebastian Deliga, SWR

Es war Mitte Mai, als ein Team des Robert Koch-Instituts seine Zelte in der baden-württembergischen Gemeinde Kupferzell im Hohenlohekreis aufschlug, um den Geheimnissen des neuartigen Coronavirus auf die Spur zu kommen. "Corona-Monitoring lokal" heißt das Projekt. 2203 Erwachsene aus der Gemeinde wurden eingeladen, sich testen zu lassen: Rachenabstrich, Blutentnahme und Befragungen, etwa zu Vorerkrankungen und Symptomen.

Sebastian Deliga

Kupferzell hat mehr als 6000 Einwohner und wies ein besonders hohes Infektionsgeschehen auf. Der erste Corona-Fall war am 8. März 2020 gemeldet worden. Zu Beginn der Hochphase hatte die Gemeinde nach Angaben des Landkreises schon am 19. März 80 gemeldete Infektionen, zu Beginn der Studie am 19. Mai 111 gemeldete Fälle: Ein Hotspot im Landkreis. Der Ursprung war ein Kirchenkonzert.

"Dunkelziffer spezifisch für Kupferzell"

Nach vier Wochen erhielten die Teilnehmer ihre Ergebnisse per Post - und die Wissenschaftler neue Erkenntnisse. Eine davon ist die hohe Dunkelziffer in Kupferzell: Die Studie wies 3,9 Mal mehr Infektionen nach als bislang bekannt waren.

Die Zahl lasse sich aber nicht auf andere Städte und Gemeinden übertragen, betont Projektleiterin Claudia Santos-Hövener vom Robert Koch-Institut: "Die Dunkelziffer ist hier spezifisch für Kupferzell."

Projektleiterin der RKI-Studie in Kupferzell, Claudia Santos-Hövener | dpa

"Bei 7,7 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner wurden Antikörper nachgewiesen", erklärte Projektleiterin der RKI-Studie in Kupferzell, Claudia Santos-Hövener Bild: dpa

Mehr Frauen als Männer betroffen

Auch die weiteren Erkenntnisse bezögen sich ausschließlich auf das Geschehen vor Ort. "Für die Gemeinde Kupferzell können wir sagen, dass bei 7,7 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner Antikörper nachgewiesen wurden und diese somit eine SARS-CoV-2 Infektion durchgemacht haben", sagte Santos-Hövener. Bei Frauen entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler laut Studie mit 8,7 Prozent etwas häufiger Antikörper als bei Männern (6,7 Prozent).

Während der Studie in Kupferzell seien keine neuen akuten Infektionen entdeckt worden, erklärte die Projektleiterin. Das Infektionsgeschehen dort sei zu Studienbeginn bereits eingedämmt gewesen.

Antikörper trotz Erkrankung teilweise nicht nachweisbar

Besonders aufhorchen lässt allerdings ein weiteres Ergebnis der Studie: Bei 16 von 50 der infizierten Erwachsenen - gewichtet 28,2 Prozent- die im Fragebogen einen positiven SARS-CoV-2-Test angegeben hatten, nach eigenen Angaben also infiziert waren, konnten keine Antikörper nachgewiesen werden.

Heißt das, dass Covid-Erkrankte nicht zwangsläufig immun werden und eine zweite Infektion theoretisch möglich ist? Santos-Hövener meint dazu:

Auch aus anderen Studien ist bekannt, dass bei einem Teil der Personen, die nachweislich mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert waren, nach einer gewissen Zeit keine Antikörper mehr nachgewiesen werden können. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass keine Immunität besteht.

Ein Sprecher des Robert-Koch-Instituts sagte auf Nachfrage, hierzu fehlten noch weitere Erkenntnisse. Es handele sich um eine Forschungslücke, die noch geschlossen werden müsse.

16,8 Prozent der Testpersonen ohne Symptome

Von allen untersuchten Personen mit einem positiven Antikörper-Nachweis hatten 83,2 Prozent mindestens eines der typischen Symptome von Covid-19: Fieber, Atemnot, Kurzatmigkeit, Lungenentzündung, Schnupfen, Husten, Schmerzen beim Atmen, Halsschmerzen, Geruchs- und Geschmacksstörung. 16,8 Prozent blieben symptomfrei.

Matthias Neth, Landrat des Hohenlohekreises | dpa

Eine "stärkere und extrem flexible Aufstellung des Gesundheitsamtes" kündigte der zuständige Landrat, Matthias Neth, an. Bild: dpa

Landrat will schnelle Tests im Herbst

Für Matthias Neth, Landrat des Hohenlohekreises, hat sich die Studie in Kupferzell gelohnt. Sie zeige, dass die Ausbreitung des Virus im März ein abgeschlossener Infektionsvorgang gewesen sei, sagte er und folgerte daraus:

Das heißt, es ist uns gelungen, alle Infektionsketten zu unterbrechen, die ursächlich für die damalige Entwicklung waren. Auch haben wir festgestellt, dass wir keine unerkannten Infektionsherde mehr in Kupferzell hatten.

Wenn jetzt neue Fälle in Kupferzell aufträten, seien sie durch neue Infektionsquellen übertragen worden. "Unsere Maßnahme ist eine stärkere und extrem flexible Aufstellung des Gesundheitsamtes", kündigte Neth an. Eine schnelle Testung werde daher im Herbst noch größere Bedeutung gewinnen.

Weitere Ergebnisse Ende August in Bayern

Die Tests von Kupferzell waren der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Studien des Robert Koch-Instituts. Nach Angaben eines Sprechers laufen bereits weitere Untersuchungen im bayerischen Bad Feilnbach. Die ersten Ergebnisse dort sollen schon Ende August vorgestellt werden. Ab September sollen zwei weitere lokale Studien folgen, anschließend eine bundesweite.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 14. August 2020 um 11:00 Uhr.