Thomas Mertens | REUTERS

Ständige Impfkommission Hoher Anspruch, wachsende Kritik

Stand: 03.12.2021 19:17 Uhr

Noch hat die STIKO keine Empfehlung zur Impfung von unter Zwölfjährigen abgegeben. Auch die Entscheidung zu Booster-Impfungen kam spät. Eigenanspruch und Kritik von außen setzen dem Gremium zu.

Von Andreas Reuter, ARD-Hauptstadtstudio

15 Minuten lang wurde Thomas Mertens befragt, der Chef der Ständigen Impfkommission (STIKO). Es ging um Impfungen für kleine Kinder, ob und wann die STIKO sie empfehlen werde, und was dabei zu beachten sei. Ganz am Ende dann die persönliche Frage an den STIKO-Chef im Podcast der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"): "Wenn Sie ein sieben-, achtjähriges Kind hätten, würden Sie das impfen lassen?" Mertens' Antwort: "Also, ich würde es wahrscheinlich jetzt nicht impfen lassen."

Andreas Reuter ARD-Hauptstadtstudio

Kritik an Aussage des STIKO-Chefs

Die Kritik an der Antwort des STIKO-Chefs, sie kam aus Nord und Süd, und von links und rechts. Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern bemängelte etwa, dass schon die Empfehlung für Booster-Impfungen viel zu spät gekommen sei. Sie hoffe, dass Mertens daraus Schlussfolgerungen für künftige Empfehlungen ziehen werde, sagte die SPD-Politikerin dem "Spiegel".

Schwesig bekam Unterstützung aus Bayern. "Etwas seltsam finden wir die Einlassungen des STIKO-Chefs", sagte Ministerpräsident Markus Söder. "Es ist eine persönliche Entscheidung, natürlich, wie er das mit seinen Kindern hält", sagte der CSU-Politiker. "Aber das führt natürlich zu einer tiefen Frage der Befangenheit, wenn der STIKO-Chef - bevor eine offizielle Empfehlung der STIKO kommt - quasi es von selbst verkündet in einem Podcast." Dies schwäche die Empfehlungsglaubwürdigkeit der STIKO enorm.

 

"Wir würden gern oft schneller sein"

Mertens aber will sich nicht drängeln lassen. Entscheidungen brauchen Zeit, sagt er. Und eine fundierte wissenschaftliche Basis. Und außerdem: "Die wechselnden Stimmungen in der Öffentlichkeit und auch bei den Politikern können ja nicht das Maß für eine STIKO-Entscheidung sein", so Mertens im "FAZ"-Podcast.

Denn die STIKO entscheidet unabhängig. In einer Runde aus zwölf bis 18 Expertinnen und Experten, die das alle ehrenamtlich machen, und unterstützt von einer Geschäftsstelle im Robert Koch-Institut (RKI). Nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie zeigt sich da auch eine gewisse Erschöpfung, sagte STIKO-Mitglied Martin Terhardt im Deutschlandfunk: "Wir sind in der STIKO mit allen Aufgaben zur Covid-Impfung wirklich ausgelastet und am Rande der Möglichkeiten, was die Ressourcen hergeben. Wir würden gern oft schneller sein. Aber das liegt daran, dass wir nicht genügend Ressourcen an der Geschäftsstelle im Robert Koch-Institut haben. Die ist personell völlig überfordert in der jetzigen Situation und da arbeiten alle völlig an ihrem körperlichen Limit."

 

Überlastung der STIKO in Pandemie-Zeiten

Auch Mertens beklagte eine Überlastung der STIKO. Aber Jens Spahn, der noch amtierende Gesundheitsminister, gab sich bislang ahnungslos. "Also, mir gegenüber hat der Professor Mertens einen Personalbedarf bisher nicht geäußert", sagte Spahn in der vergangenen Woche. "Wenn das so ist, rufe ich ihn gleich nachher an und spreche mit ihm darüber."

Stimmt, persönlich habe er mit dem Minister darüber nicht gesprochen, räumte Mertens im "FAZ"-Podcast ein. "Aber seit mehreren Jahren habe ich dieses Thema gegenüber dem Präsidenten des RKI, Wieler, geäußert - sogar schriftlich geäußert. Ich weiß auch, dass der Herr Wieler diese Forderung in das Bundesgesundheitsministerium weitergegeben hat", sagte Mertens. Und dennoch sei die STIKO in der gesamten Pandemie-Zeit nicht durch mehr Personal verstärkt worden.

Womöglich ist das eine der Baustellen, die Spahn seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin hinterlässt. Und diese Erkenntnis, wie Spahn kürzlich sagte: "Ich glaube einfach, dass das sehr wichtige Instrument der Ständigen Impfkommission keines ist für Pandemie-Zeiten."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Dezember 2021 um 17:00 Uhr.