Schweinehälften in Schlachthof | dpa

Corona-Fälle bei Tönnies Der Schlachthof wird zum Politikum

Stand: 18.06.2020 21:27 Uhr

Mit dem Corona-Ausbruch im Schlachtbetrieb Tönnies im Kreis Gütersloh rücken erneut die Arbeitsbedingungen der Branche in den Fokus. Neben der Firmenleitung steht auch Ministerpräsident Laschet in der Kritik.

Von Carsten Schabosky, WDR

Vielleicht lag es an der Kälte im Schlachtbetrieb. Oder an Kurz-Urlauben, die Mitarbeiter in dem Betrieb eventuell gemacht haben. Denn viele von ihnen kommen aus Osteuropa und könnten die wieder geöffneten Grenzen genutzt haben, um ihre Familien in der Heimat zu besuchen.

Carsten Schabosky

Das vermutet auf jeden Fall Gereon Schulze Althoff, der bei Tönnies für das Qualitätsmanagement zuständig ist. Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hatte den Anstieg der Corona-Fälle in dem Betrieb auf die Herkunftsländer der Mitarbeiter zurückgeführt. Es seien " Rumänen und Bulgaren", die eingereist seien und da komme das Virus her. Daher sieht der CDU-Politiker auch keinen Grund, die bisherigen Lockerungen der Einschränkungen infrage zu stellen.

Laschet rudert zurück

Die Kritik folgte prompt: Solche Äußerungen seien "unterste Schublade", reagierte Thomas Kutschaty, SPD-Fraktionschef im nordrhein-westfälischen Landtag, auf Laschets Aussage. Der Landeschef müsse sich entschuldigen. Eine Entschuldigung folgte zwar nicht direkt, aber die Kehrtwende: "Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich. Mir ist wichtig klarzumachen, dass das für mich wie für die gesamte Landesregierung selbstverständlich ist", versuchte Laschet die Kritik abzumildern.

Für Bundesaußenminister Heiko Maas reichte das nicht aus. Laschet würde sich mit einer Entschuldigung "selber den größten Gefallen tun", sagte Maas - ausgerechnet auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bulgariens Außenministerin, Ekaterina Zaharieva. Solche "Schuldzuweisungen" seien absurd, so der SPD-Politiker weiter. Laschet gieße damit "Öl ins Feuer", wie es "niemand, der verantwortliche Politik macht, tun darf".

Gewerkschaft sieht Arbeitsbedingungen als Ursache

Von Schuld spricht auch Matthias Brümmer von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Oldenburg - genauer gesagt von einer bewussten Schuldverschiebung. "Die Mitarbeiter bei Tönnies bekommen meist Mindestlohn. Das dürften, bei normaler Arbeitszeit, nicht mehr als 1700 Euro brutto im Monat sein. Niemand wird sich da einen kurzen Wochenendtrip in die Heimat leisten können", so Brümmer.

Brümmer glaubt eher, dass die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie für die neuen Corona-Fälle verantwortlich sein könnten. Schutzanzüge und Masken seien in der Lebensmittelproduktion zwar auch ohne Corona schon Pflicht. Einige Betriebe würden zudem mit Kunststoffwänden arbeiten, damit sich Mitarbeiter nicht gegenseitig ansteckten. Trotzdem sei es oft schwer, im Fleischbetrieb Abstand zu halten: Vor allem in der Fleischzerlegung betrage der Abstand manchmal nur einen halben Meter.

Mehr Sicherheit kostet auch mehr

Die NGG fordert klare Abstandsregelungen und vermutet, dass viele Fleischverarbeiter solche zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen ungern umsetzen, denn sie seien mit höheren Kosten verbunden und darum unattraktiv. "In Schlachtereien wird viel am Fließband gearbeitet. Um mehr Abstand der Mitarbeiter zu gewährleisten, müssten Bandgeschwindigkeiten heruntergesetzt und das Personal anders eingesetzt werden. Aber das kostet Geld", so Brümmer.

Tönnies setzt auf umfassendere Kontrollen

Die Fleischfirma Tönnies beschloss weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. Die Geschwindigkeit der Zerlegung solle deutlich reduziert werden, um größere Abstände innerhalb der Produktion gewährleisten zu können. Auch inspiziere ein Arzt alle noch arbeitenden Angestellten der Produktion beim Eintritt in das Gebäude, zusätzlich zu den schon installierten Temperatur-Scannern. Darüber hinaus würde eine mobile Arztpraxis für die Behandlung der bei Tönnies beschäftigten Mitarbeiter auf dem Gelände installiert.

In der Vergangenheit hatte die Gewerkschaft ver.di dem Kreis Gütersloh vorgeworfen, unzureichende Hygienepläne des Unternehmen abgesegnet zu haben. Nun setzt der Kreis vor allem auf eines: massenhaftes Testen der Tönnies-Belegschaft. Noch bis Dienstag würden die Reihentests dauern, hieß es vom Landrat. Um eine solche Vielzahl an Tests in kurzer Zeit bewerkstelligen zu können, hat die Behörde die Bundeswehr um Hilfe gebeten. "13 Kräfte mit medizinischen Vorkenntnissen und zwölf Soldaten für die Dokumentation" würden ab Freitag die Testungen unterstützen", so der Landrat. Bislang hatten das Rote Kreuz und die Malteser geholfen.

Nach Angaben des Schlachtbetriebs ergaben von bislang 1100 Tests mehr als 700 ein positives Ergebnis auf das Virus. Am Stammsitz des Unternehmens arbeiten etwa 5000 Beschäftigte.

Fleischpreise könnten steigen

Politiker und Gewerkschaften kritisierten schon vor dem neuen Corona-Ausbruch die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil betonte, es werde darum mit Hochdruck an der Umsetzung des im Mai beschlossenen Arbeitsschutzprogramms gearbeitet. Dazu gehörten verpflichtende Kontrollen durch die Behörden der Länder, die digitale Arbeitszeiterfassung und die rechtsfeste Untersagung von Werkverträgen. Bessere Arbeitsbedingungen könnten das Fleisch allerdings teurer machen - im Schnitt um zehn Cent pro Kilo, so die NGG.

Konzernintern belebte die Krise einen langanhaltenden Streit an der Führungsspitze: Robert Tönnies, Mitinhaber des Schlachtbetriebs, forderte den Rücktritt seines Onkels Clemens Tönnies aus der Geschäftsleitung. Denn der Onkel habe die Idee des Neffen von der Abschaffung der Werkverträge im Unternehmen ignoriert.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. Juni 2020 um 12:00 Uhr.