Helge Braun | ANDREAS GORA/POOL/EPA-EFE/Shutte

Anstieg der Corona-Zahlen Braun fordert "Vorsicht sofort"

Stand: 16.10.2020 12:13 Uhr

Den zweiten Tag in Folge hat das RKI mit 7334 Neuinfektionen eine Rekordzahl gemeldet. Die Bundesregierung erwartet einen weiteren Anstieg. Kanzleramtschef Braun fordert rasches Handeln aller. Die Lage sei viel ernster als im Frühjahr.

Angesichts neuer Corona-Rekordzahlen hat Kanzleramtschef Helge Braun deutlich mehr Einsatz zur Eindämmung der Pandemie gefordert. Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete mit 7334 Neuinfektionen innerhalb eines Tages den bislang höchsten Wert in Deutschland.

Die Zahl der Neuinfektionen steige "eigentlich überall", sagte Braun der Sendergruppe RTL/ntv. "Und steigende Zahlen heißt: Wir tun im Augenblick nicht genug, um die Infektion unter Kontrolle zu halten."

Die Lage sei deutlich ernster als im Frühjahr. Die Dynamik sei sehr hoch. "Wir hatten vor vier Tagen 4000, dann 5000, 6000, jetzt über 7000 Fälle. Das zeigt, dass wir gerade am Beginn einer wirklich großen zweiten Welle sind." Diese müsse unterbrochen werden. Die steigenden Zahlen hingen nicht mit der höheren Testkapazität zusammen. Man habe im Sommer schon eine ähnlich hohe Zahl an Tests gehabt, aber Infektionszahlen von unter 1000.

Regierung erwartet weiteren Anstieg

Die Bundesregierung geht von einem weiteren Anstieg aus. "Wir erwarten nicht, dass die Zahlen morgen geringer werden, sondern dass sie weiter steigen", sagte Braun. Die Lage sei derzeit "deutlich ernster" als während der ersten Corona-Welle im Frühjahr. Wie hoch die Zahlen noch klettern, hänge jetzt von den Maßnahmen ab, die man ergreife.

Kommunal- und Landespolitiker müssten früh reagieren. Die Devise sei "Vorsicht sofort". Wenn in einem Landkreis die Infektionszahlen deutlich stiegen, müsse umgehend gehandelt werden - und zwar schon, bevor der Inzidenzwert die Schwelle von 50 Neuinfektionen binnen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern übersteige. Einen Lockdown brauche man derzeit nicht, sagte der CDU-Politiker. Es sei aber klar, dass die Freizeit im weitesten Sinne der Infektionstreiber sei - "an der Spitze die Party, dann das Reisen."

Zweiter Rekordwert in Folge

Bereits am Donnerstag war mit 6638 neuen Corona-Infektionen der bis dato höchste Wert seit Beginn der Pandemie registriert worden. In der vergangenen Woche meldete das RKI am Freitag 4516 Neuinfektionen.

Auch bei den intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patientinnen und -Patienten zeichnet sich ein deutlicher Anstieg ab. Laut RKI-Lagebericht wurden gestern 655 Corona-Infizierte intensivmedizinisch behandelt, 329 davon wurden beatmet.

Eine Woche zuvor (8.10.) hatte der Wert noch bei 487 (239 beatmet) gelegen, in der Woche davor (1.10.) bei 362 (193 beatmet). Rund 8700 Intensivbetten sind in Deutschland derzeit jedoch noch frei.

R-Wert steigt auf 1,08

Seit Beginn der Corona-Krise haben sich nach RKI-Angaben mindestens 348.557 Menschen in Deutschland nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion liegt demnach bei 9734. Das waren 24 mehr als am Vortag. Nach Schätzungen des RKI gibt es etwa 287.600 Genesene.

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, betrug nach RKI-Schätzungen in Deutschland laut dem gestrigen Lagebericht 1,08 (Vortag: 1,04). Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel etwa einen weiteren Menschen ansteckt. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab.

Zudem gibt das RKI in seinem aktuellen Lagebericht ein sogenanntes Sieben-Tage-R an. Der Wert bezieht sich auf einen längeren Zeitraum und unterliegt daher weniger tagesaktuellen Schwankungen. Laut dieser Schätzung lag dieser Wert bei 1,22 (Vortag: 1,16). Er zeigt das Infektionsgeschehen von vor acht bis 16 Tagen.

Kein Grund für Hamsterkäufe

Viele Supermärkte beobachten wie im Frühjahr schon wieder Hamsterkäufe. Dazu bestehe kein Grund, erklärte Braun. "Die Versorgung im Einzelhandel ist gewährleistet." Insofern sei ein normales Einkaufsverhalten im Supermarkt völlig in Ordnung. "Da muss sich keiner Sorgen machen."

Nach Einschätzung von RKI-Präsident Lothar Wieler ist ein erneuter Lockdown vermeidbar, "wenn jeder Verantwortung übernimmt". "Wir wissen definitiv mehr über das Virus und besitzen bessere Mittel dagegen, Krankenhäuser und die Ärzte sind besser vorbereitet, Pflegeheime sensibler", sagte Wieler.

RKI-Chef: Negativer Test ist "kein Freibrief"

Mit Blick auf Impfungen warnte er vor übertriebenem Optimismus. Die Wahrscheinlichkeit, einen Impfstoff zu finden, sei zwar deutlich höher als etwa bei Aids. Es gehe eher um die Frage, "was kann die Impfung bewirken - reduziert sie die Viruslast oder verhindert sie Erkrankung? Hinzu kommt die Frage der möglichen Nebenwirkungen". Das solle man "bei allem berechtigten Optimismus im Kopf behalten", so der RKI-Chef.

Wieler betonte, dass Corona-Tests "kein Freibrief" seien. "Die Menschen können trotzdem infiziert sein, ohne dass es bereits nachweisbar ist oder sie können sich schon kurz nach dem Test anstecken." Deshalb müssten auch direkt nach einem Test "unbedingt weiterhin die AHA+L-Regeln" - Abstand halten, Hygieneregeln befolgen, Alltagsmasken tragen und Lüften - beachtet werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Oktober 2020 um 12:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Spaceface 16.10.2020 • 18:04 Uhr

@junktimmy

Dann ist Ihre Tochter noch nicht allzulange Ärztin, vermute ich. Schicksale sind Arztalltag. Ausserdem waren wir dann wohl alle unsozial und gefährlich die letzten Jahre...da hat es auch niemanden gestört. Aber plötzlich ist alles anders und am Besten stirbt gar niemand mehr. Die Errungenschaften der Medizin sind unglaublich- man ist sich des eigenen Todes nicht mehr sicher.