Angela Merkel | FILIP SINGER/EPA-EFE/Shutterstoc

Merkel zur Corona-Lage "So etwas wie eine Naturkatastrophe"

Stand: 02.11.2020 15:28 Uhr

Bundesweit gelten ab heute wieder strengere Corona-Auflagen - aus Sicht von Kanzlerin Merkel ein unverzichtbarer Schritt. Sie hofft bereits in diesem Monat auf einen Wendepunkt. Doch dafür sei die Mithilfe jedes Einzelnen gefragt.

Am Tag des Inkrafttretens der bundesweit strikteren Corona-Maßnahmen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nochmals auf die Notwendigkeit der verschärften Regelungen gepocht. Sie hoffe auf einen "Wellenbrecher"-Effekt, der einen Wendepunkt bei den stark steigenden Fallzahlen bringe. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse sich aber jeder an die strengeren Auflagen halten, appellierte Merkel an die Bevölkerung.

Heute hatte das Robert Koch-Institut mehr als 12.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden gemeldet. Bundesweit liege die Infektionsrate inzwischen bei im Durchschnitt 127,8 Infektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen, sagte Merkel. Die CDU-Politikerin unterstrich, dass in den Regionen wieder der Grenzwert von 50 Fällen pro 100.000 Bürgern in einer Woche erreicht werden müsse.

Zum jetzigen Zeitpunkt könnten Infektionsketten von den Gesundheitsämtern nicht mehr nachvollzogen werden. Die Krankenhäuser steuerten anhand des "exponentiellen Wachstums" der Fallzahlen "mit zunehmender Geschwindigkeit" auf eine "akute Notlage zu".

Erste Bilanz für Mitte November angesetzt

In der vergangenen Woche hatten sich die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten der Bundesländer auf den sogenannten November-Lockdown geeinigt. Vier Wochen lang müssen unter anderem Restaurants und Kulturbetriebe schließen. Die privaten Kontakte sollen wieder deutlicher eingeschränkt werden.

Schulen und Kitas sollen, anders als beim ersten Lockdown im Frühjahr, geöffnet bleiben. Auch Gottesdienste können unter Einhalten von Hygieneregeln weiter abgehalten werden. Merkel verteidigte diese Entscheidung mit dem Recht auf Religionsfreiheit. Es sei "zwingend Geboten", Gottesdienste weiter zu ermöglichen, da Schulen und Kitas ja auch den Betrieb fortsetzen könnten.

Mitte November wolle Merkel gemeinsam mit den Länderchefs eine erste Bilanz über die Wirksamkeit des erneuten Runterfahrens des öffentlichen Lebens ziehen. Sie werde politisch alles tun, dass die Maßnahmen auf den November begrenzt blieben, garantieren könne sie dies aber nicht.

Verständnis für "Unmut und Unwillen"

Merkel betonte mehrfach, sie könne "den Unmut und Unwillen" in der Bevölkerung verstehen. Die Menschen seien enttäuscht, dass es so lange anhalte. "Wir hatten unterm Strich einen recht unbeschwerten Sommer. Der Herbst ist nun mit großer Wucht gekommen", sagte die Bundeskanzlerin. Und sie sei sich bewusst, dass die Wintermonate lang seien - von November bis in den März hinein. "Dieses Licht am Ende eines Tunnels ist jetzt noch ziemlich weit entfernt", so Merkel.

Trotzdem müsse jeder für die Schutzmaßnahmen Verständnis aufbringen. Das Virus sei "so etwas wie eine Naturkatastrophe", sagte Merkel weiter. Ein solch "besonderes und herausfordendes Ereignis" gebe es "wohl nur einmal pro Jahrhundert". Und sie fügte hinzu: "Wir müssen mit dem Virus leben. Es ist da - auch wenn wir es nicht sehen."

Darum müsse man mit diesen umfassenden Maßnahmen gegen die Pandemie vorgehen und nicht mit halbherzigen Entscheidungen: "Das Virus bestraft Halbherzigkeit."

Merkel setzt auf "Vernunft und Verantwortung"

Und jeder habe in seinem Freundes- und Familienkreis jemanden, der gefährdet sei. Merkel führte an, dass mit Menschen über 60 Jahren oder Menschen mit einer Behinderung schon allein 30 Prozent der Bevölkerung zu einer der Risikogruppen zählten. Dabei seien andere Risikofaktoren wie Vorerkrankungen noch gar nicht hineingerechnet.

Für die Kanzlerin wäre es "kein schönes Gesellschaftsbild, wenn sich der eine nicht um den anderen kümmert". Darum zeigte sie sich optimistisch, dass die Menschen die Regelungen einhalten würden. "Ich glaube, wir sind ein Land, das so etwas auch zustande bringt." Sie vertraue auf die "Vernunft und Verantwortung" der Bevölkerung.

Wieder mehr Freiheiten im Dezember möglich?

Wie es nach dem vierwöchigen Teil-Lockdown weitergehe, darauf wollte sich Merkel nicht festlegen. Das müsse sich im November zeigen. Sollten sich die Menschen auch im privaten Bereich an die Kontaktbeschränkungen halten, dann schaffe dies die Voraussetzung für einen "erträglichen Dezember".

Dann könne man sich auch zu Weihnachten wieder mehr Freiheiten erlauben, etwa Besuche bei der Kernfamilie, allerdings auch hier wohl mit Vorsichtsmaßnahmen. "Es wird ein Weihnachten unter Corona-Bedingungen, aber es soll kein einsames Weihnachten werden", betonte Merkel. Dass es in diesem Jahr "rauschende Silvesterpartys" geben werde, schloss Merkel aber aus.

Mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen der erneut schärferen Regelungen, sagte Merkel, dass diese für die Gastronomie und Kulturbranche sehr hart seien. Die Politik mute einigen sehr viel zu. Es werde aber niemand allein gelassen, versicherte die Kanzlerin. Die Bundesregierung hatte sich erneut auf Finanzhilfen von bis zu zehn Milliarden Euro geeinigt, um die wirtschaftlichen Einbußen durch den Teil-Lockdown abzumildern.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. November 2020 um 15:00 Uhr.

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Moderation 02.11.2020 • 20:26 Uhr

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