In der Innenstadt von Hannover ist die Aufforderung "Bitte Abstand halten" aufgesprüht worden. | dpa

Corona-Lage in Deutschland Appell an Ältere zur Solidarität

Stand: 23.04.2021 11:42 Uhr

Die Corona-Neuinfektionen steigen, ebenso die Inzidenz. Zugleich wird immer mehr geimpft. Derweil plant die Regierung Erleichterungen für Geimpfte. Und so appelliert das Robert Koch-Institut an Ältere, mit Jüngeren solidarisch zu sein.

Das Robert Koch-Institut hat in der dritten Corona-Welle zu Solidarität mit den noch ungeimpften jüngeren Gruppen in der Bevölkerung aufgerufen. Viele jüngere Menschen hätten sich in der Pandemie stark eingeschränkt und so gefährdete Ältere und Risikopatienten geschützt, sagte RKI-Vizepräsident Lars Schaade. "Wir müssen uns bitte noch weiter einschränken, damit auch diese Personen eine Chance haben, sich impfen zu lassen, bevor das Virus sie erwischt."

Auch für die Jüngeren und Gesunden sei das Virus nicht harmlos. Auch sie könnten schwere Verläufe erleiden; zudem drohten Langzeitfolgen ("Long Covid"). In den Krankenhäusern stiegen die Zahlen vor allem bei den 35- bis 59-Jährigen.

Inzidenz auf hohem Niveau eingependelt

Zur aktuellen Lage sagte Schaade: "Die Fallzahlen scheinen im Moment nicht mehr so rasant anzusteigen." Sie seien aber immer noch auf zu hohem Niveau. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz habe sich auf einem hohen Niveau eingependelt. Der Effekt könne mit geringerer Mobilität über Ostern zu tun haben, viele Menschen seien den Daten zufolge nicht verreist. "Damit haben Sie alle das Virus etwas gebremst", sagte Schaade. Inzwischen habe die Mobilität aber wieder zugenommen, es bestehe durchaus die Gefahr eines Wiederanstiegs der Fallzahlen. Für Entwarnung sei es also zu früh.

Pro Woche stürben in Deutschland 1000 Menschen an Covid-19. Nach Zahlen vom Freitag haben die Gesundheitsämter in Deutschland dem RKI binnen eines Tages 27.543 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Das sind 1712 mehr als am Freitag vor einer Woche. Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner lag laut RKI am Freitagmorgen bundesweit bei 164,0 (Vortag: 161,1).

Nicht alle können im Juni geimpft werden

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bekräftigte, dass nach bisherigen Erkenntnissen "im Verlauf des Juni" die Priorisierung bei den Impfungen gegen das Coronavirus aufgehoben werden kann. Das dürfe aber nicht so verstanden werden, dass alle Menschen dann auch im Juni geimpft werden könnten, erklärte der CDU-Politiker. Das werde noch länger dauern. Ab Juni würden auch die Betriebsärzte in die Impfkampagne einbezogen.

Der Gesundheitsminister äußerte sich zuversichtlich, dass Anfang Mai jeder Vierte und im Verlauf des Monats jeder Dritte in Deutschland eine Impfung erhalten hat. Im Mai könnten überall die Menschen geimpft werden, die in der Prioritätsgruppe 3 sind, sagte Spahn. Das sind vornehmlich Menschen zwischen 60 und 70 Jahren und mit diversen Vorerkrankungen sowie Angehörige bestimmter Berufsgruppen.

Gegenwärtig sind Spahn zufolge 18,5 Millionen oder 22,2 Prozent der Bürger zum ersten Mal geimpft, sieben Prozent haben bereits die zweite Impfung erhalten. Pro Tag werden mehr als eine halbe Million Menschen geimpft, am Donnerstag waren es 606.000.

Lockerungen für Geimpfte?

Spahn sagte, beim Treffen der Ministerpräsidenten zum Impfen am kommenden Montag werde es um die grundsätzliche Frage gehen, ob Geimpften noch die gleichen Beschränkungen auferlegt werden könnten wie nicht geimpften Menschen. Ziel ist zum Beispiel, in der Einreiseverordnung die Testauflagen für Personen mit Impfschutz zu reduzieren. Ob dazu Entscheidungen zu erwarten sind, ließ er aber offen. Zum Anderen werde man darüber sprechen, dass Geimpfte bei den geltenden Regeln, etwa für Reisen und Quarantäne, negativ getesteten Personen gleichgestellt werden sollen. Das werde bereits umgesetzt.

Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, betonte, der neue Impfstoff der US-Firma Johnson & Johnson sei sicher und wirksam, vor allem bei Personen im Alter von über 60 Jahren. Nach vorläufigem Stand gebe es für dieses Mittel keinerlei Alterseinschränkung. "Wir freuen uns auf vier zugelassene Impfstoffe", sagte Cichutek. Die Melderate von Schäden beim Mittel von AstraZeneca sei weiter sehr gering und noch geringer bei J&J.

Amtsärzte: Verhalten nach Schnelltest teils kritisch

Die Amtsärzte in Deutschland mahnen zu einem besseren Umgang mit den Ergebnissen von Corona-Schnelltests. "Wir wenden jetzt massenhaft diese Schnelltests an, aber die Menschen sind nicht über die Konsequenzen und das richtige Verhalten aufgeklärt. Da verbreitet sich das Virus und wir sehen gar nicht mehr, wie", sagte die Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert. "Mit dem Thema Testungen müssen wir uns noch mal sehr kritisch auseinandersetzen."

Teichert berichtete von falschen Schlüssen, die Menschen nach positiven wie negativen Testergebnissen zögen. "Ich habe mehrfach erlebt, dass Menschen positive Ergebnisse bekommen und dann extrem verunsichert sind. Statt sich zu isolieren, besorgen sie sich erst einmal weitere Tests, weil sie dem ersten Ergebnis misstrauen." Dabei könnten sie das Virus weiter verbreiten. Die empfohlenen Handlungsanweisungen müssten bekannter werden: Es sei teils nicht bekannt, "dass jeder, der positiv getestet ist, erst einmal als potenziell infektiös gilt - bis zum Beweis des Gegenteils".

Ebenso habe sie erlebt, dass Kontaktpersonen von Infizierten einen Schnelltest machten und nach einem negativen Ergebnis glaubten, nichts weiter unternehmen zu müssen, schilderte die Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen. "Da laufen uns viele Infizierte unter dem Radar weg", sagte Teichert. Im Fall eines negativen Tests müsse man grundsätzlich bedenken, dass das Ergebnis nur für einige Stunden gültig sei.

RKI warnt vor falscher Sicherheit

Das Robert Koch-Institut hatte wiederholt erklärt, dass man sich nach einem negativen Testergebnis nicht in falscher Sicherheit wiegen und auf Schutzmaßnahmen verzichten dürfe. Es sei durchaus möglich, dass ein Infizierter am Tag nach einem negativen Antigentest-Ergebnis ein positives Ergebnis bekomme, hieß es in einer RKI-Publikation von Ende Februar über Selbsttests.

Bei einem positiven Ergebnis seien "häusliche Absonderung" und eine telefonische Kontaktaufnahme mit dem Hausarzt oder einem geeigneten Testzentrum geboten, um einen PCR-Test zum Abklären des Corona-Verdachts in die Wege zu leiten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. April 2021 um 10:00 Uhr.

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