Ein junges Pärchen mit Mund-Nasen-Masken gibt sich einen Abschiedskuss am Frankfurter Flughafen. | Bildquelle: AP

Jugend und die Pandemie Frust bei der "Generation Corona"

Stand: 18.10.2020 05:12 Uhr

Normalerweise würden sie viele Freunde treffen, Partys feiern und ausgiebig reisen. Doch nichts ist normal für die Jugend derzeit. Eine "Generation Corona" wächst heran - mit Folgen, sagen Experten.

Von Kirsten Girschick, ARD-Hauptstadtstudio

21:30 Uhr, Weserstraße in Berlin-Neukölln. Hier tobt an einem normalen Freitag das Leben. Doch die steigenden Corona-Infektionen zeigen offenbar auch hier, lange vor der Sperrstunde, Wirkung.

Die Bars sind zwar noch so voll, wie es die Hygienevorgaben erlauben - für Freitagabendverhältnisse also halb leer. Es wird gesittet gesessen, an Kicker und Billiard-Tisch wird Maske getragen. Doch vor der Tür, auch vor den Spätis, die sonst Treffpunkt Jugendlicher und junger Erwachsener sind, stehen nicht mehr die großen Menschentrauben wie noch vor zehn Tagen.

Vereinzelte Touristen suchen noch nach einem Rest von Nachtleben. Und ein Passant erzählt, schlimmer als die Jugend seien ja die Mittdreißiger von den Beschränkungen im Nachtleben betroffen: "Die suchen vielleicht jemanden zur Familiengründung. Da sinken dann die Chancen, jemanden kennenzulernen."

Menschen feiern in Berlin eine Party in einem Park. | Bildquelle: dpa
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Der Drang zu feiern, ist schwer zu unterdrücken - selbst bei den Jugendlichen, die sich an die Corona-Regeln halten.

"Es ist nicht mehr wie früher"

22:50 Uhr, Schlesisches Tor. Bevor der Späti gleich schließt, kauft Linus noch schnell ein Bier. Er ist gerade 18 geworden. "Klar, ich mach schon mit bei den Corona-Regeln. Aber es ist nicht mehr wie früher, wo man tanzen und hierhin und dorthin gehen und einen schönen Abend haben konnte."

Sein Kumpel Liam ergänzt: "Es ist schon schwer für Jugendliche, sich an diese Beschränkungen zu halten. Man möchte sich treffen, ist doch klar. Aber es ist auch klar, dass man die älteren Leute schützen muss." Von Überlegungen, dass etwa die Bundespolizei zur Kontrolle eingesetzt werden könnte, halten die beiden Jugendlichen nichts. Wenn es eine Riesen-Versammlung mit 50 Leuten sei, dann sollte die Polizei schon eingreifen. Aber harte Strafen schon für kleinste Verstöße unterstützen sie nicht.

Verpasste Gelegenheiten

Der Soziologie-Professor Michael Corsten forscht an der Universität Hildesheim derzeit über die "Generation Corona". Unter anderem zum "Distant Socializing" hat er Dutzende junge Menschen befragt. Die erstaunliche Erkenntnis: "Obwohl diese Generation eigentlich so routiniert ist im Umgang mit digitalen sozialen Medien, machen viele junge Leute doch noch einen Unterschied zwischen der wirklichen Welt und der Welt im Digitalen."

Er sieht langfristige Folgen für die Lebensplanung der jungen Menschen. Es gebe jetzt sozusagen eine Generation "in Klammern", die sich permanent umorientieren müsse. Das könne zu viel Frustration führen. Und manche berufliche wie private Gelegenheiten - etwa ein Auslandsjahr - könne man vermutlich nicht nachholen.

Auch die Professorin für Wirtschaftswissenschaften Regina Riphahn betont, sie erwarte bei dieser Generation sogenannte "Vernarbungseffekte". In Schule und Studium verpasse sie einiges. Beim Berufseinstieg werde sie krisenbedingt wohl schlechter bezahlt, das lasse sich möglicherweise über das gesamte Erwerbsleben nicht ausgleichen.

"Wir werden nicht freitags um 23 Uhr schlafen gehen"

23:15 Uhr, Schlesisches Tor. Für die drei Freundinnen Nele, Jolanda und Belen würde die Nacht unter normalen Umständen jetzt gerade erst beginnen. Sie sind seit Kurzem mit Studium und Ausbildung fertig und fühlen sich von Corona in ihrer Lebenslust so richtig ausgebremst. "Wir haben gerade Studium und Ausbildung abgeschlossen, haben gedacht, jetzt kann man alles richtig unternehmen", sagt Nele. Und genau jetzt sei alles vorbei. "Man wollte ins Ausland gehen, noch mal richtig reisen. Den ersten großen Abschluss hinter sich gebracht - und jetzt ist das alles richtig nervig."

Belen ergänzt: "Alle haben sich mit der Situation abgefunden. Aber nicht ausgehen, nicht nachts unterwegs zu sein - das raubt vielen ihre Freiheit. Ich glaube, man braucht das auch irgendwie." Jetzt sei um 23 Uhr Schluss, man könne nirgends mehr hingehen. "Wir werden natürlich nichts in einer Riesen-Gruppe machen. Aber trotzdem werden wir jetzt nicht freitags um 23 Uhr schlafen gehen."

Feiern gehört dazu

Dieses Bedürfnis rauszugehen, das gehöre zur Jugend einfach dazu, meint auch Soziologe Corsten. "Zum Feiern, gerade im Jugendalter, gehört auch die Verausgabung. Man will mal einen draufmachen. Eben auch gemeinsam mit anderen Menschen."

Die "Generation Corona" stellt sich derzeit auf wieder neue Beschränkungen ein - und zumindest diejenigen, die wir an diesem Abend getroffen haben, wollen sich auch daran halten. Aber dass sie dabei etwas verpassen, in den Nächten in Berlin, das ist ihnen allen schmerzlich bewusst.

Über dieses Thema berichtete das Erste im Bericht aus Berlin am 18. Oktober 2020 um 18:05 Uhr.

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