Eine Frau lässt sich an einer mobilen Teststation in Lüneburg auf das Coronavirus testen. | dpa

Coronavirus-Pandemie Erstmals mehr als 100.000 Neuinfektionen

Stand: 19.01.2022 06:59 Uhr

Die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen in Deutschland hat mit 112.323 Fällen erstmals die Marke von 100.000 überschritten. Die Inzidenz stieg auf 584,4. Gesundheitsminister Lauterbach rechnet erst im Februar mit Entspannung.

Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie sind binnen eines Tages mehr als 100.000 neue Corona-Infektionen an das Robert Koch-Institut (RKI) übermittelt worden. Die Gesundheitsämter meldeten nach RKI-Angaben 112.323 Fälle in 24 Stunden. Vor genau einer Woche waren 80.430 Neuinfektionen erfasst worden.

Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt nach RKI-Angaben auf 584,4 an. Das ist ebenfalls ein neuer Höchststand. Zum Vergleich: Am Vortag hatte die bundesweite Inzidenz bei 553,2 gelegen, vor einer Woche bei 407,5 (Vormonat: 315,4). Der Wert beziffert die Zahl der neuen Ansteckungen pro 100.000 Einwohner in einem Zeitraum von sieben Tagen.

Mehr als 8,1 Millionen Infektionen

Deutschlandweit wurden den Angaben zufolge binnen 24 Stunden 239 weitere Todesfälle verzeichnet. Damit steigt die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, auf 116.081. Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 7.098.400 an.

Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 8.186.850 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen stieg nach RKI-Angaben auf 3,17 von 3,14 am Vortag.

Höhepunkt der Omikron-Welle noch nicht erreicht

Der rasche Anstieg der Fallzahlen ist auf die ansteckende Omikron-Variante des Coronavirus zurückzuführen, die inzwischen auch in Deutschland vorherrschend ist. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach rechnet jedoch damit, dass die Omikron-Welle erst in einigen Wochen ihren Höhepunkt erreichen wird. "Ich glaube, dass wir den Höhepunkt der Welle Mitte Februar erreichen werden, und dann könnten die Fallzahlen auch wieder sinken", sagt Lauterbach bei RTL. "Aber wir sind noch nicht auf dem Höhepunkt angekommen."

Lauterbach geht zudem davon aus, dass die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz deutlich höher liegt als der gemeldete Wert. Die Dunkelziffer dürfte "ungefähr beim Faktor zwei liegen", sagte der SPD-Politiker.

Lauterbach für Impfpflicht ab April oder Mai

Er teile die Auffassung von Experten wie dem Berliner Virologen Christian Drosten, dass sich irgendwann jeder infizieren werde, sagte Lauterbach. Das bedeute aber nicht, dass die Impfung überflüssig sei. "Es gibt immer noch keine Grundimmunität besonders bei Alten und Kranken", so der Gesundheitsminister.

Er forderte daher einen schnellen Beschluss des Bundestags zur Einführung einer Impfpflicht. "Wenn wir einen Antrag machen wollen, der noch funktioniert, dann setzt er die Impfpflicht im April in Kraft, vielleicht im Mai, weil die diejenigen, die noch gar nicht geimpft sind, die müssen ja noch drei Impfzyklen durchlaufen", sagte Lauterbach. "Und dann ist man ja schon im September oder Oktober." Es müsse schnell geschehen, damit er die Welle im Herbst noch abwenden könne, sagte der Gesundheitsminister.

Lauterbach warnte auch davor, dass bis zum Herbst weitere neue Varianten des Coronavirus auftauchen könnten. "Dann stünden wir mit leeren Händen da, wenn wir erneut die große Zahl der Ungeimpften haben, die wir schützen müssen, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern."

Kubicki sieht Omikron als Chance

Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Kubicki sieht die aktuelle Infektionswelle indes als Chance. "Wir erleben gerade mit der Omikron-Welle, dass die Chance auf eine Rückkehr ins Vor-Corona-Leben größer ist denn je", sagte der FDP-Politiker der "Heilbronner Stimme". Er glaube, "dass wir die ersten Ausläufer der Endemie sehen und dass das unbeschwerte Leben im Laufe des Jahres wieder zurückkehrt". Er bekräftigte seine ablehnende Haltung zur Impfpflicht.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sprach sich angesichts der scheinbar weniger schweren Krankheitsverläufe bei einer Infektion mit der Omikron-Variante für eine Überprüfung der Notwendigkeit der Impfpflicht aus.

Der Ethikrat habe seine Impfpflicht-Empfehlung an der nicht mehr dominierenden, tödlicheren Delta-Variante orientiert, so Gaß im "Handelsblatt". "Wenn die Politik nach Abwägung der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem Ergebnis kommen sollte, dass die Pandemie vorbei ist und es deshalb keine Impfpflicht mehr braucht, dann gibt es eine neue Lage", sagte er. "Wenn Corona tatsächlich nur noch als eine Grippe angesehen wird, dann muss das Virus auch so behandelt werden - und gegen die Grippe gibt es keine Impfpflicht für medizinisches Personal." 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Januar 2022 u.a. um 05:30 Uhr.