Menschen stehen Schlange und warten auf einen Termin für eine Booster-Impfung. | dpa

Auffrischungsimpfungen in NRW Boostern schon nach vier Wochen?

Stand: 14.12.2021 15:27 Uhr

Der Erlass kam überraschend: In NRW sollen Booster-Impfungen schon nach vier Wochen verabreicht werden können. Landeschef Wüst betont nun: Eine Empfehlung ist das nicht. Der Zeitraum sei eine "Untergrenze". Immunologen sehen das kritisch.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung setzt bei den Drittimpfungen gegen das Coronavirus auf Tempo. In einem am Montag unter anderem an Kreise und kreisfreie Städte versandten Erlass hieß es wörtlich: "Personen, bei denen die Grundimmunisierung weniger als fünf Monate zurückliegt, sind jedoch nicht zurückzuweisen und ebenfalls zu impfen - sofern ein Mindestabstand von vier Wochen erreicht ist."

Ministerpräsident Hendrik Wüst bestätigte nun, dass die sogenannte Booster-Impfung nun auch schon Einwohnerinnen und Einwohnern verabreicht werden kann, deren vollständige Impfung erst vier Wochen zurückliege.

Keine Empfehlung für so frühe Drittimpfung

Wüst betonte allerdings, dass es keine Empfehlung dafür gebe, sich bereits so früh nach der vollständigen Impfung ein drittes Mal impfen zu lassen.

Zwar habe man "schon die ganze Zeit" niemanden zurückgewiesen, der einige Tage oder Wochen vor Ablauf der fünf Monate nach der Zweit-Impfung einen Booster wollte, betonte der CDU-Politiker. Es sei aber nicht ratsam, "nach vier Wochen zu laufen", um die Auffrischungsimpfung zu erhalten. Mit der zeitlichen "Untergrenze" von einem Monat sollten vorrangig "kommunikative Fragezeichen" ausgeräumt werden.

"Reifung" der Antikörper nicht gefährden

Die Deutsche Gesellschaft für Immunologie warnt sogar davor, innerhalb eines so kurzen Zeitraums die dritte auf die vollständige Impfung folgen zu lassen. Um die durch das Boostern gewünschte "Verstärkung der Immunität" zu erreichen, müssten zuvor im Körper erst bestimmte Prozesse abgeschlossen sein, sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.

Es müssten sich ausreichend antikörperproduzierende Plasmazellen und T-Zellen gebildet haben, manche müssten in Gedächtniszellen umgewandelt werden, andere ins Knochenmark wandern, so Watzl. Und diese Vorgänge seien nach einem Monat noch nicht abgeschlossen.

Ähnlich äußerte sich die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Christine Falk. Nach vier Wochen sei der Körper noch mit der "Reifung" beschäftigt:

Dabei werden vor allem die Antikörper noch einmal verbessert - wie bei der Reifung eines guten Weines.

Eine zu früh verabreichte Booster-Impfung drohe diesen Prozess eher zu stören, statt ihn zu unterstützen. Sowohl Falk als auch Watzl plädierten daher dafür, dass die Auffrischungsimpfung frühestens nach vier Monaten erfolgen solle. "Wenn ich dann ein drittes Mal impfe, hat der Körper die Zellen, die am besten auf den Erreger zugeschnitten sind, bereits ausgebildet - und die möchte ich noch mal verstärken. Damit ist die Immunität viel besser als wenn ich nach vier Wochen erneut impfe", betonte Watzl.

Watzl pocht auf STIKO-Einschätzung

Die Entscheidung, eine so zeitige Drittimpfung zuzulassen sei aus seiner Sicht auch aus der Angst vor der Omikron-Variante heraus getroffen worden. Das sei jedoch nicht "zielführend". Besser wäre es, die Rate an Erst- und Zweitimpfungen zu steigern.

Zudem warnte Watzl, die Politik dürfe die Empfehlung der Ständigen Impfkomission für die Drittimpfung nicht falsch auslegen. Die STIKO rate nur bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem zu einer Booster-Impfung nach einem Monat, da die Betroffenen "auf die ersten beiden Impfungen nicht oder kaum reagiert haben". Bei dieser Risikogruppe müsse eine Immunität nicht verstärkt, sondern mithilfe einer dritten Impfung erst einmal hergestellt werden.

Über dieses Thema berichtete WDRAktuell Radio am 14. Dezember 2021 um 16:00 Uhr.