Ein Schild vor einem Impfzentrum in Schwerin zeigt, dass dort mit AstraZeneca gegen das Coronavirus geimpft wird. Menschen stehen Schlange für eine Impfung. | dpa

Corona-Impfkampagne "Die Stimmung wird aggressiver"

Stand: 12.05.2021 10:10 Uhr

Die Aussicht auf mehr Freiheiten und die Aufhebung der Priorisierung bei einigen Vakzinen steigert die Ungeduld beim Warten auf die Corona-Impfung. Es mehren sich Berichte über Betrug. Ärzte fordern, die Reihenfolge vorerst nicht aufzugeben.

Wer in Deutschland wann geimpft werden kann, ist durch die Impf-Reihenfolge klar geregelt. Doch zumindest für die beiden Vakzine von AstraZeneca und Johnson&Johnson ist die Priorisierung mittlerweile aufgehoben. Das hat nicht nur positive Auswirkungen, wie die Vize-Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Anke Richter-Scheer, gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe berichtete.

"Wir erleben jeden Tag Diskussionen mit Leuten, die jetzt unbedingt schnell geimpft werden wollen, obwohl sie noch nicht an der Reihe sind. Die Stimmung wird aggressiv", so Richter-Scheer. Durch die Ausweitung der Priorisierung sei es für viele nicht mehr nachvollziehbar, "warum der eine schneller an der Reihe sein soll als der andere".

Auch im Hinblick auf die bei vielen Impfstoffen notwendige zweite Impfung erlebe Scheer, dass Menschen versuchten, sie schneller als im angedachten Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung zu bekommen. Viele wollten nun so schnell wie möglich von den Freiheiten profitieren, die neben Genesenen und vollständig Geimpften zurück erhalten haben.

Tausende Fälle in Impfzentren

Ein ähnliches Bild zeigen Recherchen von Report Mainz auf: Bundesweit berichten die Mitarbeiter in Impfzentren inzwischen von Tausenden Fällen, in denen Menschen versuchen, schneller eine Impfung zu erhalten - auch mithilfe von falschen Angaben etwa zum Alter oder zum Beruf. So seien im Hamburger Impfzentrum zuletzt 2000 Vordrängler in einer Woche erwischt worden. In Saarbrücken waren es demnach bis zu 140 Vordrängler in der Woche, in München bis zu 350.

Patientenschützer Brysch fordert Strafen für Impf-Betrug

Solche Fälle von Druck und Betrug mit eigenen Angaben müssen aus Sicht von Eugen Brysch, Vorstandsmitglied der Stiftung Patientenschutz, streng geahndet werden. "Es kann nicht sein, dass das Falschparken vor dem Impfzentrum als Ordnungswidrigkeit gilt, aber das bewusste Täuschen im Impfzentrum keine Konsequenz hat", betonte er im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.

Auch Brysch berichtete von Fällen, in denen Patienten in Arztpraxen oder Impfzentren "sehr robust mit Nachdruck, auch mit körperlicher Präsenz" versucht hätten, eine Impfung einzufordern. "Da ist eindeutig eine Grenze überschritten", warnte Brysch. Da müsse die Politik handeln, "sonst überlassen wir Arztpraxen und Impfzentren vor Ort zu sehr dem Druck des Starken". Brysch forderte sogar bis zu fünf Jahre Haft, wenn Impf-Betrug organisiert und kriminell betrieben werde.

Ärtzeverbände pochen auf Impf-Reihenfolge

Die Bundesregierung plant, die Impfpriorisierung im Juni komplett aufzuheben, vorausgesetzt, es ist genügend Impfstoff vorhanden. Ärzteverbände sprechen sich aber dafür aus, die Reihenfolge vorerst noch beizubehalten.

"Es sind ja noch gar nicht alle Personen mit Vorerkrankungen und erhöhtem Risiko geimpft. Die sollten auch in den Impfzentren noch Vorrang haben", forderte die Chefin des Marburger Bundes, Susanne Johna, im Gespräch mit der "Rheinischen Post". Es dürfe nicht die Devise gelten: "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst." Dann hätten die "Schwächeren, die am wenigsten drängeln, am Ende das Nachsehen".

Auch Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, sagte gegenüber derselben Zeitung, die Impfpriorisierung sei "eine wichtige Leitlinie", um "besonders gefährdete Patientinnen und Patienten schnell auszumachen und frühzeitig zu schützen", solange noch nicht genügend Impfstoff zur Verfügung stehe. Allerdings solle anhand des unterschiedlichen Impffortschrittes in den einzelnen Bundesländern auch nicht "starr" an dieser Reihenfolge festgehalten werden. Dort, wo nach Praxisschluss noch Impfstoff übrig sei, solle dieser auch unabhängig von der Priorisierung vergeben werden, so Weigeldt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. Mai 2021 um 11:00 Uhr.