Im Stadtstaat Singapur setzt die Regierung bereits eine App zur Kontaktüberwachung ein. Sie soll die Ausbreitung des Coronavirus niedrig halten. | Bildquelle: AFP

Coronavirus in Deutschland Mit Apps gegen die Pandemie?

Stand: 22.03.2020 18:59 Uhr

Forscher und Softwareentwickler suchen nach digitalen Mitteln, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Bewegungsprofile von Handys könnten helfen, Infektionen nachzuvollziehen. Datenschützer sind skeptisch.

Von Kristin Becker, ARD-Hauptstadtstudio

Der zweitägige Hackathon der Bundesregierung ist ein Versuch, der Corona-Krise mit Kreativität zu begegnen: Unter #WirvsVirus tüfteln seit Freitagabend laut Angaben der Organisatoren fast 43.000 Teilnehmer an digitalen Lösungen im Kampf gegen die Pandemie. Die Liste der Vorschläge ist lang. Darunter: ein globales Online-Register für Beatmungsgeräte, digitale Einkaufsdienste für Erkrankte und Menschen in Quarantäne oder elektronische Kulturangebote.

Zahlreich vertreten sind auch Ideen zur Nutzung von Bewegungs- und Gesundheitsdaten, um die Verbreitung des Virus nachzuvollziehen und einzudämmen - Tracking nennt man das. 

Auch das Robert Koch-Institut hat ein solches Projekt angekündigt; in Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen. Eine davon ist das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut für Nachrichtentechnik in Berlin. Man arbeite an einer Applikation, die es ermögliche, "die Nähe und Dauer des Kontakts zwischen Personen in den vergangenen zwei Wochen zu erfassen und auf dem Handy anonym abzuspeichern. Damit könnten Infektionsketten digital rekonstruiert werden", sagte eine Sprecherin dem ARD-Hauptstadtstudio.

Eine Art elektronischer Impfung

Deutschlandweit basteln Universitäten, Informatiker, Mediziner derzeit an ähnlichen Konzepten. Der Medizinstudent Maxim Gleser arbeitet zusammen mit einem Oberarzt der Medizinischen Hochschule Hannover, Softwareentwicklern und Unternehmensberatern aus Hannover und Hamburg an einer Smartphone-App. In den nächsten Tagen soll eine erste Testversion zur Verfügung stehen. Noch aber erklärt Gleser sein Konzept anhand von Screenshots. Die zeigen eine Ampel auf dem Handy, die warnen soll, wenn man in Kontakt mit Corona-Infizierten gekommen ist.

Ihre App stellen sich Gleser und seine Mitstreiter als eine Art elektronische Impfung vor: Wenn viele mitmachen, könnte das die Rasanz der Neuansteckungen abbremsen. Voraussetzung: Datenspenden. Das heißt, dass Nutzer freiwillig Zugriff auf ihr Bewegungsprofil auf dem Handy erlauben oder auch einen anonymisierten Beleg darüber hochladen, wenn sie positiv auf Corona getestet werden. Die App soll dann anderen anzeigen, die möglicherweise im Kontakt mit einem infizierten Nutzer waren, dass sie einem Risiko ausgesetzt waren und ihnen Handlungsempfehlungen geben - etwa das Gesundheitsamt zu kontaktieren.

Finanziert wird die App-Entwicklung momentan noch auf eigene Rechnung und per Crowdfunding. Es gehe nicht ums Geldverdienen, sagt Gleser. Er hofft aber auf das Interesse von Behörden und eine Zusammenarbeit. Relevant wird das Ganze in jedem Fall nur, wenn viele Menschen die App nutzen und ihre Daten teilen.

RKI nutzt bereits Telekom-Handydaten

Für Constanze Kurz vom Chaos Computer Club sind solche Applikationen kein grundsätzliches Problem - vorausgesetzt, die Nutzung ist freiwillig und die Daten werden nicht kommerziell genutzt. Die Informatikerin hat größere Bedenken, was die massenhafte Bereitstellung von Mobilfunkdaten angeht.

Diese Woche hat die Telekom begonnen, dem Robert Koch-Institut (RKI) anonymisiere Handydaten zu übermitteln. Ziel ist, Bewegungsströme zu modellieren - wohl auch, um nachzuvollziehen, ob Maßnahmen wie "Social Distancing" und Ausgangsbeschränkungen Erfolg zeigen. Die Nutzung sei datenschutzkonform, betonen das RKI, die Telekom und auch der Bundesdatenschutzbeauftragte.

Kurz ist als Expertin dennoch skeptisch, ob die Anonymisierung tatsächlich nicht rückgängig gemacht werden kann. Sie fordert Transparenz darüber, wie die Daten anonymisiert wurden und wie sie beim RKI vor dem Zugriff Dritter geschützt werden.

"Die Sorglosigkeit, mit der jetzt viele Forscher und auch die Politik mit diesem Thema umgehen, halte ich für sehr gefährlich", sagt sie. "Wenn man schon solche Maßnahmen ergreift, dann sollte man sich wirklich genau überlegen, wie sehr der Ausnahmecharakter ist, wie stark man die Maßnahmen befristet und wie offen und transparent man damit ist, welche Art von Daten da eigentlich abgeliefert werden."

Andere Länder haben es vorgemacht

Sorge macht Kurz auch, wie andere Länder - selbst solche, die demokratisch regiert werden - den Datenschutz in der Krise aufgeben. So hat etwa Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu den Inlandsgeheimdienst autorisiert, Handydaten zu nutzen, um herauszufinden, mit wem Infizierte Kontakt hatten. Der Oberste Gerichtshof in Israel stoppte diese Vorgehen zumindest vorläufig, weil es derzeit keine Kontrolle dieser Maßnahme durch das Parlament gibt.

In China ist die Überwachung per Handy und App nichts Neues. Nun in der Krise nutzen die Behörden die technischen Möglichkeiten, um Kranke oder Menschen in Quarantäne im Auge zu behalten. Wer derzeit nach Hongkong einreist, bekommt ein elektronisches Armband und muss in Quarantäne. Überprüft wird das per Smartphone-App.

Auch Südkorea setzt auf die digitale Nachverfolgung, wenn auch wohl freiwillig. Entsprechende Covid-19-Apps der Regierung sammeln ausführlich persönliche Daten von Nutzern.

"Was einmal eingeführt wird, das bleibt"

Experten wie der Medizinprofessor Erwin Böttinger sehen in den digitalen Maßnahmen neben den umfangreichen Tests einen weiteren Grund für den Rückgang von Neuinfektionen in Südkorea. Böttinger leitet das Digital Health Center am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Er plädiert dafür, alle technischen Möglichkeiten einzusetzen, um die Corona-Krise einzudämmen: Chatbots, Videoconsulting, Telemedizin, aber eben auch die Nutzung von anonymisierten Handydaten und Tracking - am Besten "mit dem Mandat der Behörden".

So könne man beispielsweise die Risikoerfassung verbessern und das Gesundheitssystem entlasten, meint er. Die Politik sollte möglich machen, dass Technologien, die verfügbar sind, auch zum Einsatz kommen. Personenbezogene Daten müssten laut Böttinger aber geschützt werden.

Für Constanze Kurz ist das ein schmaler Grat. Aus ihrer Sicht bergen Maßnahmen, die ohne strikte Begrenzung in Ausnahmesituationen eingeführt werden, das Risiko einer Normalisierung von Überwachungstechniken. Das habe die Geschichte gezeigt. Sie warnt: "Was einmal eingeführt wird, das bleibt."

Über dieses Thema berichtete der "Bericht aus Berlin" am 22. März 2020 um 18:30 Uhr.

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