Corona-Virus-Warnung Hamburg Flughafen | dpa

130 Corona-Infizierte in Deutschland Mehr Fälle und Pläne für Konjunkturpaket

Stand: 02.03.2020 00:25 Uhr

Die Coronavirus-Fallzahlen haben sich am Wochenende mehr als verdoppelt - auf 130. Finanzminister Scholz denkt über ein Konjunkturpaket nach, Gesundheitsminister Spahn sorgt sich um den Schutz von Ärzten.

In Deutschland ist die Zahl der bestätigten Coronavirus-Infektionen deutlich gestiegen. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden 130 Infektionen nachgewiesen. Am Abend meldete zusätzlich der Senat von Berlin eine Infektion in der Hauptstadt. Am Samstag waren es landesweit noch 66. Die Bundesregierung rechnet nicht mit einem schnellen Ende des Kampfs gegen das Coronavirus.

Dennoch sieht Bundesfinanzminister Olaf Scholz Deutschland gewappnet - auch falls die Wirtschaft in Schwierigkeiten geraten sollte. "Wenn die Lage es erforderte, dass ein solcher Impuls nötig wird, haben wir auch die Mittel, ein Konjunkturprogramm aufzulegen", sagte Scholz der "Welt am Sonntag". Das komme für ihn aber erst in Frage, sollte es "zu schweren Verwerfungen in der Weltwirtschaft kommen, etwa weil weltweit Märkte und Produktionsstätten beeinträchtigt werden".

Olaf Scholz | dpa

Finanzminister Scholz erwägt, ein Konjunkturpaket zu schnüren und Unternehmen zu unterstützen. Bild: dpa

Virus kann "die Weltwirtschaft zum Erliegen bringen"

Grünen-Chef Robert Habeck spricht sich bereits für solch eine Maßnahme aus. Die Ausbreitung des Coronavirus könne immense Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. "Wenn die Wirtschaft gestützt werden muss, brauchen wir ein Konjunkturprogramm. Ich würde sagen, wir brauchen es eh."

Zuvor hatte auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, ein Konjunkturprogramm befürwortet. Die Bundesregierung müsse sich darauf fokussieren, "Vertrauen so gut wie möglich zu erhalten, Anker der Stabilität zu sein und Panik zu vermeiden", sagte er der "Passauer Neuen Presse". "Mehr staatliche Investitionen würden klarmachen: Wir tun etwas. Ihr Unternehmen könnt euch auf uns verlassen", fügte er hinzu. 

Nach Einschätzung des Konjunkturexperten Timo Wollmershäuser vom Münchner Ifo-Institut hat das Coronavirus das Potenzial, "die Weltwirtschaft zum Erliegen zu bringen". Schon jetzt bekämen auch deutsche Unternehmen die wirtschaftlichen Auswirkungen des Virus zu spüren, sagte er dem Nachrichtenportal "t-online". Die Bundesregierung solle daher Unternehmen unter die Arme greifen, "die wegen des Coronavirus Produktionsausfälle haben".

Mittlerweile Fälle in den meisten Bundesländern

In mehreren Bundesländern wurden am Wochenende weitere Coronavirus-Fälle bestätigt. Mittlerweile gibt es in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz bekannte Infektionen. Nur im Saarland und in den neuen Bundesländern wurden noch keine Coronavirus-Infektionen nachgewiesen. Allein in Nordrhein-Westfalen sind es nach der aktuellen RKI-Liste 74 Fälle, in Bayern 23 und in Baden-Württemberg 15. Die tatsächliche Zahl der Fälle dürfte etwas darüber liegen, weil neue Nachweise hinzukommen.

Ein Kreisverkehr in Gangelt im Kreis Heinsberg, NRW | dpa

Im Kreis Heinsberg endete für mehrere hundert Bewohner die häusliche Quarantäne. Bild: dpa

Im besonders betroffenen NRW-Kreis Heinsberg endete für mehrere hundert Bewohner die häusliche Quarantäne. Rund 300 Karnevalisten, die eine Sitzung am 15. Februar in Gangelt besucht hatten, und ihre Familien waren zu der vorsorglichen Maßnahme aufgerufen worden. Von insgesamt 1000 Menschen in häuslicher Isolierung müsse sich rund ein Drittel noch bis Ende der Woche gedulden.

Im Kreis Viersen wurden zwei Polizistinnen positiv auf das Virus getestet. Am Samstag waren einzelne Infektionen auch aus Köln, Bonn, Duisburg, Mönchengladbach, aus dem Raum Aachen und dem sauerländischen Lüdenscheid gemeldet worden.

Immer mehr häusliche Quarantäne

Mit bestätigten Infektionen bei drei Männern erreichte das Coronavirus nun auch Frankfurt am Main. Bei zwei Männern stehen die Fälle im Zusammenhang mit einem Fall in Wetzlar, der dritte Fall mit einer Italienreise. In häuslicher Quarantäne sind auch 18 Menschen aus dem Umfeld eines Patienten aus Kaiserslautern. Neue Verdachtsfälle gibt es nach der Bestätigung einer ersten Coronavirus-Infektion in Niedersachsen - in 15 Fällen wurde häusliche Quarantäne angeordnet. Ein 68-Jähriger war mit seiner Frau auf einer Busreise nach Südtirol gewesen.

In Baden-Württemberg sollen zum Ende der Faschingsferien nach Kindern, Lehrern und vielen Beamten auch Polizisten zunächst vorsorglich zu Hause bleiben, wenn sie in den vergangenen Tagen aus einem Risikogebiet für das neuartige Coronavirus zurückgekehrt sind. Dies gelte unabhängig von Krankheitssymptomen, wie aus einem internen Schreiben des Innenministeriums hervorgeht, das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt. Als Risikogebiete nennt das Ministerium die norditalienische Provinz Lodi in der Region Lombardei und die Stadt Vo in der Provinz Padua (Region Venetien) sowie Teile Chinas, des Irans und Südkoreas.

In etlichen deutschen Supermärkten kam es zu Hamsterkäufen. Kunden griffen vermehrt zu langlebigen Lebensmitteln und Getränken. Auch Regale mit Reinigungstüchern oder Desinfektionsmitteln waren leer. Nach Einschätzung des Handels drohen aber keine Engpässe.

Kritik an "zu später" Reaktion der Bundesregierung

Für zu spät hält der Virologe Alexander Kekulé von der Universität Halle die Reaktion der Bundesregierung. Die Behörden hätten Großveranstaltungen grundsätzlich absagen müssen, sagte er dem NDR. "Ich habe sogar den Vorschlag gemacht, für 14 Tage auch die Schulen und Kindertagesstätten zu schließen." Kekulé forderte außerdem entsprechende Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, damit Urlauber im Fall einer vorsorglichen Stornierung mit einer Erstattung der Kosten rechnen können.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betonte erneut, dass nach derzeitiger Erkenntnis vier von fünf Coronavirus-Infektionen milde oder sogar symptomfrei verliefen. Mit der Zahl der Ansteckungen steige aber auch die Wahrscheinlichkeit für schwere Verläufe oder Todesfälle, sagte Spahn der "Welt am Sonntag". Ärzte können Tests auf das Virus leichter als bisher abrechnen, so Spahn auf Twitter.

Spahn: Fehlende Schutzausrüstung ist großes Thema

Der CDU-Politiker bezeichnete nicht mehr verfügbare Schutzausrüstung zum Beispiel für Ärzte als "großes Thema" - weil Länder, Krankenhäuser und auch Privatpersonen auf der ganzen Welt auf Vorrat kauften. Auch Hersteller in Deutschland seien oft selbst auf Vorprodukte aus China angewiesen. "Wir sollten bei Arzneimitteln oder Schutzausrüstungen nicht in diesem Umfang von anderen Regionen der Welt abhängig sein."

Es beginnt nun eine Woche der Krisentreffen: Los geht es mit einer Sondersitzung des Gesundheitsausschusses des Bundestages. Am Dienstag tagt erneut der Krisenstab der Bundesregierung. Spahn trifft am Mittwoch erst seine Länder- und am Freitag dann die EU-Ministerkollegen.

Mit Informationen von Kai Clement, ARD-Hauptstadtstudio

Coronavirus, Sars-CoV-2 und Covid-19

Coronavirus ist die geläufigste Bezeichnung für das neuartige Virus aus China. Dessen offizieller Name, den die WHO festgelegt hat, lautet Sars-CoV-2. Die aus dem Virus resultierende Lungenkrankheit heißt Covid-19.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. März 2020 um 17:00 Uhr.