Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und RKI-Chef Lothar Wieler (im Hintergrund) äußern sich Ende Januar 2021 zur Corona-Lage. | REUTERS

Corona-Pandemie in Deutschland 150 Fälle von Mutationen nachgewiesen

Stand: 29.01.2021 11:40 Uhr

Ein Grund zum Hoffen, einer zur Sorge: Die Infektionszahlen sinken, doch es werden mehr Fälle einer Corona-Mutation in Deutschland nachgewiesen. Gesundheitsminister Spahn setzt im Kampf gegen die Pandemie weiter auf das Impfen.

Trotz rückläufiger Tendenz bei den Corona-Fallzahlen wächst in Deutschland die Sorge vor der Verbreitung von Mutationen des Virus. "Es werden immer mehr Fälle und Ausbrüche gemeldet", sagte Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Institutes (RKI).

Bislang sei noch zu wenig über die Mutationen bekannt, so Wieler weiter. Etwa, ob sich geimpfte Personen oder Menschen, die sich schon einmal infiziert hatten, trotzdem mit einer mutierten Virusvariante anstecken können. Man müsse eine Ausbreitung der Mutationen und einen damit drohenden erneuten starken Anstieg der Infektionen verhindern, warnte der RKI-Chef, vor allem mit Blick auf die nach wie vor stark ausgelasteten Intensivstationen in Krankenhäusern: "Einen neuen starken Anstieg an Fallzahlen würden die Intensivstationen derzeit definitiv nicht verkraften."

Vor allem britische Variante verbreitet

Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums wurden bisher 150 Fälle nachgewiesen, bei denen sich ein Infizierter mit einer Mutation angesteckt hatte. Vor allem die Variante B.1.1.7., die erstmals in Großbritannien nachgewiesen worden war, breitet sich auch in Deutschland aus: Insgesamt seien bisher 120 Infektionen mit diesem Virus bestätigt, 18 davon noch im vergangenen Jahr und 102 seit Jahresbeginn.

Im Gegensatz zu der britischen Variante treten andere bekannte Mutationen bislang bundesweit kaum auf. Der mutierte Erreger aus Südafrika wurde bis heute 27 Mal bei Betroffenen nachgewiesen, von der Mutation aus Brasilien sind laut Ministeriumsangaben nur drei Fälle bekannt.

Allerdings hat Deutschland erst spät damit begonnen, gezielt auf die Mutationen zu testen. Diese Nachweise erfolgen durch die sogenannte Sequenzierung. Die will das Bundesgesundheitsministerium weiter vorantreiben. Werden innerhalb einer Woche bundesweit mehr als 70.000 Corona-Infektionen nachgewiesen, sollen fünf Prozent der entnommenen Proben auf eine Mutation getestet werden. Sinkt die Zahl der Neuinfektionen unter diesen Wert, sollen zehn Prozent sequenziert werden. 

Rückläufige Infektionszahlen und Inzidenz

In den vergangenen 24 Stunden wurden in Deutschland knapp 14.000 weitere Infektionen mit dem Coronavirus nachgewiesen, teilte das RKI mit - und damit mehr als 3000 Fälle weniger als vor einer Woche. Auch bei der Sieben-Tage-Inzidenz zeigt sich ein rückläufiger Trend: Am Donnerstag war der Wert erstmals seit drei Monaten unter 100 gesunken, heute lag er bei 94,4.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach von einem "positiven Trend", der zeige, dass die strikten Corona-Maßnahmen Wirkung zeigten. Doch das reiche noch nicht, betonte Spahn. Auch Wieler sieht Deutschland bei der Pandemie-Bekämpfung "auf einem guten Weg". Doch nach wie vor infizierten sich zu viele Menschen mit dem Virus. Die Sieben-Tage-Inzidenz sei lediglich in den am stärksten betroffenen Ländern Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen gesunken. In den anderen zwölf Bundesländern sei sie nahezu gleich geblieben und in manchen Landkreisen sogar gestiegen.

Impfstoff wird laut Spahn noch wochenlang knapp bleiben

Spahn setzt die Hoffnung im Kampf gegen die Pandemie vor allem auch auf die Impfungen, auch wenn der CDU-Politiker einen schwierigen Start der Impfkampagne einräumte. An die EU würde weniger Impfstoff geliefert als gehofft. In Deutschland seien die Telefon-Hotlines für die Terminvergabe teils schwer zu erreichen gewesen. Er könne daher Ungeduld verstehen und warnte zugleich, dass noch einige "harte Wochen" bevorstünden, in denen der Impfstoff weiter knapp bleiben werde.

Bislang 3,5 Millionen Impfdosen an Bundesländer geliefert

Trotzdem setzte Spahn das Ziel, dass im ersten Quartal dieses Jahres allen Menschen über 80 Jahren ein Impfangebot gemacht werden solle. Alle Bundesländer machten bei der Impfung von Risikogruppen Fortschritte. Bisher seien bundesweit 3,5 Millionen Impfdosen ausgeliefert worden. 2,2 Millionen dieser Dosen seien bereits verabreicht worden. Spahn blieb trotz Engpässen bei den Impfstoff-Lieferungen dabei, dass bis zum Sommer allen Menschen in Deutschland die Impfung ermöglicht werden solle.

Um dieses Ziel zu erfüllen, sollen weitere Impfstoffe in der EU zugelassen werden. Der Wirkstoff von AstraZeneca wurde am Freitagnachmittag von der Europäischen Arzneimittelbehörde zur Zulassung empfohlen. Zwei weitere Impfstoffe könnten dann im zweiten Jahresquartal zugelassen werden. Laut der Nachrichtenagentur Reuters bestätigte Spahn, dass die EU-Kommission derzeit mit dem US-Konzern Novavax verhandle, der ebenfalls einen Impfstoff entwickelt hat. Zudem wolle die EU weitere Impfdosen von dem Unternehmen Moderna bestellen.

Überprüfung des AstraZeneca-Vakzins in Deutschland

Allerdings soll der AstraZeneca-Wirkstoff nach seiner EU-Zulassung nochmals in Deutschland geprüft werden, kündigte Spahn an. Die Ständige Impfkommission des RKI hatte empfohlen, den Impfstoff nur bei Menschen zwischen 18 und 64 Jahren anzuwenden, da die Wirksamkeit bei älteren Personen nicht genügend belegt sei.

Die EMA verzichtete in ihrer Zulassungsempfehlung hingegen auf eine Altersobergrenze. Die Behörde wies aber darauf hin, dass es noch nicht genügend Daten über die Wirksamkeit des Vakzins bei älteren Menschen gebe, um zu beurteilen, wie effektiv es bei diesen sei. Die EMA begründete die Empfehlung ohne Altersobergrenze mit den guten Test-Resultaten bei den übrigen Altersgruppen sowie Erfahrungswerten mit anderen Impfstoffen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Januar 2021 um 12:00 Uhr.