Krankenpflegerin in einer Intensivstation der Uniklinik Essen (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Corona-Kranke in Deutschland Fast Höchststand auf Intensivstationen

Stand: 08.11.2020 15:36 Uhr

Mittlerweile liegen fast wieder so viele Corona-Kranke auf Intensivstationen wie im Frühjahr. Die Situation sei sogar noch kritischer als im April, heißt es. Ministerpräsident Kretschmann erwägt daher eine Verlängerung der Einschränkungen.

Die Corona-Zahlen in Deutschland bleiben auf Rekordniveau. Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete 16.017 Neuinfektionen. Das ist der höchste Wert für einen Sonntag, an dem die Zahlen in der Regel niedriger ausfallen, da die Gesundheitsämter häufig nicht alle Daten übermitteln. Am Samstag war ein absoluter Höchstwert von 23.399 verzeichnet worden. Zunehmend angespannt wird die Lage auf Intensivstationen. Die Zahl der dort behandelten Corona-Patienten hat fast wieder den Höchstwert vom Frühjahr erreicht.

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) meldete, dass 2904 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt werden. Davon werden 1605 (55 Prozent) invasiv beatmet. Der bisherige Höchststand war laut DIVI am 18. April mit 2933 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen erreicht worden.

Lage schlimmer als im April

Tatsächlich sei die Lage in den Kliniken derzeit sogar schlimmer als im Frühjahr, sagte DIVI-Präsident Uwe Janssens. Es gebe wesentlich mehr infizierte Patienten auf den anderen Stationen - von denen ein Teil noch auf den Intensivstationen landen werde. Die gesamte Infektionslage sei nicht mit der im April vergleichbar.

Anders als bei der Spitze am 18. April werde diesmal kein Abflauen folgen, der Anstieg werde sich vielmehr vorerst fortsetzen, sagte Janssens. Der Grund sei, dass sich die jeweilige Zahl an Neuinfektionen erst verzögert in schweren Verläufen und schließlich in der Belegung der Intensivstationen niederschlägt. "In vier Wochen werden wir die Folgen der Spitzenwerte jetzt sehen." Einige Zentren seien bereits am Anschlag, es müssten vereinzelt bereits Covid-19-Patienten in andere Kliniken gebracht werden.

Wieder mehr Ältere infiziert

Hinzu kommt, dass der Anteil älterer Infizierter nach RKI-Daten seit Ende September wieder steigt. Sie haben ein höheres Risiko, schwer zu erkranken - und damit auch dafür, zu Patienten auf der Intensivstation zu werden. In Berlin dürfen viele große Krankenhäuser bereits nur noch solche planbaren Aufnahmen, Operationen und Eingriffe durchführen, die medizinisch dringlich sind.

Laut DIVI-Tagesreport haben die Kliniken in Deutschland rund 7500 freie Intensivbetten gemeldet, bei denen sowohl ausreichend Technik als auch Personal zur Verfügung steht. Allerdings warnte Janssens vor einigen Tagen, dass mitunter auch Betten als frei gemeldet würden, für die gar kein Pflegepersonal verfügbar sei.

Kretschmann: Corona-Auflagen verschärfen?

Angesicht dieser Zahlen hält der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann eine Verlängerung und eine Verschärfung der Corona-Auflagen für möglich. "Wenn die Intensivstationen volllaufen, ist es schon zu spät", sagte der Grünen-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Wenn droht, dass diese rote Linie überschritten wird, kommen wir um härtere Maßnahmen - unter Umständen sehr harte Maßnahmen - überhaupt nicht herum." Denkbar sei etwa eine weitere Reduzierung der Kontakte.

Kretschmann appellierte an die Verantwortung der Bürger: "Es geht um Menschenleben. Jeder hat die Verpflichtung, sich an die Regeln zu halten." Wenn alle ihre sozialen Kontakte reduzierten, könne "die Welle gebrochen werden". Das gelte auch für die Advents- und Weihnachtszeit. "Weihnachtsmärkte halte ich in diesem Winter leider für vollkommen ausgeschlossen", sagte Kretschmann.

Nein zu Weihnachtsmärkten und Silvesterpartys

Auch Silvesterpartys "kann man im Kreise der Familie machen, aber nicht groß, feucht und fröhlich mit vielen Freunden", fügte er hinzu. "Mit so etwas warten wir bitte, bis wir einen Impfstoff haben und die Bevölkerung auch durchgeimpft ist." Es könne allerdings noch viele Monate dauern, "bis die Pandemie weggeimpft ist".

Seit Beginn der Pandemie hat das RKI insgesamt 658.505 Infektionen erfasst. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus stieg um 63 auf insgesamt 11.289. Das sogenannte Sieben-Tage-R lag laut RKI bei 1,04 (Vortag: 0,99). Das heißt, dass zehn Infizierte im Mittel etwa zehn weitere Menschen ansteckten. Der Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab.



Städte/Landkreise mit höchstem Inzidenzwert (RKI; Stand 12.10, 0.00 Uhr)

  • 1. Berlin-Neukölln (142,3)
  • 2. Berlin-Mitte (106,1)
  • 3. Herne (86,3)
  • 4. Berlin-Tempelhof-Schöneberg (85,4)
  • 5. Cloppenburg (81,4)
  • 6. Bremen (79,5)
  • 7. Offenbach (77,4)
  • 8. Esslingen (74,4)
  • 9. Hagen (72,6)
  • 10. Regen (72,3)

Insgesamt liegen laut RKI 30 Städte/Landkreise über dem 50er-Wert.

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