Ein Abstrichstäbchen wird in einer ambulanten Corona-Test- Einrichtung gehalten | Bildquelle: dpa

Coronavirus in Deutschland Warum steigen die Infektionszahlen gerade?

Stand: 24.07.2020 16:21 Uhr

Es sind so viele Neuinfektionen wie schon seit Wochen nicht mehr: 815 bestätigte Fälle binnen 24 Stunden gab das RKI heute bekannt. Ein Anstieg, bei dem mehrere Faktoren eine Rolle spielen könnten.

Von Susann Burwitz, tagesschau.de

Mit 815 bestätigten Neuinfektionen mit dem Coronavirus innerhalb von 24 Stunden hat das Robert Koch-Institut (RKI) heute einen Wert bekannt gegeben, der deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen Wochen lag. Zuletzt hatte es Mitte Mai innerhalb eines Tages eine so hohe Zunahme an nachgewiesenen Ansteckungen gegeben. Ein einmaliger Ausreißer nach oben? Oder ein Hinweis, dass sich das Virus wieder stärker auszubreiten beginnt?

Zunächst ein Blick auf die Zahlen: Noch gestern hatte das RKI von 569 neuen Corona-Fällen binnen 24 Stunden gesprochen, tags zuvor waren es 454 neue Infektionen gewesen. Blickt man auf die vergangenen Wochen zurück, so liegen diese Werte im Durchschnitt - die täglichen Infektionen lagen zwischen 400 und 600 Fällen. Heute vor einer Woche etwa veröffentlichte das RKI den Wert von 583 Ansteckungen, fast genauso viele wie heute vor einem Monat mit 587 Neuinfektionen.

Zahlreiche Infektionen in sogenannten Hotspots

Wie leicht es zu einer Vielzahl neuer Infektionen kommen kann, hat sich in den vergangenen Wochen am Beispiel mehrerer Hotspots gezeigt: dem sogenannte Quarantäne-Hochhaus in Göttingen etwa. Von den 700 Bewohnern hatten sich Mitte Juni 120 mit dem Virus infiziert. Ein ähnliches Beispiel in Berlin: Hier betraf es zur selben Zeit ebenfalls einen Wohnkomplex im Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg, in dem 40 Bewohner positiv auf das Virus getestet worden waren.

Der größte sogenannte Hotspot war jedoch der Schlachthof des Tönnies-Konzerns im Kreis Gütersloh. Mehr als 2000 Mitarbeiter steckten sich mit dem Virus an. Der Betrieb des Schlachthofes wurde gestoppt, sämtliche Beschäftigte und deren Angehörige mussten Mitte Juni in Quarantäne. Für den Kreis Gütersloh und den benachbarten Kreis Warendorf wurden wieder strikte Corona-Auflagen verhängt.

Mittlerweile wird auf dem Schlachthof wieder gearbeitet, auch wenn bei 30 Beschäftigten das Virus erneut nachgewiesen wurde. Allerdings gehe das bei 22 der Mitarbeiter auf die bereits bekannte Ansteckung zurück, teilte Tönnies mit.

Mehr Ansteckungen "in der Fläche"

Bei dem jetzigen Anstieg der Infektionen sieht der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin aber nicht einen lokalen Ursprung, wie er im Interview mit tagesschau24 sagte. Er sprach hingegen von einem "Anstieg in der Fläche". Und das sei kritisch, da so Infektionsketten schwerer nachzuvollziehen sein, ebenso wie der Ursprung der Ansteckungen.

Es sind verschiedene Faktoren, die diesen Anstieg mitbegründen könnten. Faktor Nummer eins: die Lockerungen der Corona-Beschränkungen. Der Alltag kehrt immer mehr zurück - Geschäfte haben offen, Besuche in Kneipen und Restaurants sind wieder erlaubt, genauso wie zunehmend größere Veranstaltungen und Feiern. In anderen Staaten - Australien etwa - wurden bereits mehrfach Infektionen unter Gästen von Lokalen oder Bars festgestellt. Die Auflagen wurden daher teils wieder verschärft. Auch in Deutschland gab es schon solche Fälle - zuletzt wurden mehr als zehn Besucher einer Party in einem Berliner Lokal positiv auf das Virus getestet. Im Mai hatten sich mehr als 30 Besucher eines Restaurants im niedersächsischen Ostfriesland infiziert.

Infiziert aus dem Urlaub zurück

Faktor Nummer zwei: Infektionen von Einreisenden aus dem Ausland. Das Reisen innerhalb der EU ist wieder erlaubt, doch wiederholt wurde bei Rückkehrern aus anderen Ländern das Coronavirus nachgewiesen. Jüngstes Beispiel ist eine vierköpfige Familie, die nach ihrem Mallorca-Urlaub positiv getestet wurde. Bund und Länder wollen daher Reiserückkehrer künftig direkt nach ihrer Ankunft testen, um so die Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Auch das Sozialministerium von Baden-Württemberg teilte heute mit, dass bei 184 von insgesamt knapp 1260 Menschen, bei denen seit Mitte Juni eine Ansteckung festgestellt worden war, der Verdacht besteht, dass sie sich im Ausland mit dem Virus infiziert haben. Fast 60 der Betroffenen seien aus Serbien zurückgekehrt, weitere unter anderem aus Kroatien.

Doch bei den Einreisenden handelt es sich nicht nur um zurückgekehrte Touristen. So teilte das Gesundheitsministerium von Mecklenburg-Vorpommern mit, dass unter Crewmitgliedern, die auf zwei Kreuzfahrtschiffen der Aida-Flotte arbeiten sollten, eine Infektion bestätigt wurde. Insgesamt hatte das Unternehmen gestern rund 700 Frauen und Männer als Besatzungsmitglieder über Dubai nach Mecklenburg-Vorpommern einfliegen lassen.

Mehr Labore, mehr Tests

Und schließlich Faktor Nummer drei: die höhere Quote an Corona-Tests. Denn im Verlauf der Pandemie in Deutschland hat sich nicht nur die Zahl der täglichen Corona-Tests erhöht, sondern auch die der Labore und Einrichtungen, die solche Tests vornehmen und auswerten. So wurden laut dem aktuellen Lagebericht des RKI in der Woche vom 9. bis zum 15. März dieses Jahres bundesweit 127.457 Corona-Tests durchgeführt. In der vergangenen Woche waren es insgesamt 531.571 Tests gewesen. Und waren es in der Maiwoche noch 28 Labore gewesen, die ihre Werte an das RKI übermittelt hatten, so sind es mittlerweile 145.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Juli 2020 um 15:00 Uhr.

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