Screenshot youtube #allesdichtmachen Jan Josef Liefers | youtube screenshot

Schauspieler gegen Corona-Maßnahmen Gelungener Protest oder Dammbruch?

Stand: 23.04.2021 17:15 Uhr

Etwa 50 prominente Schauspielerinnen und Schauspieler sorgen mit ihrer Protestaktion #allesdichtmachen für Aufsehen. In ironisch gemeinten Videos kritisieren sie die Corona-Politik der Regierung. Die Reaktionen: Zustimmung und Empörung.

Mit einer groß angelegten Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen protestieren Schauspielerinnen und Schauspieler gegen die Corona-Beschränkungen der Bundesregierung. Künstler wie Ulrich Tukur, Volker Bruch, Meret Becker, Ulrike Folkerts, Richy Müller, Heike Makatsch, Jan Josef Liefers und viele weitere verbreiteten bei Instagram und auf der Videoplattform YouTube gleichzeitig ironisch-satirische Clips mit persönlichen Stellungnahmen zur Coronapolitik der Bundesregierung.

Andere prominente Kolleginnen und Kollegen reagierten entsetzt. Die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer wurden am Donnerstagabend binnen kurzer Zeit zu den am meisten verwendeten bei Twitter in Deutschland. "Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz", fordert etwa Tukur die Bundesregierung auf. "Nicht nur Theater, Cafés, Schulen, Fabriken, Buchhandlungen, Knopfläden nein, auch alle Lebensmittelläden, Wochenmärkte und vor allem auch all die Supermärkte." Und er fügt hinzu: "Sind wir erst am Leibe und nicht nur an der Seele verhungert und allesamt mausetot, entziehen wir auch dem Virus und seiner hinterhältigen Mutantenbagage die Lebensgrundlage."

Liefers "dankt" Medien

Liefers bedankt sich in seinem Clip mit ironischem Unterton "bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben." Inzwischen distanzierte sich der "Tatort"-Star von Verschwörungstheorien und der Querdenker-Bewegung: "Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück", schrieb der 56-Jährige auf Twitter. "Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD. Weil wir gerade dabei sind, das gilt auch für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt."

Richy Müller atmet in seinem Clip abwechselnd in zwei Tüten und kommentiert ironisch: "Wenn jeder die Zwei-Tüten-Atmung benutzen würde, hätten wir schon längst keinen Lockdown mehr. Also bleiben Sie gesund und unterstützen Sie die Corona-Maßnahmen. Ich geh' jetzt mal Luft holen."

Sein Kollege Felix Klare erzählt in seinem Video, weil der Staat ja neuerdings wieder ziemlich klare Ansagen mache, mache er das mit seinen Kindern jetzt auch. Dabei könne er sich aus den Tagebüchern seines Urgroßvaters einige Sachen ziemlich gut abgucken: Wenn seine Kinder frech seien und Widerworte gäben, bekämen sie jetzt sofort eins hinter die Ohren.

Niggemeier spricht von Dammbruch

In den sozialen Medien stieß die Aktion teilweise auf Zustimmung, aber vor allem bei Prominenten auch auf sehr heftige Ablehnung. "Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben", twitterte Moderator Tobias Schlegl, der auch Notfallsanitäter ist. Schauspieler Marcus Mittermeier kommentierte: "Niemand hat mich gefragt, ob ich bei #allesdichtmachen mitmachen will. Gott sei Dank!" Der Pianist Igor Levit twitterte: Die stumpfste Waffe gegen die Pandemie sei schlechter, bornierter Schrumpfsarkasmus, der letztendlich bloß fader Zynismus sei, der niemandem helfe, sondern nur spalte.

Medienjournalist Stefan Niggemeier vom Onlinemagazin "uebermedien.de" schrieb von ekliger Ironie und einem Dammbruch, der zugleich der bisher größte Erfolg der Querdenkerszene sei. Der Grünen-EU-Abgeordnete Erik Marquardt kritisierte, er finde die Aktion schlecht und sehe sie als Ausdruck einer zunehmenden Resignation von eigentlich Vernünftigen. Viele Twitter-Nutzer verwiesen in ihren Kommentaren auf die bislang mehr als 80.000 Toten im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie in Deutschland. Mit der Videoaktion würden die Opfer verhöhnt, ebenso die Maßnahmen, um weitere Tote zu verhindern.

Weitere prominente Schauspieler mischten sich via Instagram in die Diskussion ein. Elyas M'Barek schrieb: "Mit Zynismus ist doch keinem geholfen." Jeder wolle zur Normalität zurückkehren, und das werde auch passieren. Hans-Jochen Wagner nannte die Aktion peinlich. Er verstehe sie nicht, schrieb der Schauspieler, der an Liefers gerichtet fragte: "Das kann doch nicht Dein Ernst sein."

"Handeln aus Langweile und Zynismus"

Christian Ulmen fühlte sich an den rechten Verschwörungserzähler Ken Jebsen erinnert: Dieser "hätte es nicht schöner sagen können". Nora Tschirner warf den Machern der Clips Handeln aus Langeweile und Zynismus vor. Satiriker Jan Böhmermann hielt der Aktion bei Twitter entgegen, das einzige Video, das man sich ansehen solle, wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen habe, sei die ARD-Doku aus der Berliner Charité mit dem Titel "Station 43 – Sterben". Dazu stellte er den Hashtag #allenichtganzdicht.

Beifall gab es dagegen vom früheren Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, der die Aktion auf Twitter großartig nannte. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sprach von einem Meisterwerk, das sehr nachdenklich machen solle. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar twitterte: "Das ist intelligenter Protest." Sie feiere Jan Josef Liefers.

Makatsch distanziert sich

Heike Makatsch zog ihr Video inzwischen zurück. Auf Instagram schrieb sie am Freitagmorgen, sie distanziere sich eindeutig von rechtem Gedankengut. "Ich erkenne die Gefahr, die von der Corona-Pandemie ausgeht und will niemals das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen schmälern und sie womöglich dadurch verletzen." Sollte das geschehen sein, bitte sie um Verzeihung.

"Gründlich in die Hose gegangen"

Auch die Schauspielerin Meret Becker und ihr Kollege Ken Duken distanzierten sich inzwischen von der Aktion. Kunst müsse Fragen stellen können, sagte Becker auf Instagram. "Aber diese Aktion ist nach hinten losgegangen." Sie werde das Video runternehmen lassen. "Und ich entschuldige mich dafür, dass das falsch verstanden werden konnte."

Duken schrieb auf Instagram, er distanziere sich von rechtem Gedankengut und rechten Ideologien. Die Gefahr, die von der Corona-Pandemie ausgehe, sei ihm mehr als bewusst. Er habe sich auch nicht über die Opfer oder ihre Angehörigen lustig machen wollen. "Ich befürworte sinnvolle Maßnahmen und eine Impfstrategie. Diese Aktion ist gründlich in die Hose gegangen. Ich entschuldige mich für jegliche Missverständnisse."

Bundesregierung: "Aktion zur Kenntnis genommen"

Die Bundesregierung hielt sich mit Bewertungen zurück. "Die Bundesregierung hat diese Aktion zur Kenntnis genommen und unsere Haltung ist bekannt: Wir arbeiten daran, dass Deutschland die Pandemie schnell überwinden kann. Darauf sind unsere Entscheidungen ausgerichtet", sagte eine Regierungssprecherin. Es gelte natürlich auch in diesem Fall die Meinungsfreiheit.

Gesundheitsminister Spahn bietet Gespräch an

Gesundheitsminister Jens Spahn machte den Initiatoren ein Gesprächsangebot. "Dass es Kritik und Fragen gibt an den Maßnahmen und den Hintergründen, das finde ich nicht nur normal, das finde ich in einer freiheitlichen Demokratie wünschenswert", sagte Spahn. Er fände es aber schade, "wenn der Eindruck da wäre, dass es nicht auch kontroverse, abwägende Diskussionen gibt". Dies habe es im Bundestag gegeben. "Es waren ja sehr kontroverse Diskussionen, gesellschaftlich, politisch, in ganz vielen Bereichen." Es sei aber auch nötig, das Vorgehen zu rechtfertigen, zu erläutern und abzuwägen.

ARD: Beteiligte sprechen für sich selbst

Die ARD erklärte, die beteiligten Künstlerinnen und Künstler "sprechen für sich selbst auf ihrer eigenen Plattform. Allen steht das Recht zu, ihre Meinung zu äußern." Viele der an der Aktion Beteiligten sind häufig in ARD-Produktionen zu sehen.

Bühnenverein ruft zu Zuversicht auf

Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, kritisierte die Protestaktion. Sie zeige, wie zunehmend fragil die Lage in der Gesellschaft sei, sagte der SPD-Politiker. "Sie zeigt auch, dass wir uns kümmern müssen und die Widersprüche unserer Zeit aussprechen und diskutieren müssen. Aber bitte konstruktiv und nicht bloß sarkastisch." Das, was sich im Moment falsch anfühle, sei schließlich bei aller Kritik im Detail im Kern richtig und notwendig. "Es ist wichtig, dass wir diese Widersprüche aushalten.

Brosda wies darauf hin, "dass die Kultur gerade überproportional getroffen ist. Ironie und Sarkasmus aber lösen diese aktuellen Widersprüche in die falsche Richtung auf und drohen zynisch zu wirken. Bei allem Frust kann Zynismus nicht die richtige Haltung sein." Brosda warb für "dialektische Zuversicht": "Jetzt klar und wirklich konsequent gegen die Ausbreitung des Virus handeln, damit eine klare Perspektive für den Neustart der Kultur entsteht. So muss das gehen."

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, sagte, er sei "nicht sehr glücklich" mit der Aktion. Sie bringe eine Diskussion, die in die falsche Richtung führe. Im tagesschau24-Interview kritisierte er zudem, dass die Kritik ausgerechnet von Schauspielerinnen und Schauspielern komme, denen es noch verhältnismäßig gut gehe, weil sie Engagements haben.

Zudem habe er den Eindruck, dass die Videos nicht eine künstlerische Vielfalt widerspiegelten, sondern in dieselbe Richtung gingen - "als hätte es ein Drehbuch gegeben". Es sei wichtig, dass in Deutschland jeder frei seine Meinung äußern dürfe. "Das bedeutet aber nicht, dass jede Äußerung auch intelligent ist."

Schauspieler ohne Einkommen

Der Bundesverband Schauspiel teilte in einer Stellungnahme mit: "Wir leben zum Glück in einer Demokratie und müssen um den besten Weg aus dieser weltweiten Pandemie ringen und streiten." In diesen demokratischen Prozess werde sich der Verband mit seinen Tausenden Mitgliedern zusammen mit anderen Gewerkschaften konstruktiv und leidenschaftlich einbringen. Weiter heißt es: "Unsere Kinder leiden, unsere Angehörigen und Nachbarn leiden. In unserem Umfeld erkranken Menschen, manche sterben." Sie hätten wie viele andere im Land Existenzängste. "Wir haben Angst, selbst schwer zu erkranken, andere zu infizieren."

Hinzu komme die Angst, Jobs zu verlieren, die Angst, nicht mehr besetzt zu werden, nie mehr vor Publikum spielen zu dürfen, Altersvorsorge, Lebensgrundlage und Hoffnung zu verlieren. Zwei Drittel bis drei Viertel der Betroffenen lebe von Gastverpflichtungen an Theatern, die aktuell nicht oder kaum arbeiten könnten. Nach Angaben des Bundesverbandes haben viele der etwa 15.000 bis 20.000 professionellen Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland seit März 2020 kaum oder kein Einkommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. April 2021 um 10:08 Uhr.

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KOMMENTARE

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schabernack 23.04.2021 • 13:41 Uhr

11:22 von Olivia59

«Hier wird doch nicht die Sache diskutiert sondern der Vorwurf geäussert, dass die Promis entweder die Klappe hätten halten sollen (gegen Meinungsfreiheit) oder sich sonst gefallen lassen müssen, mit Querdenkern und AfD gleichgesetzt zu werden (übelster Stil).» Die bekannten Schauspieler, die sonst Texte aus Drehbüchern aufsagen, hätten sich mal besser vorher gefragt, was sie denn mit ihrer "Satire" überhaupt aussagen wollten. Sie sollten sich das gleiche fragen, bevor Sie hier mit; "… Klappe hätten halten sollen …" aufschlagen. Ironie und Satire sind was schwieriger, als von anderen Geschriebenes aufzusagen. Nicht die Aufsager bestimmen, was das ist, sondern die Zuhörer. Meinung sagen geht immer. Meinung als plemmplemm kritisieren aber ganz genau so. Jämmerliche Aktion … und kaum gesagt, Zurückrudern in der großen Flotte. So war das doch gar nicht gemeint. Wie war es denn gemeint? Sehr einfach zu beantwortende Frage: planlos und plemmplemm. Bekannt-Sein hat auch Verantwortung.