Eine Frau mit einem Blindenstock | Bildquelle: picture alliance/dpa

Blinde und Gehörlose in Corona-Krise Wenn stört, was schützen soll

Stand: 16.05.2020 03:50 Uhr

Blinde und Gehörlose haben in der Corona-Krise spezielle Probleme: Blinde sehen nicht, wie weit ein Mensch entfernt steht. Gehörlose können wegen des Mundschutzes nicht von den Lippen ablesen.

Von Ayke Süthoff, Patricia Klieme und Sven Knobloch, MDR

Zügigen Schrittes geht Thomas Kahlisch durch die Leipziger Innenstadt. Es sind seine täglichen Wege, hier kennt er sich aus. Dass er blind ist, schränkt den Informatiker kaum ein - normalerweise. Doch in Corona-Zeiten ist das anders.

Kahlisch stößt mit dem Blindenstock gegen ein Hinweisschild vor einer Bäckerei. Es steht auf dem Bürgersteig im Weg, und das ist ein Problem, aber noch nicht mal sein größtes. Sein größtes Problem ist, dass Kahlisch nicht weiß, was auf dem Schild steht. Er kann es sich denken: Maskenpflicht, immer nur ein Kunde soll im Geschäft sein, bitte draußen warten, mindestens 1,50 Meter Abstand.

Aber für den Informatik-Professor und Direktor der deutschen Zentralbücherei für Blinde ist das ein reines Ratespiel.: "Wenn man als Blinder oder als sehbehinderter Mensch sein gewohntes Leben lebt, trifft man ja inzwischen auf viele Absperrungen oder Warnschilder, die auf bestimmte Situationen aufmerksam machen sollen", erzählt Kahlisch. "Ich stoße natürlich mit meinem weißen Stock dagegen, das behindert mich."

Thomas Kahlisch | Bildquelle: Redaktion MDR Aktuell Online
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Thomas Kahlisch stößt in der Corona-Krise auf noch mehr Hindernisse als in normalen Zeiten.

Mindestabstand nicht immer einzuhalten

Auch Absperrungen aus Plexiglas, die in Geschäften bestimmte Bereiche trennen, seien ein Problem, da Sehbehinderte diese nicht als Barriere erkennen können und dagegen stießen.

Und auch der Sicherheitsabstand sei für Blinde und Sehbehinderte nicht immer einzuhalten, erklärt Kahlisch: "Es hilft mir jemand über die Straße. Dann fasse ich ihn an seinem Ellbogen an und laufe mit ihm gemeinsam über die Straße. Dabei berühre ich ihn aber, und es kann ja auch der Ellbogen sein, in den er gerade geniest hat."

Kahlisch beschreibt ganz selbstverständliche und alltägliche Probleme, über die die meisten Menschen noch nie nachgedacht haben dürften. Minderheiten rücken in der Corona-Krise aus dem Blickfeld. Während sich die breite Masse gegen eine neuartige Bedrohung wappnet, während die Sorgen um die Gesundheit, den Arbeitsplatz oder die Versorgung der Kinder allgegenwärtig sind, bleiben kaum Ressourcen für Integration. Dabei ist eine Grundidee der Demokratie, sich um die Schwachen zu kümmern.

Gehörlose: Lippenlesen kaum noch möglich

Auch Gehörlose stehen in der Corona-Krise vor ungeahnten Herausforderungen. Insbesondere die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Maske in Geschäften oder dem öffentlichen Personennahverkehr ist für sie ein Problem.

Der Mundschutz habe viele Nachteile für Hörgeschädigte, erklärt Anja Kuhnert vom Leipziger Stadtverband der Hörgeschädigten, vor allem in der Kommunikation mit Menschen, die keine Gebärdensprache beherrschten, wie etwa Verkäufer im Supermarkt.

"Es wäre für Gehörlose natürlich schön, wenn auch die Menschen, die im Verkauf tätig sind, Visiere tragen würden", sagt Kuhnert mit Hilfe einer Gebärdendolmetscherin. "Oder wenn diese Schutzwände aus Plexiglas aufgebaut sind, wo dann eben kein Mundschutz getragen werden muss. Dann können wir das Mundbild sehen, und dann gibt es eigentlich kein Problem mehr."

Visiere statt Mund-Nasen-Masken

In der Leipziger Beratungsstelle für Hörgeschädigte befassen sich die Mitarbeiter ganz konkret mit der Frage, wie Gehörlose etwas von den Lippen ablesen können, wenn diese von einer Maske bedeckt sind.

"Man muss eine andere Möglichkeit finden als die Maske", sagt Kuhnert, "zum Beispiel ein Visier, das transparent ist, bei dem man das Gesicht sieht, bei dem man sich ein bisschen näher kommen kann, ohne sich einer erhöhten Infektionsgefahr auszusetzen."

Geschäftsführerin Bettina Weiss mit Gesichtsschutz bei SWO Formenbau in Oberau. | Bildquelle: PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/Shutter
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Ein transparentes Visier hilft den Gehörlosen, die Lippen zu lesen.

Zumindest für die Hörgeschädigten-Berater selbst gibt es inzwischen solche Visiere - allerdings von einem privaten Sponsor, nicht vom Gesundheitsamt. Die vielbeschworene Inklusion, so die Berater, stelle gerade in diesen Zeiten eine besondere Herausforderung dar.

Das beschreibt auch Thomas Kahlisch: "Wir vermissen Partizipation, dass wir gefragt und einbezogen werden in den Prozess. Wenn es Pressekonferenzen gibt, die vom Bund organisiert werden, und dort keine Gebärdensprache angeboten wird, dann ist das eine Zumutung für gehörlose Menschen. Und genau so ist es auch für sehbehinderte und blinde Menschen, die Unterstützung brauchen, und die mitbedacht werden müssen bei den Maßnahmen."

Masse erkennt Probleme kaum

In Deutschland gibt es etwa 150.000 Blinde und 500.000 sehbehinderte Menschen, dazu kommen etwa 80.000 Gehörlose. Schon im normalen Alltag fällt vielen Menschen der Umgang mit Blinden, Sehbehinderten und Gehörlosen schwer, die Corona-Krise aber verschärft es noch.

Wenn Blinde ihre Mitmenschen versehentlich berührten, könnten diese in Zeiten von Mindestabstand schon mal unwirsch werden, weiß Kahlisch. "Es ist schon so, dass die Menschen in der gegenwärtigen Situation eine gewisse Angst haben, aber auch eine Unsicherheit da ist", sagt Kahlisch. "Hier muss man sich mit Geduld und mit Freundlichkeit begegnen. Das geht natürlich unter Maske nicht immer, mal ein Lächeln zu zeigen oder, wenn man jemanden berührt, sich zu entschuldigen. Dieser persönliche Kontakt ist durch einen blinden Menschen vielleicht gar nicht gewollt, sondern kommt versehentlich zustande."

Damit die Kommunikation und das Zusammenleben trotzdem klappen, kommt es also auf Dinge an, die im Alltag auch ohne das Coronavirus gepflegt werden sollten: Höflichkeit, Rücksichtnahme und Verständnis für den jeweils anderen.

Über dieses Thema berichtete MDR Sachsen im Hörfunk am 22. April 2020 um 17:20 Uhr und das Regionalmagazin „buten un binnen“ am 03. Mai 2020 um 19:30 Uhr.

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