Eine Seniorin wird geimpft. | dpa
FAQ

Corona-Pandemie Für wen die vierte Impfung sinnvoll ist

Stand: 07.04.2022 16:19 Uhr

Die STIKO empfiehlt die vierte Impfung ab 70 Jahren - Gesundheitsminister Lauterbach hätte sie am liebsten schon ab 60. Wer sollte sich ein viertes Mal impfen lassen? Und wie sinnvoll ist es, auf einen Omikron-Impfstoff zu warten?

Von Lisa Schmierer, SWR

Welche Empfehlung gilt derzeit?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt derzeit eine vierte Corona-Schutzimpfung für Menschen ab 70, für Menschen mit Immunschwächen ab fünf Jahren und für alle, die in einem Alten- oder Pflegeheim wohnen oder betreut werden. Zwischen dritter und vierter Impfung sollten der STIKO zufolge mindestens drei Monate vergehen. Ziel der zweiten Booster-Impfung sei, besonders gefährdete Personen vor schweren Verläufen zu schützen und das Sterberisiko zu senken.  

In seiner Begründung verweist das Robert Koch-Institut (RKI), an dem die STIKO angesiedelt ist, auf Studien aus Großbritannien und den USA. Diese kommen zu dem Schluss: Je länger die erste Booster-Impfung zurückliegt, desto geringer ist der Impfschutz vor einer symptomatischen Infektion mit der Omikron-Variante. 

Zusätzlich gilt die Empfehlung auch für Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen und der Pflege. Sie sollten allerdings mindestens sechs Monate zwischen den beiden Auffrischungsimpfungen warten. Für diese Personengruppe nennt das RKI vor allem zwei Gründe: Zum einen soll so vermieden werden, dass es zu Versorgungsengpässen kommt, weil zu viel Personal infiziert, in Quarantäne oder Isolation ist.

Zum anderen sollen durch diese zweite Booster-Impfung Risikopatienten in den entsprechenden Einrichtungen besser geschützt werden. Carsten Watzl, Professor für Immunologie und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, sieht die Empfehlung für Pflegekräfte allerdings kritisch. Auch nach einer vierten Impfung sei der Fremdschutz sehr gering, begründet Watzl seine Entscheidung.

Zusätzlich zu den bestehenden Empfehlungen der STIKO prüft die EU-Kommission derzeit einen Vorschlag von Gesundheitsminister Karl Lauterbach - er hatte eine EU-weite Empfehlung für die vierte Impfung für alle ab 60 Jahren gefordert.

Eine Ausnahme gilt für alle Gruppen: Wer nach der dritten Impfung bereits an Corona erkrankt war, dem empfiehlt die STIKO keine zusätzliche vierte Impfung.  

Welche Wirkung hatte die Empfehlung bisher? 

Noch ist die Nachfrage nach einer vierten Impfung gering. Weniger als zehn Prozent der über 70-Jährigen und Risikopatienten seien bereits vier Mal geimpft, teilte Gesundheitsminister Karl Lauterbach bei der Bundespressekonferenz Ende März mit.

Laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) wurden bislang mehr als zwei Millionen Viertimpfungen in Arztpraxen durchgeführt (Stand 05.04.22). Wie viele Viertimpfungen darüber hinaus etwa in Impfzentren oder durch mobilen Impfteams verabreicht wurden, darüber veröffentlicht das RKI derzeit keine Daten. 

Was spricht für eine zweite Booster-Impfung ab 60? Was dagegen?  

Bei seiner Forderung nach einer europaweiten Empfehlung einer Viertimpfung für alle ab 60 stützt sich Lauterbach auf die Ergebnisse einer israelischen Studie.

Diese Studie ist bislang noch nicht veröffentlicht. Die Forschenden haben darin Daten von mehr als 560.000 Menschen ab 60 Jahren analysiert. Ihr Ergebnis: Das Risiko, an Corona zu sterben, war für vierfach Geimpfte 3,5-mal geringer als für dreifach Geimpfte. 

Allerdings ist auch für dreifach Geimpfte das Sterberisiko bereits sehr gering. Zum Vergleich: Nach dreifacher Impfung sterben laut Studie etwa zehn von 10.000 trotz Impfung an Corona. Bei Vierfachgeimpften liegt die Sterberate bei etwa drei von 10.000 Menschen. Ein Kritikpunkt an der Studie ist der kurze Beobachtungszeitraum von gerade einmal 40 Tagen.

Eine andere Studie des israelischen Gesundheitsministeriums kommt allerdings zu einem ähnlichen Schluss: Wer sich vier Monate nach der dritten Impfung ein viertes Mal impfen lässt, kann den Schutz vor einer Infektion in etwa wieder verdoppeln.

Dieser Schutz hält allerdings einer weiteren Studie zufolge nur kurz an. Bereits nach vier Wochen gehe er wieder zurück, nach acht Wochen war in der Studie kein signifikanter Unterschied mehr beim Infektionsschutz erkennbar zwischen drei- und vierfach Geimpften. Der Schutz vor einem schweren Verlauf ging hingegen in dem Beobachtungszeitraum von sechs Wochen nicht zurück. Da dieser aber auch bei dreifach Geimpften sehr hoch sei, sieht Immunologe Watzl keine Notwendigkeit einer vierten Impfung für Immungesunde.  

Watzl hält auch deshalb eine Empfehlung ab 70 für ausreichend. Wer gesund ist, solle lieber auf die angepassten Impfstoffe warten: "Immungesunde Menschen - das kann auch ein 60-Jähriger sein, der immungesund und fit ist - können mit der Dreifachimpfung auch ein bisschen die Angst vor dem Virus verlieren. Den Respekt sollte man nicht verlieren." Auch von einer absichtlichen Infektion rät Watzl ab.

Schaden würde eine vierte Impfung niemandem: "Es ist nicht so, dass eine vierte oder eine fünfte Impfung einen Erschöpfungszustand im Immunsystem auslösen würde." Mit mindestens drei Monaten Abstand seien auch mehrfache Impfungen für das Immunsystem kein Problem.  

Im Gegensatz zu jüngeren Menschen, brauchen ältere Personen vor allem ab 80 laut einer deutschen Studie allerdings mehr Impfungen, um eine gute Immunantwort aufzubauen. Auch Watzl hält eine vierte Impfung für Menschen ab 70 Jahren und Immungeschwächte für sinnvoll.  

Reicht der Impfstoff? 

Am Impfstoff scheitert es derzeit nicht. Laut ZI steigt die Zahl der ungenutzten Impfdosen seit November 2021 beinahe stetig an - zuletzt waren mehr als 34 Millionen Dosen vorrätig (Stand 06.04.22).

Auch Lauterbach bestätigte, dass es derzeit viel Impfstoff in Europa gebe. Der Gesundheitsminister befürchtet sogar, dass dieser bald abläuft und vernichtet werden muss, auch weil einkommensschwache Länder immer weniger Vakzine aus der EU importieren würden.  

Ist ein angepasster Omikron-Impfstoff noch sinnvoll?  

Theoretisch hätte der Vakzin-Hersteller BioNTech nach eigenen Angaben bereits ab Ende März seinen an Omikron angepassten Impfstoff ausliefern können. Allerdings fordere die europäische Arzneimittelbehörde noch weitere Studiendaten. Diese werden dem Unternehmen zufolge frühestens Ende April vorliegen. Somit kann es durchaus sein, dass eine Zulassung erst nach Mai erfolgt.  

Noch länger wird es wohl beim amerikanischen Hersteller Moderna dauern. Das Unternehmen erwartet, dass sein Omikron-Impfstoff nicht vor August auf den Markt kommt. Für die jetzige Omikron-Welle kommen beide Impfstoffe wohl zu spät. In den meisten Ländern ist der Scheitelpunkt erreicht. Auch in Deutschland geht die Zahl der gemeldeten Infektionen laut Daten des RKI zurück.

Wie sinnvoll ein angepasster Omikron-Impfstoff ist, hängt laut Immunologe Watzl auch davon ab, welche Variante im Herbst vorherrschend sein wird. Helfen könne der angepasste Impfstoff dabei, eine bessere Immunität gegen mehr Varianten aufzubauen.

Wer allerdings bereits geimpft sei und zusätzlich mit Omikron infiziert war, für den sei eine vierte Impfung mit dem angepassten Impfstoff vermutlich nicht nötig. Risikogruppen rät Watzl aber ausdrücklich dazu, die Immunität über eine Impfung und nicht durch eine Infektion zu erlangen, da eine Infektion für diese Personen ein größeres Gesundheitsrisiko darstelle.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 24. März 2022 um 08:06 Uhr.