Triage-Zelt vor einem italienischen Krankenhaus (Archivbild) | AFP

Corona-Epidemie Entscheidung über Leben und Tod

Stand: 27.03.2020 18:15 Uhr

In einer sogenannten Triage-Situation muss bestimmt werden, wem knappe medizinische Ressourcen zukommen. Haben Ärzte das Recht dazu? Die Politik? Angesichts der Corona-Krise hat sich der Ethikrat damit befasst.

Von Christopher Jähnert, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist wohl eine der schwersten Entscheidungen, die Ärzte treffen müssen: Wer darf überleben - und wer nicht? Eine Entscheidung, vor der die Ärzte in Frankreich oder Italien angesichts der hohen Corona-Zahlen immer wieder stehen - weil die Kapazitäten in den Krankenhäusern einfach nicht mehr reichen. Triage wird das Prinzip genannt, nach der mit den begrenzten Ressourcen so viele Menschen gerettet werden sollen wie möglich.

Christopher Jähnert ARD-Hauptstadtstudio

Entscheidungen über Leben und Tod müssen dann sehr schnell getroffen werden. Der Deutsche Ethikrat fordert deshalb: Es dürfen nur medizinische Kriterien zählen. Und wichtig sei auch: Der Staat solle sich in diese Bewertung nicht einmischen, so der Vorsitzende des Ethikrats, Peter Dabrock: "Der Staat gibt Rahmenordnungen - Gleichheit vor dem Gesetz, keine aktive Tötung -, aber wenn Ärztinnen und Ärzte in einer solchen Situation sind, dann müssen sie handeln, auch wenn sie das Gefühl haben, dass sie Schuld auf sich laden."

Peter Dabrock | picture alliance / dpa

Der Ethikrats-Vorsitzende Dabrock will Medizinern keine Vorschriften machen, ihnen aber bei möglichen Triage-Entscheidungsprozessen beistehen. Bild: picture alliance / dpa

Handreichung für Ärzte

Sieben medizinische Fachgesellschaften haben sich deshalb dazu Gedanken gemacht und ein Papier herausgebracht, um den Ärzten bei der Entscheidung zu helfen. Uwe Janssens von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin war daran beteiligt. "Keiner braucht hier Angst zu haben, dass hier in Deutschland Entscheidungen mit dem Daumen rauf und runter gemacht gemacht werden", sagt er. "Wir haben auch nicht das Alter als alleiniges Kriterium gewählt, sondern wir gehen ganz in die Tiefe und schauen, wie die Patienten, die eine Therapie benötigen, begleiterkrankt sind."

Die Gesellschaften gaben Kriterien heraus, wann eine Beatmung möglicherweise aufgegeben werden kann - wenn dafür andere gerettet werden könnten. Darunter: Hat der Patient eine unheilbare, weit fortgeschrittene Krankheit? Ist die Therapie schon aussichtslos? Kann der Sterbeprozess noch aufgehalten werden? Und wird der Patient ohne Intensivstation überhaupt weiterleben können?

Hoffen auf Robustheit des Systems

Wichtig ist: Das sind Handlungsempfehlungen. Und wichtig auch: Deutschland ist nach wie vor nicht in der Situation, in der Ärzte solche Entscheidungen treffen müssen - aber man wolle gewappnet sein, heißt es. Gerade jetzt in der Corona-Krise müsse alles getan werden, dass diese Situation nicht eintritt, fordert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: "Wenn die Pandemie außer Kontrolle gerät - das kann ja passieren, wenn wir zu früh lockern -, dann kann es sein, dass auf einen, den sie beatmen können, drei weitere kommen, die beatmet werden müssen."

Das seien unfassbar schwere Entscheidungen, die in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie getroffen werden mussten, sagt Lauterbach. "Ich weiß aber, dass es in Amerika bei größeren Katastrophen häufiger vorkommt. Ich hoffe, dass uns das erspart bleibt."

Karl Lauterbach | dpa

Der SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach hofft, dass eine Triage-Situation in Deutschland nie eintreten wird. Bild: dpa

Deutschland offenbar gut aufgestellt

Die Zahlen sprechen aktuell für Deutschland. Es gibt 28.000 Intensivbetten - das sind fast 34 pro 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Italien sind es weniger als 13. Und Bund und Länder verständigten sich darauf, so schnell wie möglich die Zahl der Intensivbetten zu verdoppeln.

Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Erwin Rüddel, glaubt deshalb, dass Deutschland gut gerüstet ist: "Deutschland ist insoweit gut vorbereitet, dass wenn das Virus sich stärker verbreitet, die Betten in den Krankenhäusern ausreichend sind. Wenn ich die Zahlen in Deutschland sehe, zeigt das auf jeden Fall auch, dass das Gesundheitssystem besser ist, als viele geglaubt haben."

Am Ende wird es also vor allem auch darauf ankommen, ob die anderen Maßnahmen helfen, die Zahl der Corona-Infizierten einzudämmen - damit die Krankenhäuser eben nicht überlastet werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. März 2020 um 18:00 Uhr.