Das Wort "Impfung" steht auf dem Boden einer Apotheke. | dpa

28 Tote in Thüringer Heim Wer entscheidet über Impfung Betreuter?

Stand: 08.12.2021 07:52 Uhr

In einem Thüringer Pflegeheim sind 28 Bewohner an Corona gestorben. Angehörige sollen von Impfungen abgeraten haben. Patientenschützer Brysch fordert: Der Wille des Patienten müsse geklärt werden - über ein Betreuungsgericht.

Nach dem Tod von 28 größtenteils ungeimpften Bewohnern eines Pflegeheims in Rudolstadt in Thüringen fordert die Deutsche Stiftung Patientenschutz eine Debatte über den Umgang mit Corona-Impfentscheidungen von Menschen, die unter Betreuung stehen. Eigentlich seien in solchen Fällen die behandelnden Ärzte in der Verantwortung, ein Betreuungsgericht anzurufen, um den Willen der Bewohner zu klären, sagte Vorstand Eugen Brysch der Nachrichtenagentur dpa. Das sei grundsätzlich nötig, wenn sich die Meinung von Arzt und Bevollmächtigten in Betreuungsfragen unterschieden. "Alles andere ist fahrlässig."

Angehörige sollen von Impfung abgeraten haben

Der Landkreis in Rudolstadt hatte berichtet, dass Angehörige der Bewohner teils von einer Corona-Impfung abgeraten hatten. Rund ein Drittel der mehr als 140 Bewohner war demnach nicht geimpft. Nach Angaben des Heimbetreibers hatten alle 28 Gestorbenen einen Bevollmächtigten oder Betreuer. 22 von ihnen seien nicht vollständig geimpft gewesen. "Das ist die schwärzeste Zahl, die wir 2021 haben", sagte Brysch.

Der Fall hatte am Wochenende bundesweit für Reaktionen gesorgt. Der designierte Gesundheitsminister Karl Lauterbach hatte entsetzt reagiert und von "völliger Unvernunft" gesprochen. Nach Angaben des Thüringer Gesundheitsministeriums hatte es ausreichend Impfangebote in dem Heim gegeben.

Keine Anträge beim Betreuungsgericht

In anderen Fällen sei es gelebte Praxis, dass in Betreuungsfragen, in denen sich die Meinungen von Ärzten und Vormunden unterscheiden, ein Gericht angerufen werde, das binnen 24 Stunden entscheiden könne, so Brysch. Nach Angaben des zuständigen Betreuungsgerichts in Rudolstadt waren weder von Bewohnern, Ärzten oder der Heimleitung selbst entsprechende Anträge eingegangen. Grundsätzlich sei das aber auch bei Impffragen möglich, erläuterte ein Sprecher. Der Heimbetreiber teilte mit, dass es aus seiner Sicht keine Anhaltspunkte für eine nicht ordnungsgemäße Wahrnehmung der Betreuung gegeben habe. Warum eine Impfung abgelehnt werde, sei in der Regel nicht nachprüfbar.

900.000 Pflegeheimbewohner

Brysch meint, Fälle wie in Rudolstadt werde es in Zukunft häufiger geben. Er vermute, dass das auch schon in anderen Heimen vorgekommen sei. Es müsse daher schnell und allgemein geklärt werden, wie damit umzugehen sei. Damit könne man nicht warten, bis eine allgemeine Impfpflicht eingeführt ist. "Wir sind mitten in einer Pandemie und haben heute 900.000 Pflegeheimbewohner, bei denen geklärt werden muss, wer Verantwortung trägt." Ein Nein des Betreuers oder Bevollmächtigten reiche nicht aus, es müsse der Willen des Patienten geklärt werden.

Die im Bund geplante Impfpflicht für Personal in Pflegeheimen betrachtet die FDP-Gruppe im Thüringer Landtag indes kritisch. "Wir riskieren dadurch, dass sich die besonders gefährdeten Menschen in falscher Sicherheit wiegen", erklärte der Sprecher Thomas Kemmerich. Derzeit seien 83 Prozent der über 60-Jährigen in Thüringen geimpft. Dort gelte es anzusetzen. "Die Devise muss lauten: Impft die Richtigen! Das sind zuallererst die gefährdeten Menschen selbst."

Über dieses Thema berichtete MDR Thüringen am 08. Dezember 2021 um 13:00 Uhr.