Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Telefon | picture alliance / Geisler-Fotop

Steigende Corona-Zahlen Hausärzte für Krankschreibung per Telefon

Stand: 12.07.2022 10:27 Uhr

Die Corona-Sommerwelle rollt über Deutschland, die Infektionzahlen steigen. Viele Menschen sind derzeit zudem erkältet. Trotzdem gibt es die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung nicht mehr. Hausärzte fordern ein Umdenken.

Deutschlands Hausärztinnen und Hausärzte haben eine Rückkehr zur Möglichkeit telefonischer Krankschreibungen gefordert. Angesichts zahlreicher Fälle von Erkältungs- und Corona-Erkrankungen nannte es der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, "ein echtes Ärgernis", dass die Möglichkeit zur telefonischen Feststellung der Arbeitsunfähigkeit (AU) nicht in die Regelversorgung übernommen worden sei. "Die Telefon-AU würde für eine echte Entlastung sorgen", sagte Weigeldt der Nachrichtenagentur dpa.

Seit dem 1. Juni müssen Patientinnen und Patienten für eine Krankschreibung wieder in die Praxis oder in eine Videosprechstunde gehen. Bei leichten Erkrankungen der oberen Atemwege hatte während der Corona-Pandemie bis 31. Mai gegolten, dass dies für sieben Tage auch nach nur telefonischer Rücksprache möglich war.

Weigeldt sagte dazu: "Nicht immer ist eine persönliche Konsultation mit der Hausärztin oder dem Hausarzt zwingend erforderlich, beispielsweise bei einem einfachen grippalen Infekt oder auch bei einem milden Corona-Verlauf."

"Gezwungen, sich krank in die Praxen zu schleppen"

Bei einfachen Infekten oder milden Covid-Erkrankungen würde es sich aus Sicht des Verbandschefs anbieten, wenn die Hausärztinnen und Hausärzte die Betroffenen nach telefonischer Konsultation für einige Tage krank schreiben könnten. Beide Seiten würden sich in der Regel seit Langem kennen, sagte Weigeldt. Missbrauch sei sehr selten. "Stattdessen werden die Patientinnen und Patienten nun wieder gezwungen, sich krank in die Praxen zu schleppen, ohne dass das medizinisch zwingend notwendig ist."

Nach Angaben des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) ist eine Rückkehr zur Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung möglich. Der Ausschuss ist das Gremium mit Vertreterinnen und Vertretern der Ärzteschaft, der Krankenkassen und der Krankenhäuser, das über die Leistungen der gesetzlichen Kassen und Regeln wie bei der Krankschreibung entscheidet.

Sonderregelung kann wieder eingeführt werden

In diesem Gremium sei im Frühjahr 2022 intensiv diskutiert worden, "ob es richtig ist, die bisherigen Sonderregelungen zur telefonischen Krankschreibung Ende Mai 2022 vorerst auslaufen zu lassen", sagte eine Sprecherin der dpa. Alle Träger des G-BA und damit auch die Kassenärztliche Vereinigung als Vertretung der Ärzteschaft seien sich damals einig gewesen, dass solche Sonderregeln wegen des damals ruhigeren Pandemie-Geschehens zurückgenommen werden konnten.

Dies sei im Einklang mit Alltagslockerungen erfolgt, hieß es. "Sollte die Corona-Pandemie erneut stark an Fahrt gewinnen", so die Sprecherin, könne der Gemeinsame Bundesausschuss seine Sonderregelungen "wieder aktivieren". Dies könne in bestimmten Regionen oder bei Bedarf auch bundesweit geschehen. Dafür müsste unter anderem ein Antrag beim Ausschuss gestellt werden. Dieser könnte laut der G-BA-Sprecherin unter anderem von den Trägern des Ausschusses kommen, etwa der Kassenärztlichen Vereinigung.

RKI registriert 154.729 Corona-Neuinfektionen

Derzeit ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) eine starke Zunahme an Corona-Infektionsfällen zu beobachten. Es dominiert die Omikron-Sublinie BA.5. Zudem zeigen Daten und Einschätzungen aus der Ärzte- und Apothekerschaft, dass es für die Jahreszeit ungewöhnlich viele Atemwegsinfekte in Deutschland gibt.

Das RKI gab die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz mit 702,4 an. Am Vortag hatte der Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner binnen einer Woche bei 661,4 gelegen (Vorwoche: 687,7; Vormonat: 333,7). Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI 154.729 Corona-Neuinfektionen (Vorwoche: 147.489) und 165 Todesfälle (Vorwoche: 102).

Unterfassung der Infektionslage vermutet

Allerdings liefern Inzidenz und Tagesdaten kein vollständiges Bild der Infektionslage. Fachleute gehen seit einiger Zeit von einer hohen Zahl nicht vom RKI erfasster Fälle aus - vor allem, weil nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen. Doch nur positive PCR-Tests zählen in der Statistik. Zudem können Nachmeldungen und Übermittlungsprobleme zur Verzerrung einzelner Tageswerte führen. Zudem schwankt die Zahl der registrierten Neuinfektionen und Todesfälle deutlich von Wochentag zu Wochentag.

Seit Beginn der Pandemie zählte das RKI 29.180.489 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.