Bundesgesundheitsminister Jens Spahn blickt in die Kamera und steht vor einem Notausgangsschild. | dpa

Corona-Krise in Deutschland Spahn sieht Feiern als Gefahrenquellen

Stand: 17.08.2020 16:47 Uhr

Gesundheitsminister Spahn warnt davor, das Gefahrenpotenzial von Feierlichkeiten in der Corona-Krise zu unterschätzen. Viele lokale Ausbrüche hingen mit Festen wie Hochzeiten zusammen, sagte er. Aus der Gaststättenbranche kam Widerspruch.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warnt vor dem Hintergrund zeitweise steigender Zahlen bei Corona-Neuinfektionen vor Feierlichkeiten als Gefahrenquelle. Es gebe mehr Ansteckungen durch Reiserückkehrer, es gebe im ganzen Land aber auch lokale Ausbrüche, die meist mit Feiern zusammenhingen, sagte Spahn im ZDF-"heute journal". "Das ist das, was wir im Blick haben müssen über das Reisen hinaus", betonte der CDU-Politiker.

"Feierlichkeiten, Veranstaltungen - dort überträgt es sich sehr, sehr schnell. Deswegen finde ich, müssen wir mit den Ländern nochmal schauen: Was sind die Grenzen, was sind die Regeln für die Größen von Veranstaltungen." Er verstehe ja, dass man eine Hochzeit mit 100, 150 Gästen feiern wolle, sagte Spahn weiter. Er selbst habe lange genug bei Hochzeiten gekellnert.

Absage an erneute Schließungen

"Entweder wir schaffen es, auch aus der Sommerzeit herauskommend die Zahlen unter Kontrolle zu behalten. Oder wir werden zuerst den Blick auf die Art von Veranstaltungen richten müssen, bei denen besonderes Infektionsgeschehen auftritt. Das sind eben die geselligen Veranstaltungen, wo Menschen, meistens auch mit Alkohol verbunden, dann entsprechend zusammenkommen", sagte Spahn.

Auf die Frage nach neuen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sagte Spahn, aus seiner Sicht mache es keinen Sinn, wieder den Einzelhandel zu schließen oder Friseure. Mit Alltagsmasken und Abstand könne man dort weitermachen.

Priorität haben Schule, Kita und Handel

In einer späteren Video-Pressekonferenz forderte Spahn eine Priorisierung gesellschaftlicher Bereiche als Entscheidungsgrundlage für mögliche neue Einschränkungen. Priorität hätten für ihn einerseits Schulen und Kindertagesstätten. Der Regelbetrieb sei wichtig für die Kinder. Zudem sprach er sich dafür aus, Wirtschaft und Einzelhandel geöffnet zu halten, auch weil es dort keine Infektionsherde gebe.

Spahn wiederholte, dass er Möglichkeiten zur Beschränkung bei Feierlichkeiten sehe. Er wolle mit den Ländern darüber reden, welche Form von Veranstaltungen und Feiern stattfinden können. Er wolle nicht der "Spielverderber" sein, sagte der Minister, ergänzte aber, er habe von vielen Seiten gehört, dass sich bei Veranstaltungen mit Alkohol selbst 20 Gäste schnell nicht mehr an die Abstands- und Hygieneregeln hielten.

DEHOGA: Gaststätten für wenige Infektionen verantwortlich

Ingrid Hartges, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA), setzte im ARD-Morgenmagazin entgegen, dass das Infektionsgeschehen, das auf die Branche zurückzuführen ist, sehr niedrig sei. Laut RKI seien es lediglich 2,4 Prozent der Fälle. Hartges ließ dabei außer acht, dass sich die RKI-Zahlen lediglich auf Infektionen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Küchen von Gaststätten sowie der Fleischindustrie beziehen und Ansteckungen unter den Gästen nicht berücksichtigen.

Zahlreiche andere Zusammenkünfte und Feierlichkeiten - etwa Parties auf den Straßen oder in Parks - lägen laut der DEHOGA-Geschäftsführerin nicht im Verantwortungsbereich der Gaststätten. Sie appellierte an die Branche - aber auch die Gäste - rücksichts- und verantwortungsvoll zu handeln. "Nur wenn wir alle konsequent die Schutz- und Hygienemaßnahmen einhalten, werden wir eine zweite Welle mit weitreichenden Konsequenzen für die Wirtschaft verhindern."

Hartges lobte die staatlichen Hilfen für Hotels und Gaststätten, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass die Branche mit am längsten von den Schließungen während des Lockdowns betroffen war. Zusammen mit den strengen Auflagen habe dies dazu beigetragen, dass zahlreiche Betriebe nach wie vor starke Einbußen zu tragen oder gar kaum Perspektiven hätten. Um eine massive Pleitewelle zu verhindern, sei es aus Sicht des Verbands wichtig, weiterhin mit der Politik im Dialog zu bleiben. "Wir müssen uns jetzt schon ganz konkret Gedanken darüber machen, wie wir das Hilfsprogramm bis zum Jahresende - zumindest für die besonders notleidenden Betriebe - ausdehnen", sagte Hartges. Sie forderte zudem eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes sowie eine Änderung des Miet- und Pachtrechts, um den Betrieben unter die Arme zu greifen.

561 Neuinfektionen

Für Sonntag meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland nach RKI-Angaben 561 neue Corona-Infektionen sowie einen weiteren Todesfall. Am Freitag und Samstag hatte das RKI jeweils noch mehr als 1400 Neuinfektionen binnen 24 Stunden gemeldet. Allerdings sind die Zahlen sonntags und montags oft niedriger, weil am Wochenende nicht alle Gesundheitsämter Daten an das RKI übermitteln.

Seit Beginn der Corona-Krise haben sich mindestens 224.014 Menschen in Deutschland nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert, wie das RKI am im Internet meldete (Datenstand 17.8., 0.00 Uhr). Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion liegt nach RKI-Angaben bei 9232.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. August 2020 um 09:00 Uhr.