Krankenschwester auf Corona-Intensivstation | Bildquelle: dpa

Wissenschaftliche Analyse Corona trifft sozial Benachteiligte härter

Stand: 15.06.2020 13:00 Uhr

Sozial benachteiligte Menschen haben ein deutlich höheres Risiko, wegen Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Das zeigt eine Analyse der Uniklinik Düsseldorf und der Krankenkasse AOK, die das ARD-Mittagsmagazin initiiert hat.

Von Stefanie Delfs und Kaveh Kooroshy, ARD-Mittagsmagazin

Oberarzt Cihan Celik ist auf Visite im Klinikum Darmstadt. Mit Mundschutz, Kopfbedeckung, Schutzkittel und Handschuhen hört er die Lunge eines Patienten ab. Das muss er machen. Denn bei der Aufnahme muss jeder Patient auf Corona getestet werden.

Seit einigen Wochen kommen immer weniger Verdachtsfälle ins Klinikum nach Darmstadt. Und die, die kommen, sind vielfach andere Patienten als früher, sagt Celik. Zu Beginn der Pandemie sei die Zusammensetzung der Patienten für eine Lungenstation sehr untypisch gewesen: Studenten, Geschäftsreisende oder Urlaubsrückkehrer.

Doch das habe sich verändert. Die Patienten kommen zunehmend aus einkommensschwachen Verhältnissen. Schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, wenig Platz zum Wohnen. All das erhöhe das Infektionsrisiko, sagt Celik.

Daten von knapp 1,3 Millionen Versicherten untersucht

Eine gemeinsame Analyse des Instituts für Medizinische Soziologie des Universitätsklinikums Düsseldorf und der AOK Rheinland/Hamburg belegt nun: Bei sozial benachteiligten Menschen ist das Risiko, aufgrund von Covid-19 ins Krankenhaus zu kommen, deutlich erhöht. Demnach liegt das Risiko für ALG-II-Empfänger im Vergleich zu erwerbstätig Versicherten um 84,1 Prozent höher, für ALG-I-Empfänger um 17,5 Prozent.

Für die Analyse haben die Forschenden die Daten von knapp 1,3 Millionen Versicherten daraufhin untersucht, ob Menschen in Arbeitslosigkeit (ALG I und ALG II) häufiger mit einer Corona-Infektion in einem Krankenhaus behandelt werden mussten als erwerbstätige Versicherte (Untersuchungszeitraum 01. Januar bis 04. Juni 2020). Bisher sei der sozio-ökonomische Hintergrund von Corona-Patienten weltweit kaum so detailliert untersucht worden, so das Universitätsklinikum Düsseldorf.

Soziale Ungleichheit - bisher nicht ausreichend beachtet

"Diese explorative Analyse soll der Auftakt für weiterführende Forschung zur sozialen Dimension der Covid-19-Pandemie sein", sagt der verantwortliche Autor der Studie, Nico Dragano vom Institut für Medizinische Soziologie der Uniklinik Düsseldorf. "Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, wäre dies ein weiterer Beleg für ausgeprägte soziale Unterschiede bei Erkrankungen in Deutschland."

Das Bundesgesundheitsministerium wollte die bisher noch unveröffentlichten Untersuchungsergebnisse auf Anfrage des ARD-Mittagsmagazins nicht kommentieren, erklärte aber: "Generell ist es der Bundesregierung ein Anliegen, alle Bürgerinnen und Bürger vor einer Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 zu schützen und zugleich dafür zu sorgen, dass Infizierte bestmöglich behandelt werden können." Zudem habe auch das Robert Koch-Institut den Einfluss des sozialen Status' auf die Gesundheit und Lebenserwartung im Blick.

Forscher Dragano von der Uniklinik Düsseldorf kritisiert dagegen, das erhöhte Risiko sei bisher nicht ausreichend beachtet worden. Um sozial benachteiligte Menschen gezielt vor dem erhöhten Risiko zu schützen, fordert er ein umfassendes Konzept, das neben dem Gesundheitssystem auch die Sozial- und Bildungspolitik mit einschließt.

Belegbare Studien aus Großbritannien und den USA

Für Deutschland hatte es bisher keine belastbaren Ergebnisse aus Studien gegeben, die einen Zusammenhang zwischen dem Erkrankungsrisiko sowie dem Verlauf der Erkrankung und sozio-ökonomischen Faktoren belegen könnten.

Im Ausland ist das Problem schon länger bekannt. Untersuchungen aus Großbritannien und den USA belegen, dass Menschen mit geringer Bildung und niedrigem Einkommen ein höheres Risiko haben, an Covid-19 zu sterben. So liegt zum Beispiel in Großbritannien die Todesrate pro 100.000 Einwohner bei Männern in ärmeren Vierteln bei 76,7 Toten. Das ist mehr als doppelt so hoch wie in besser gestellten Vierteln (35,9 Tote).

Zusammenhang zwischen Infektionsgefahr und sozialem Status

Für Celik besteht auch ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Infektionsgefahr und sozialem Status: "Angefangen bei der Art der Arbeit, die man macht, ob man stärker exponiert ist, ob man etwa kein Homeoffice machen konnte, sondern weiter an der Supermarktkasse oder im öffentlichen Nahverkehr arbeiten musste. Das betrifft natürlich eher niedrig bezahlte Jobs stärker", sagt der Oberarzt.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Mittagsmagazin am 15. Juni 2020 um 13:12 Uhr.

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