Kinder sitzen während des Unterrichts in einer Grundschulklasse mit Plexiglas-Trennscheiben an ihren Tischen. | dpa

Kinderschutzbund warnt "Kinder werden erneut Corona-Verlierer sein"

Stand: 22.06.2021 07:34 Uhr

Derzeit sind die Zahlen niedrig, doch im Herbst könnte die Lage wegen der Delta-Variante erneut kippen. Auf diese Möglichkeit seien Schulen immer noch nicht gut vorbereitet, so der Kinderschutzbund, der von einem "Trauerspiel" spricht.

Angesichts der sich ausbreitenden Delta-Variante des Coronavirus auch in Deutschland befürchten Kinderschützer erneute Einschränkungen für Kinder und Jugendliche und eine stärkere Benachteiligung dieser Bevölkerungsgruppe. Der Kinderschutzbund mahnte in diesem Zusammenhang zu mehr Vorbeugung und besserem Schutz an Schulen. Auch in dieser Phase der Pandemie werde dafür politisch wieder nicht genug unternommen - etwa durch bessere Digitalausstattung oder den rechtzeitigen Einbau von Lüftungen, sagte Verbandspräsident Heinz Hilgers dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "Das ist ein einziges Trauerspiel", bilanzierte er. "Ich fürchte, die Kinder werden erneut die Verlierer der Pandemie sein."

Hilgers nannte es insgesamt bedenklich, wie viele Freiheiten jetzt schon wieder gewährt werden. "Da werden Feste mit 1000 Menschen gefeiert, die Fußball-Stadien werden immer voller. Mein Rat wäre deshalb, es mit den Freiheiten nicht zu übertreiben, um im Herbst nicht in eine neue Krise hineinzurutschen."

Auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte, die Schulen müssten endlich krisenfest gemacht werden. Die Vorsitzende Maike Finnern sagte dem RND, das beinhalte Investitionen in Gebäude, Infrastruktur, mehr Personal und Luftfiltergeräte in Klassenräumen. Auch die Lehrkräfte wünschten sich in erster Linie Präsenzunterricht für alle. Sie betonte aber zugleich: "Der Schutz der Gesundheit aller hat auch in der Schule Vorrang." Konkret befand sie: "Auch nach den Ferien werden Hygienekonzepte wie eine Teststrategie und Masken eine wichtige Rolle spielen, um eine Ausbreitung der Delta-Variante zu unterbinden."

Virologe: Delta-Variante als Gefahr für Herdenimmunität

Die zunächst in Indien nachgewiesene Delta-Variante verbreitet sich inzwischen in vielen Ländern schnell. Als gesichert gilt, dass sie deutlich ansteckender ist als alle anderen bekannten Varianten. Das könnte nach Ansicht von Experten das Erreichen von Herdenimmunität weiter erschweren. "Anhand der bisherigen, noch unsicheren Daten bräuchte man wohl rund 85 Prozent immune Menschen in der Bevölkerung, um die Ungeimpften indirekt mit zu schützen", sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, der Nachrichtenagentur dpa.

"Wir kommen also in Bereiche, die schwer zu erreichen sind, solange es für Kinder unter zwölf Jahren keinen zugelassenen Impfstoff und für alle unter 18 Jahren keine allgemeine Impfempfehlung gibt. Es kann sein, dass Herdenimmunität nur für einzelne Einrichtungen wie Pflegeheime erreicht werden kann, aber nicht für das Gros der Bevölkerung", sagte Watzl. Mangels Impfmöglichkeiten gelte auch für jüngere Schüler, dass bei ihnen zunächst keinerlei Gemeinschaftsschutz besteht.

Spahn: Voraussichtlich weiter Corona-Maßnahmen an Schulen

Vor diesem Hintergrund hatte Gesundheitsminister Jens Spahn in der ARD-Sendung Bericht aus Berlin am Wochenende gesagt, dass im Herbst und Winter voraussichtlich nach wie vor Maßnahmen wie Maskenpflicht oder auch Wechselunterricht notwendig sein würden.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sagte der "Welt", natürlich gebiete das Pandemiegeschehen weiter große Vorsicht. "Deshalb ist es aber der Job der Bundesregierung, das Land auf diese Entwicklungen vorzubereiten." Für Kinder aus einkommensschwachen Familien forderte sie zusätzliche Unterstützung mit Sprachförderung, Sport- und Erlebnisangeboten sowie besserer Beratung und Einzelfallhilfe für die Schüler. Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Thomas Sattelberger, sagte, vor allem Kinder aus armen Familien müssten es jetzt ausbaden, dass die Verantwortlichen die Digitalisierung der Schulen haben schleifen lassen.

Leopoldina plädiert für Präsenzunterricht an Schulen

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hatte kürzlich eine Reihe von Empfehlungen dazu abgegeben, wie Pandemie-Folgen bei Kindern und Jugendlichen zeitnah bewältigt werden können. So wird etwa geraten, die Schulen und Kindergärten in der Pandemie offen zu halten und so Präsenzunterricht für alle Schüler zu ermöglichen. Dies sei die effektivste Art des Lernens, heißt es in der Stellungnahme.

Über dieses Thema berichtete die "Bericht aus Berlin" am 20. Juni 2021 um 18:05 Uhr.