Schüler in Kiel mit Maske | Bildquelle: dpa

Corona an Schulen Masken, Distanz und Luftfilter

Stand: 09.11.2020 15:38 Uhr

Die Sorgen über die steigenden Infektionszahlen von Schülern und Lehrern nehmen zu. Welche Maßnahmen könnten die Situation an den Schulen langfristig verbessern?

Von Andrej Reisin, NDR

Durch die insgesamt gestiegenen Infektionszahlen sind auch immer mehr Schülerinnen und Schüler mit dem Coronavirus infiziert und befinden sich - teilweise mit ihren Klassen - in Quarantäne. Noch halten die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Bundesländer daran fest, die Schulen so lange wie möglich offen zu halten. Doch die Sorgen von Schülern, Eltern und Lehrern wachsen, viele fragen sich, welche Gesundheitsrisiken mit dem Schulbesuch einhergehen - und ob das von der Politik hoch gehaltene Recht auf Bildung unter diesen Umständen überhaupt gewährleistet werden kann.

Bayern mit Neureglung nach den Herbstferien

In Bayern, wo die Schulen am Montag nach den Herbstferien wieder öffnen, gilt der Stufenplan, der sich an den Indzidenzwerten orientierte, praktisch nicht mehr. Eigentlich sollten nach RKI-Empfehlungen ab einem Sieben-Tage-Wert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner die Klassen geteilt werden. Diese RKI-Empfehlungen wurden aber nirgendwo flächendeckend umgesetzt. Entscheidend soll nun nur noch sein, ob es an einer Schule ein Infektionsgeschehen gibt oder nicht.

Maskenpflicht im Unterricht soll aber nun für alle Schüler gelten. Wird in einer Klasse ein positiver Fall nachgewiesen wird, muss die gesamte Klasse 14 Tage in Quarantäne, alle Schüler sollen dann getestet werden.

Niedersachsen erwägt flächendeckende Klassenteilung

Der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) ist mittlerweile als erster von der Strategie des reinen Präsenzunterrichts abgewichen und sprach gegenüber der "Neuen Osnabrücker Zeitung" davon, sich ein Wechselmodell mit geteilten Klassen vorstellen zu können, falls die Infektionszahlen weiter steigen. Wie der NDR berichtet, haben 400 von etwa 3000 Schulen in Niedersachsen Corona-Fälle, rund 130 befinden sich bereits im Wechselunterricht mit halben Klassen.

Der Virologe Christian Drosten empfahl im NDR-Podcast Kompromisse zu suchen. Es sei klar, dass die Schulen möglichst weiter betrieben werden müssten. Gleichzeitig sei "auch klar, dass die Infektionsgefahr in Schulen genauso ist wie die Infektionsgefahr in jeder anderen vergleichbaren Sozialsituation". Das Maskentragen sei deshalb genauso wichtig wie das Teilen von Gruppen, wo dies möglich sei. Dazu gehöre auch eine Raumteilung, bei der eine Klasse zwar von einem Lehrer unterrichtet wird - aber mithilfe einer Videoübertragung in zwei Räumen sitze.

Lauterbach: Situation "absolut unbefriedigend"

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte im Gespräch mit tagesschau.de, man wisse angesichts der enorm gestiegenen Infektionszahlen "schlicht zu wenig darüber, wo sich Menschen anstecken. Deswegen kann man auch nicht pauschal sagen, die Schulen seien sicher", so Lauterbach. Er kritisierte zudem einen völlig uneinheitlichen Umgang mit nachgewiesenen Infektionen: "Mal werden nur einzelne Schüler und vielleicht noch deren Banknachbarn in Quarantäne geschickt, mal eine ganze Klasse, mal werden alle getestet, mal nicht. Das ist eine absolut unbefriedigende Situation."

Lauterbach macht sich dafür stark, Klassenräume mit Luftfiltergeräten auszustatten, die seinen Berechnungen zufolge um die 2000 Euro pro Gerät kosten. Er bezifferte die Gesamtkosten zur flächendeckenden Ausstattung der Schulen mit den Geräten auf rund eine Milliarde Euro. Das Umweltbundesamt (UBA) hatte in einer Handreichung für die Kultusministerkonferenz dagegen vom flächendeckenden Einsatz der Geräte abgeraten: "Mobile Luftreinigungsgeräte sind nicht als Ersatz, sondern allenfalls als Ergänzung zum aktiven Lüften geeignet und wenn organisatorische Maßnahmen wie zum Beispiel eine Verringerung der Personenanzahl oder größere Abstände nicht realisierbar sind", so das UBA. Außerdem seien eine Reihe von Einschränkungen hinsichtlich der Leistungsdaten und der Gefahren durch unsachgemäßen Betrieb zu beachten.

Aus Sicht von Lauterbach sind diese Argumente in einer Pandemie nicht zielführend: "Die Handreichung ignoriert, dass das empfohlene Querlüften, sowie die Abstände in der Realität vielfach nicht eingehalten werden können. Viele Klassenräume sind so eng bestuhlt, dass Kinder aufstehen müssen, um andere durchzulassen, wenn diese an die Tafel gehen wollen. Fenster lassen sich gar nicht oder nur in Kippstellung öffnen, der Luftaustausch ist in so einer Situation überhaupt nicht ausreichend."

Max-Planck-Institut entwickelt neue Entlüftungsanlage

Eine weitere und möglicherweise deutlich günstigere Lösung für den Luftaustausch hat das Max-Planck-Institut für Chemie (MPI C) in Mainz entwickelt. Ein Forscherteam konstruierte eine Lüftungsanlage, die auf Baumarkt-Materialien beruht und sich leicht nachbauen lassen soll. Zusammen mit einer Mainzer Gesamtschule wurde die Anlage bereits unter Realbedingungen getestet und die Ergebnisse wurden gemessen.

Demnach entfernt die Anlage 90 Prozent der Aerosolpartikel aus den Klassenzimmern, indem sie sich das denkbar einfache Prinzip einer Dunstabzugshaube zunutze macht: Die ausgeatmete Luft ist wärmer als die Umgebung und steigt nach oben. Über jedem Schüler-Tisch wird daher in Deckenhöhe ein Schirm angebracht, der mit einem Rohr verbunden. Die Rohre führen schließlich über in ein zentrales Rohr und ein dauerhaft gekipptes Fenster nach draußen. Ein simpler Ventilator am Ende des Rohres reicht aus, um den benötigten Luftstrom zu erzeugen.

Protoyp einer Raumluft-Abzugsanlage für Schulen des Max-Planck-Instituts für Chemie. | Bildquelle: Andrea Koppenborg / MPI C
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Protoyp einer Raumluft-Abzugsanlage für Schulen des Max-Planck-Instituts für Chemie.

Eine Sprecherin des MPI C sagte im Gespräch mit tagesschau.de, dass man noch in dieser Woche hoffe, die Baupläne zum Download auf der Webseite anbieten zu können. Die geringen Material- und Betriebskosten böten fast allen Schulen die Möglichkeit zum Nachbau, man werde "von Anfragen aus ganz Deutschland überrannt".

Auch das rheinland-pfälzische Bildungsministerium hat bereits Interesse bekundet - und will den Einsatz der Konstruktion testen. In der Mainzer Gesamtschule hat der Einbau in weiteren Klassenräumen bereits begonnen. Schulleiter Roland Wollowski will "in den kommenden Wochen möglichst viele Unterrichtsräume" mit der Anlage ausstatten.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Monitor" am 22. Oktober 2020 um 22:05 Uhr.

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