Schüler betreten eine Schule mit Hinweisschild auf die Corona-Regeln an der Tür. | Bildquelle: dpa

Corona an Schulen "Kein Grund für Panik"

Stand: 11.11.2020 17:10 Uhr

Die Kultusministerien der Länder sehen trotz der steigenden Corona-Fallzahlen an Schulen "keinen Grund für Panik". Von flächendeckenden Schulschließungen halten sie nichts. Der Lehrerverband hatte Alarm geschlagen.

Während des ersten Lockdowns im Frühjahr waren die Schulen und Kindergärten flächendeckend wochenlang geschlossen - mit erheblichen wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgen für Eltern und Kinder. Auch aus dieser Erfahrung heraus beschlossen Bund und Länder, während des jetzigen "November-Lockdowns" Schulen und Kitas "so lange wie möglich" offen zu lassen, trotz des Infektionsrisikos. Dies sei eine politische und gesellschaftliche Priorisierung.

Eine falsche Entscheidung? Der Deutsche Lehrerverband schlug heute Alarm: Inzwischen seien mehr als 300.000 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne, so Verbandschef Heinz-Peter Meidinger. Zusätzlich seien aktuell etwa 30.000 Lehrerinnen und Lehrer von Quarantäne-Maßnahmen betroffen. Der Politik warf Meidinger Untätigkeit vor.

Widerspruch kam aus den Kultusministerien der Länder. Es sei richtig, Präsenz-Unterricht solange wie möglich beizubehalten, sagte die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig. Der Lockdown im Frühjahr habe gezeigt, dass andere Formen den Schülern, aber auch Lehrkräften, Eltern und Familien Nachteile gebracht hätten. "Viele Schülerinnen und Schüler haben tatsächlich Schwierigkeiten gehabt, weiter zu folgen", so die rheinland-pfälzische Bildungsministerin.

Deutscher Lehrerverband fordert Verschärfung der Hygienemaßnahmen an Schulen
tagesschau 20:00 Uhr, 11.11.2020, Claudia Drexel, NDR

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"Keine exorbitanten Anwächse"

Die Zahlen des Lehrerverbands seien kein Grund, in Aufregung zu geraten, sagte auch die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann im SWR. So seien in Baden-Württemberg derzeit weniger Klassen in Quarantäne als noch vor vier Wochen. Selbst angenommen, es seien deutschlandweit 300.000 Schülerinnen und Schüler von insgesamt elf Millionen in Quarantäne, handele es sich damit weder um "exorbitante Anwächse" noch gebe es einen "Grund für Panik", so die CDU-Politikerin.

In Baden-Württemberg befänden sich zur Zeit 374 von 67.500 Klassen in Quarantäne, das sei "nicht mal ein Prozent", so die Ministerin. Daher rate sie dringend dazu, bei der Diskussion "auf Maß und Mitte zu achten". Sie wolle die Krankheitszahlen nicht kleinreden. Jeder Fall sei ein Infektionsgeschehen, das verfolgt werden müsse. Aber in der Gesamtrelation daraus zu folgern, man müsse jetzt die Schulen wieder schließen, halte sie, "mit Verlaub, für völlig unangemessen".

In Deutschland gibt es rund 40.000 Schulen mit insgesamt elf Millionen Schülern und rund 800.000 Lehrern.

Große Mehrheit gegen Schulschließungen

Den Vorwurf des Deutschen Lehrerverbands, die Politik handle nicht mehr präventiv, sondern reagiere nur noch, wies Eisenmann zurück. Natürlich seien die Gesundheitsämter zuständig, wenn ein Infektionsgeschehen auftrete, nicht nur bei Schulen. "Das ist kein neuer Vorgang, und da drückt sich auch niemand." Sie rate dringend dazu, sich auf Experten zu verlassen. 86 Prozent der Eltern seien "dankbar und froh", dass die Schulen geöffnet seien, sagte sie.

Auch im aktuellen DeutschlandTrend sprachen sich 86 Prozent der Befragten gegen Schulschließungen aus.

Neue Corona-Einzelmaßnahmen
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Neue Corona-Einzelmaßnahmen

Baden-Württemberg wolle die Schulen flächendeckend offen lassen. Das rollierende System - also eine Woche Präsenzunterricht, eine Woche Online-Unterricht - habe man zwischen den Pfingst- und Sommerferien praktiziert, erklärte die CDU-Politikerin weiter. Es sei damals "sehr kritisiert worden." Daher setze man auf Präsenzunterricht. "Wir wollen dort, wo ein Infektionsgeschehen auftritt, regional, standortbezogen reagieren, aber nicht im ganzen Bundesland alle 4500 Schulen schließen."

Beherrschbares Risiko

Auch in Brandenburg hält man die Gefahr einer Corona-Ausbreitung in den mehr als 900 Schulen im Land bisher für beherrschbar. "Wir haben zurzeit vier geschlossene Schulen -  bei 915 Schulen in Brandenburg ist das überschaubar", sagte Bildungsministerin Britta Ernst im Landtag in Potsdam. "Wir haben aber sehr viele Lerngruppen in Quarantäne. Das ist eine gezielte Reaktion auf Infektionsgeschehen und wir haben auch einen Schwerpunkt in Cottbus."

Die SPD-Politikerin zeigte sich offen, die Anschaffung von Luftfiltern für Klassenräume zu untersuchen. "Ich finde berechtigt, dass wir es noch mal prüfen." Sie verwies aber darauf, dass das Umweltbundesamt zu klassischem Lüften rät: Mobile Luftreiniger in Klassenräumen oder zu Hause könnten das aktive Lüften nicht ersetzen.

Bundeselternrat spricht von "Versagen"

Der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, warf den Ländern hingegen Versagen vor. "Wenn es um die Gesundheit der Kinder geht, müssen wir notfalls auch in Kauf nehmen, dass der Schulbetrieb wieder eingeschränkt wird." Es müsse dann alles getan werden, um vor allem für die Kinder Betreuung zu organisieren, für die sie anders nicht sichergestellt werden könne.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek warb hingegen für eine positive Sichtweise. Man habe es geschafft, bis hierhin die Schulen offen zu halten. Stand heute sei zunächst einmal zu hoffen, dass sich die Infektionszahlen stabilisieren, sagte die CDU-Politikerin mit Blick auf die Frage, ob ein Schul-Lockdown bevorsteht.

Ausweitung der Maskenpflicht?

Welche Rolle Schulen bei der Verbreitung des Coronavirus spielen, ist umstritten. Einheitliche Studienergebnisse liegen nicht vor. Laut Robert Koch-Institut sind Schülerinnen und Schüler zwar keine "Treiber" der Pandemie, aber sie sind "prinzipiell empfänglich für eine Infektion mit Sars-CoV-2 und können andere infizieren".

Die Schulen haben verschiedene Möglichkeiten, um die Infektionsgefahr zu verringern, etwa über geteilte Klassen oder auch eine Ausweitung der Maskenpflicht. Bundesbildungsministerin Karliczek hatte am Dienstag für eine allgemeine Maskenpflicht im Unterricht an allen Schulen plädiert. Nach Angaben von Gesundheitsminister Jens Spahn wollen Bund und Länder bei ihrem Treffen am Montag darüber beraten.

Über dieses Thema berichtete am 11. November 2020 die tagesschau um 07:00 Uhr und B5 aktuell um 09:03 Uhr.

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