Ein Mitarbeiter führt in einer Corona-Teststation einen Corona-Schnelltest durch.  | dpa

Coronavirus Fragwürdige Schnelltests

Stand: 09.01.2022 10:57 Uhr

Viele Schnell- und Selbsttests sind nicht unabhängig geprüft oder schneiden in Checks nicht besonders gut ab, warnen Virologen und Verbraucherschützer. Für Laien ist schwer zu durchschauen, welche Tests taugen. 

Von Kristin Becker, ARD-Hauptstadtstudio

Ein üblicher Morgen im Testzentrum Bilk in Düsseldorf. Vor der ehemaligen Apotheke bildet sich schon kurz vor 9 Uhr eine Schlange, dann geht es los. Medizinisch vermummt mit FFP2-Maske und Visier führen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter routiniert die Abstriche durch. Mancher braucht den Test für die Arbeit, viele sind hier, weil sie zum Sport in Fitnessstudio oder Turnhalle ein negatives Testergebnis vorweisen müssen oder ein Treffen mit Familie und Freunden absichern wollen.

Kristin Becker ARD-Hauptstadtstudio

Etwa 700 Tests sind es derzeit pro Tag, sagt Aris Kelz. Der Psychologiestudent stammt aus einer Apothekerfamilie und hat das Testzentrum vergangenes Jahr aufgemacht. Im Moment gehe die Trefferquote in Richtung ein Prozent. Das sei schon viel, findet Kelz, "wenn man bedenkt, dass wir dazu angehalten sind und wissentlich nur asymptomatische Patienten testen".

Lauterbach kündigt Positivliste für Schnelltests an

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat eine Positivliste für Schnelltests angekündigt. Im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio sagte er, er habe das Paul-Ehrlich-Institut veranlasst, eine solche Aufstellung vorzubereiten "mit Tests, die für Omikron besonders geeignet sind bzw. Omikron früh erkennen. Dies wird allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen." Damit solle eine bessere Orientierung bei der Test-Auswahl ermöglicht werden.

Die Erkenntnisse zu Tests, die in den vergangenen Monaten ausgewertet wurden, könne man nicht direkt auf Omikron übertragen. Sinnvoll sei es aktuell, so Lauterbach, Schnelltests gegebenefalls mehrfach durchzuführen.

Großes Vertrauen in Schnelltests

Die meisten, die sich an diesem Morgen testen lassen, haben großes Vertrauen in die Antigen-Schnelltests. Und zwar sowohl bei den Bürgertests im Testzentrum als auch bei Selbsttests, die in Apotheke, Drogerie, Supermarkt oder im Netz zu kaufen sind.

Das kommt wohl auch daher, dass die politischen Verantwortlichen in Deutschland stark auf die Schnelltests setzen - auch angesichts von Omikron. 2G-Plus ist das neue Maß der Dinge und das frühere Freitesten aus Quarantäne bzw. häuslicher Isolation soll nicht nur mit PCR-Test möglich sein, sondern auch mit einem Schnelltest. So hat es der Bundeskanzler zusammen mit den Ländern gerade beschlossen. Doch ist bislang gar nicht abschließend wissenschaftlich geklärt, wie gut die Tests bei der neuen Variante wirklich funktionieren.

Wie gut erkennen die Tests Omikron?

Oliver Keppler ist in jedem Fall beunruhigt. Nicht allein wegen Omikron - der Virologe von der Ludwig-Maximilians-Universität München warnt seit Monaten vor der mangelhaften Qualität vieler Schnelltests. "Wir haben derzeit auf dem deutschen Markt etwa 600 verschiedene Antigen-Schnelltests" - viele davon seien bisher "nicht von unabhängigen Stellen oder Wissenschaftlern geprüft" worden. Grundsätzlich gebe es große qualitative Unterschiede, "insofern ist die Aussagekraft der Selbst- und Schnelltests doch sehr eingeschränkt".

Die Tests böten nur eine trügerische Sicherheit und verleiteten dazu, sich nicht mehr ausreichend vorsichtig zu verhalten. "Wenn ein Mensch sich testet und ein negatives Ergebnis hat, geht er, denke ich, zurecht davon aus, dass ein in Deutschland verfügbarer Test auch ein vernünftiges Ergebnis liefert, auf das ich mich dann weitgehend verlassen kann. Und das ist nicht gegeben."

Zulassung basiert oft auf Herstellerangaben

Das Problem: Derzeit basieren die Testzulassungen vor allem auf Herstellerangaben. Erst im Mai soll sich das europäische Zulassungsverfahren ändern, fragwürdige Tests können aber wegen einer Übergangsfrist potenziell bis 2025 auf dem Markt bleiben - und sind es auch aktuell, wie Recherchen von Monitor und "Business Insider" gezeigt haben.  

Eine flächendeckende unabhängige Evaluierung aller verfügbaren Tests fordert Arne Weinberg von der Verbraucherzentrale NRW. Gerade auch bei Selbsttests müssten die Nutzerinnen und Nutzer Klarheit haben. Der Gesundheitsmarktexperte sieht, wie auch Virologe Keppler, ein großes Informations- und Transparenzdefizit im Bezug auf die Qualität der Schnelltests, die in Deutschland verkauft werden dürfen.

PEI evaluiert Schnelltests

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gehört zum Geschäftsbereich des Bundesgesundheitsministeriums und testet Schnelltests - bislang wurde allerdings nur ein Teil der erhältlichen Tests evaluiert.

Wissenschaftliche Genauigkeit gehe vor Schnelligkeit, betont Klaus Cichutek, der Präsident des PEI im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio. "Hundertprozentige Sicherheit" gebe es bei den Antigen-Schnelltests nicht, sie seien ein erster Hinweis und dazu da, "sogenannte Superspreading-Events" zu verhindern. "Das heißt, bei Personen anzuschlagen, die noch hohe Viruslast im Nasen-Rachenraum haben und bei denen auch im Kontakt mit anderen ein hohes Risiko der Übertragbarkeit des Virus besteht. Das ist die Funktion dieser Tests und keine absolute Genauigkeit." Aktuell hat das PEI 245 Tests ausgewertet und 46 davon als ungenügend eingestuft.

Unklare Standards, schlecht verständlich

Für Laien ohne wissenschaftliche Vorkenntnisse ist die entsprechende Liste, die als PDF im Internet steht, allerdings schwer zu verstehen, kritisiert Verbraucherschützer Weinberg. "Die Untersuchungsergebnisse sind nicht so verständlich, dass der Verbraucher oder die Verbraucherin sofort sehen kann, was taugt der Test, den ich gerade in der Hand habe." Manche Tests seien außerdem unter anderem Namen auf dem Markt und dann nicht auf der Liste zu finden.

Außerdem sei nicht nachvollziehbar, warum ein Test in der PEI-Bewertung nicht durchfalle, wenn er zwar bei "sehr hoher Viruslast" sicher anschlage, aber bei lediglich "hoher Viruslast" nur schlecht funktioniere: "Es haben Tests diese Überprüfung bestanden, die bei sehr hoher Viruslast um die 100 Prozent haben, also sehr gut sind, bei hoher Viruslast aber unter zehn Prozent liegen." Solche Tests dürften dann trotzdem auch für Bürgertests eingesetzt werden, die der Staat bezahle.

Auch Virologe Keppler ist mit der PEI-Evaluierung nicht zufrieden. Sie sei ein "wichtiger Anfang", entspräche aber wissenschaftlich gesehen "nicht internationalen Standards, weder in der Durchführung noch in der in der Interpretation der Daten". Da müsse nachgebessert werden. Zudem müssten die Ergebnisse auch Konsequenzen haben - und schlechte Tests tatsächlich vom Markt verschwinden.

Was tut das Gesundheitsministerium?

Man habe "hohe wissenschaftliche Maßstäbe angelegt" und das Kriterium, dass "75 Prozent der Proben erkannt" werden müssten, verteidigt PEI-Chef Cichutek die Auswertungen seiner Behörde. "Wir reden hier von einem gewissen Kontinuum von Sensitivität und Testempfindlichkeit. Aber natürlich gibt es noch eine Reihe von Tests, die innerhalb dieses Kontinuums besser sind oder schlechter sind." Auch habe man die Nutzerfreundlichkeit der Auflistung schon "sehr stark verbessert" - etwa durch eine alphabetische Sortierung. "Das könnte man für den Laien aber noch einfacher darstellen."

Für mehr öffentlichkeitswirksame Aufklärung zur Qualität von Schnelltests müsste, so Weinberg und Keppler, aber auch das Bundesgesundheitsministerium sorgen. Es ist unklar, warum das Ministerium nicht deutlich vor minderwertigen Tests warnt. Eine Anfrage des ARD-Hauptstadtstudios dazu ließ das Ministerium bislang unbeantwortet.

Dieses und weitere Themen sehen Sie im Bericht aus Berlin um 18 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete BR24 Rundschau am 10. November 2021 um 16:00 Uhr.